Es waren keine Massendemonstrationen, aber sie waren medienwirksam, so wie von Chinas Parteiführung gewünscht: Zehntausende Chinesen protestierten in den vergangenen Tagen in den wichtigsten Städten des Landes vor japanischen Einrichtungen und riefen japanfeindliche Parolen. Sie demonstrierten dagegen, dass die Regierung in Tokio kürzlich ankündigte, drei von fünf winzigen Inseln zu kaufen, auf die beide Länder Anspruch erheben.

Wegen fünf kleiner und unbewohnter Inseln im Ostchinesischen Meer, manche sind nur Felsen, liefern sich zwei der drei größten Volkswirtschaften der Welt nun eine skurile, bedrohlich anwachsende Auseinandersetzung. Dabei stehen die Senkaku-Diaoyu-Inseln, die bislang zum Teil einer Unternehmerfamilie gehörten, bereits seit 1972 unter der Verwaltung Tokios – zum Ärger Pekings, wo man das nicht hinnehmen will.

Vordergründig versprechen die Gewässer um die Inseln Fischreichtum und Rohstoffe. Dahinter dräut jedoch eine gefährliche Mischung aus Souveränitätsansprüchen und Nationalismus. Am Dienstag erreichten die Proteste in China einen Höhepunkt. An diesem Tag jährte sich der Mukden-Zwischenfall, der Japan am 18. September 1931 den Vorwand für die Besetzung der Mandschurei, des nordöstlichen Teils Chinas, lieferte. Ein Datum, das für Ostasien bereits eine Art Auftakt zum Zweiten Weltkrieg war, der in China Todesopfer in zweistelliger Millionenhöhe hinterließ.

Auslöser für die jüngste Krise zwischen Peking und Tokio war im Juli die Ankündigung der japanischen Regierung, drei der fünf Inseln zu kaufen . China sieht darin eine Zementierung von Besitzansprüchen Japans. Bis 1972 hatten die USA die Inseln in Folge des Weltkrieges als Teil Okinawas besetzt und gaben sie dann unter japanische Verwaltung. Souveränitätsrechte wurden seinerzeit nicht festgelegt; seit 1895 standen die Inseln bis zur US-Besatzung unter der Verwaltung Japans.

Ein  militärischer Konflikt ist unwahrscheinlich

Vergangene Woche bestätigte die japanische Regierung den Kauf. Schon im Juli hatte Peking Patrouillenboote der chinesischen Fischereiflotte zu den Inseln geschickt. Als bisheriger Höhepunkt der Krise entsandte Peking am Mittwoch zehn Marineschiffe und vier Fischerei-Patrouillenboote zum Archipel. Nach japanischen Angaben sollen zwei der Boote in das von Japan beanspruchte Hoheitsgewässer eingedrungen sein. Laut der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua wurden die Schiffe von der japanischen Küstenwacht aufgebracht; danach habe Japan sechs Schiffe sowie Überwachungsflugzeuge geschickt.

Beobachter halten es jedoch für ziemlich unwahrscheinlich, dass sich aus den Schiffsscharmützeln militärische, gar kriegerische Auseinandersetzungen entwickeln. Peking hat auch mit zahlreichen anderen Staaten im Westpazifik vergleichbare Konflikte. Und die wirtschaftliche Verflechtung zwischen beiden Ländern ist sehr eng. Für Japans Unternehmer ist der chinesische Markt wichtig und umgekehrt. Das gleiche gilt für die Investitionen im jeweils anderen Land.

Dennoch hat der Senkaku-Diaoyu-Streit vor Kurzem eine andere, gefährliche Qualität bekommen: Am 10. September veröffentlichte das Pekinger Außenministerium neue Linien zum Grenzverlauf in den Gewässern der umstrittenen Region, sogenannte Basislinien – und nach diesen Linien stünden die Inseln unter der Verwaltung Pekings. Wenig später reichte Peking diese Ankündigung auch bei den Vereinten Nationen ein. Das ist umso bemerkenswerter, als die chinesische Regierung in der Formulierung von Territorialansprüchen bis dahin meist eher unpräzise gewesen ist.