BotschaftskrawalleSalafisten bedrohen die tunesische Demokratie

Fasst nach der Freiheitsrevolution in Tunesien der radikale Islamismus Fuß? Was beim Sturm auf die US-Botschaft in Tunis wirklich geschah, analysiert Gero von Randow. von 

Tunesische Salafisten bei einer Kundgebung im Mai 2012

Tunesische Salafisten bei einer Kundgebung im Mai 2012  |  © AFP/FETHI BELAID

Nach dem Freitagsgebet in der al-Fath Moschee, die an der Straße der Freiheit im Stadtkern von Tunis liegt, machten sie sich auf den Weg: einige Hundert, meist Bärtige in traditionellem Gewand, " Allahu Akbar " rufend. Sie mussten gut zehn Kilometer gehen, manche fuhren allerdings in Kleinbussen, bis sie ihr Ziel erreicht hatten: die Botschaft der Vereinigten Staaten.

Eine wütende, drohende Menge war das, doch die Polizei zeigte sich nur spärlich. Das Botschaftsgebäude war bloß an einer Seite gesichert. Glaubwürdigen Augenzeugen zufolge ging die Menge organisiert zum Angriff über: vorne die Jugendlichen, dahinter Erwachsene, die sie mit Wurfgeschossen und immer neuen Parolen versorgten.

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Die Angreifer drangen auf das Botschaftsgelände vor , ersetzten die amerikanische Flagge durch die der Salafisten, während sich das Personal im panic room verbunkert hatte. Erst nach gut drei Stunden schlugen Sicherheitskräfte zurück – nun war Verstärkung gekommen. Sie schossen erst in die Luft, dann in die Menge. Vier Menschen starben.

Polizei prügelt, verhaftet, foltert noch immer

Kaum anzunehmen, die Polizei sei überrascht gewesen. Tunesiens Salafisten hatten am Freitag ja nicht zum ersten Mal Krawall gemacht . Seit Monaten attackieren sie vielerorts Kulturzentren, Kinos, Theater, Galerien, Hotelbars, Universitäten, sobald sie einen Anlass sehen, zur heiligen Gewalt überzugehen. Kürzlich stürmten sie sogar eine Veranstaltung für die Solidarität mit den Palästinensern, und zwar wegen der Anwesenheit eines Hisbollah-Vertreters. Schließlich war der fromme Terrorist ein Schiit.

In solchen Fällen greift die Polizei nur selten ein. Nicht, dass ihre berüchtigten Kommandos auf einmal Lämmerherden geworden wären. Sie prügeln, verhaften und foltern auch heute noch, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Sturz der Diktatur Ben Alis . Ihre Feinde suchen sie sich willkürlich aus. Mal sind es Leute, die im Ramadan tagsüber essen. Dann sind es demonstrierende Menschenrechtler. Oder es sind Fußballfans; selbst mit den Ultras unter den Hooligans wird die Polizei fertig, und die sind härter als die Salafisten.

Tunesiens Repressionsapparat ist noch immer so umfangreich, dass er eine eigene soziale Schicht bildet. Ihre Ressource ist die Gewalt. Auf salafistische Attacken antwortet die Staatsmacht hingegen meist dosiert. Über die Gründe wird spekuliert: Gibt es im Innenministerium Kräfte aus polizeistaatlicher Zeit, die an chaotischen Zuständen interessiert sind – und haben diese Leute womöglich Agenten in den salafistischen Reihen? Vor der amerikanischen Botschaft war es jedenfalls nicht die Polizei, die schließlich die Angriffe zurückschlug, sondern eine vom Innenminister alarmierte Sondereinheit.

Leserkommentare
    • calmon
    • 20. September 2012 10:57 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Danke. Die Redaktion/kvk

    Eine Leserempfehlung
  1. und die Radikalen in Israel wie Netanjahu bedrohen den Weltfrieden und unerstützen die 'Aktivisten' in Syrien um den Salafisten einen weiteren Gottesstaat zu schenken.

    11 Leserempfehlungen
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    • Kobuk
    • 20. September 2012 12:37 Uhr

    Der Witz ist ja, dass man die Islamisten den aufgeklärten säkularen islamischen Bewegungen vorzieht. Eben weil sie dem Kapitalismus nicht abgeneigt sind. Alle eher fortschrittlichen und säkularen Regierungen im Nahen Osten und Nordafrika waren Sozialisten. Nasser, Gaddhafi, Assad, Hussein. Alles Sozialisten. Alles Totfeinde.

    Aber die Salafisten interessieren diese weltlichen Ideologien nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied, solange er seinen Weg mit Allah geht, kien Alkohol trinkt und seine Frau unterdrückt. Da sind die Islamisten durchaus kompatibel mit den Werten des Imperiums. Ob der Gott jetzt Allah heisst oder Mammon ist da letztlich egal. Sein Wort steht immer über Menschenrechten & Co.

  2. Unterstützung für Wirtschaft und Demokratie in Tunesien geworden?

    Z. B. dieser: http://www.n-tv.de/politi...

    6 Leserempfehlungen
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    • Afa81
    • 20. September 2012 12:08 Uhr

    ...wir wissen alle, wohin solche Hilfen fließen, solange ein Land noch von Korruktion zerfressen ist.

    • tapster
    • 20. September 2012 14:02 Uhr

    Wie kann man etwas unterstützen, das es nicht gibt?

    • krister
    • 20. September 2012 11:13 Uhr

    "Salafisten bedrohen die tunesische Demokratie"

    Sie übersehen eine Kleinigkeit,nämlich,dass die Menschen bei den Wahlen die Islamisten gewählt haben.
    Diese Menschen möchten so leben,sie haben es gewählt,
    die Religion/Ideologie ist dort der wichtigste Wert für die Menschen.
    Tut mir leid für Ihre Träumereien,eine Demokratie wird es nicht geben.

    17 Leserempfehlungen
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    Die Nazis wurden auch gewählt.

    Ihre 'Argumentation' hat daher etwas Verächtliches.

    Der Unterstützung für radikale Gottesstaaten muß eindeutig der Riegel vorgeschoben werden.
    [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    "...die Menschen bei den Wahlen die Islamisten gewählt haben."
    Genau daran habe ich große Zweifel. Radikale Gläubige sind eine Minderheit, die Mehrheit der Menschen dort ist dieser Fanatismus zu heftig.
    Wenn da alles mir rechten Dingen abgelaufen ist, heiße ich Hillary Clinton.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/mak

    • AtoY
    • 20. September 2012 11:13 Uhr

    dieser Welt bedrohen in JEDEM Land dieser Welt die Demokratie, (Meinungs)Freiheit!

    Nur wieso es immer wieder über den Islam bzw. deren radikale Anhänger berichtet wird ist mir manchmal schleierhaft.

    Die Salafisten gehören zu den schlimmsten, keine Frage, aber es gibt auch vor allem in USA mehr als genug Fundi-Christen also berichtet bitte auch drüber!

    4 Leserempfehlungen
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    • spigg
    • 20. September 2012 11:26 Uhr

    Wieso sollte man nicht über die Salafisten berichten? Während die USA eine gefestigte Demokratie sind, die seit mehr als 200 Jahren besteht, entwickelt sich in Nordafrika gerade erst der "freie Wille" der Bürger. Da ist es doch klar, dass die Europäer, schließlich leben wir nicht all zu weit voneinander entfernt, ein Interesse an der dortigen Lage haben. Wo geht die Reise hin? Werden es freiheitliche Demokratien, wie manche Beobachter des arabischen Frühlings meinten, oder doch undemokratische Gottesstaaten, wonach es gerade aussieht?

    Wie man in Ägypten sieht haben die Salafisten einen großen Rückhalt in der Gesellschaft und durchaus Chancen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Bei ähnlich fundamentalen Christen besteht eine solche Sorgen in den USA dagegen nicht.

  3. Danke für den Artikel, ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob dies die einzige Strömung ist die radikales Vorgehen fördert.

    "In jedem Fall ist aber der Salafismus ein Risiko erster Ordnung." Und diese Einschätzung sollte auch beim Verfassungsschutz der BRD eine gewichtige Rolle spielen.

    4 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  4. "Rachid Ghannouchi, Chef der islamistischen Regierungspartei Ennahda, reagierte auf den vergangenen Freitag mit der Forderung, die Uno müsse ein weltweites Verbot der Gotteslästerung durchsetzen."

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    • Kiira
    • 20. September 2012 11:50 Uhr

    Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag. Wenn die Muslime wollen, dass ihre religiösen Vorschriften auch in Ländern eingehalten werden, bei denen die Trennung von Staat und Kirche Staatsräson ist, dann müssen Sie versuchen, das in der UNO durchzusetzen.

    Dieser Weg ist viel besser als das bisherige Morden und Brandschatzen.

    Wenn die UNO ein Blasphemie-Verbot beschließt, dann sollten aber im Gegenzug ein paar universelle Menschenrechte auch in muslimischen Gottesstaaten verbindlich gemacht werden. Beispielsweise das der Gelichberechtigung von Frauen und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

    • spigg
    • 20. September 2012 11:26 Uhr

    Wieso sollte man nicht über die Salafisten berichten? Während die USA eine gefestigte Demokratie sind, die seit mehr als 200 Jahren besteht, entwickelt sich in Nordafrika gerade erst der "freie Wille" der Bürger. Da ist es doch klar, dass die Europäer, schließlich leben wir nicht all zu weit voneinander entfernt, ein Interesse an der dortigen Lage haben. Wo geht die Reise hin? Werden es freiheitliche Demokratien, wie manche Beobachter des arabischen Frühlings meinten, oder doch undemokratische Gottesstaaten, wonach es gerade aussieht?

    Wie man in Ägypten sieht haben die Salafisten einen großen Rückhalt in der Gesellschaft und durchaus Chancen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Bei ähnlich fundamentalen Christen besteht eine solche Sorgen in den USA dagegen nicht.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Radikale"
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    "Wie man in Ägypten sieht haben die Salafisten einen großen Rückhalt in der Gesellschaft und durchaus Chancen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Bei ähnlich fundamentalen Christen besteht eine solche Sorgen in den USA dagegen nicht."

    also in Ägypten stellt gerade die Muslimbruderschaft den Präsidenten und die Mehrheit. Und versucht die Salafisten und Islamisten - siehe im Besonderen Sinai - in den Griff zu bekommen.

    Ihre Meinung, dass fundamental christliche Strömungen keinen Einfluss auf die US Politik nähmen, kann ich, nach allen zur Verfügung stehenden Erkenntnissen und Informationen, wahrlich nicht nachvollziehen.

    Während die ägyptische Politik wenigstens versucht die extremistischen Strömungen der Salafisten einzudämmen, wird im US Wahlkampf - z.B. in der Wahl von Hardlinern wie Paul Ryan als running mate Rommneys - doch elementar der Einfluss von fundamentalen Christen eingestanden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Innenministerium | Botschaft | Hooligan | Korruption | Polizei | Ramadan
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