Nach dem Freitagsgebet in der al-Fath Moschee, die an der Straße der Freiheit im Stadtkern von Tunis liegt, machten sie sich auf den Weg: einige Hundert, meist Bärtige in traditionellem Gewand, " Allahu Akbar " rufend. Sie mussten gut zehn Kilometer gehen, manche fuhren allerdings in Kleinbussen, bis sie ihr Ziel erreicht hatten: die Botschaft der Vereinigten Staaten.

Eine wütende, drohende Menge war das, doch die Polizei zeigte sich nur spärlich. Das Botschaftsgebäude war bloß an einer Seite gesichert. Glaubwürdigen Augenzeugen zufolge ging die Menge organisiert zum Angriff über: vorne die Jugendlichen, dahinter Erwachsene, die sie mit Wurfgeschossen und immer neuen Parolen versorgten.

Die Angreifer drangen auf das Botschaftsgelände vor , ersetzten die amerikanische Flagge durch die der Salafisten, während sich das Personal im panic room verbunkert hatte. Erst nach gut drei Stunden schlugen Sicherheitskräfte zurück – nun war Verstärkung gekommen. Sie schossen erst in die Luft, dann in die Menge. Vier Menschen starben.

Polizei prügelt, verhaftet, foltert noch immer

Kaum anzunehmen, die Polizei sei überrascht gewesen. Tunesiens Salafisten hatten am Freitag ja nicht zum ersten Mal Krawall gemacht . Seit Monaten attackieren sie vielerorts Kulturzentren, Kinos, Theater, Galerien, Hotelbars, Universitäten, sobald sie einen Anlass sehen, zur heiligen Gewalt überzugehen. Kürzlich stürmten sie sogar eine Veranstaltung für die Solidarität mit den Palästinensern, und zwar wegen der Anwesenheit eines Hisbollah-Vertreters. Schließlich war der fromme Terrorist ein Schiit.

In solchen Fällen greift die Polizei nur selten ein. Nicht, dass ihre berüchtigten Kommandos auf einmal Lämmerherden geworden wären. Sie prügeln, verhaften und foltern auch heute noch, mehr als eineinhalb Jahre nach dem Sturz der Diktatur Ben Alis . Ihre Feinde suchen sie sich willkürlich aus. Mal sind es Leute, die im Ramadan tagsüber essen. Dann sind es demonstrierende Menschenrechtler. Oder es sind Fußballfans; selbst mit den Ultras unter den Hooligans wird die Polizei fertig, und die sind härter als die Salafisten.

Tunesiens Repressionsapparat ist noch immer so umfangreich, dass er eine eigene soziale Schicht bildet. Ihre Ressource ist die Gewalt. Auf salafistische Attacken antwortet die Staatsmacht hingegen meist dosiert. Über die Gründe wird spekuliert: Gibt es im Innenministerium Kräfte aus polizeistaatlicher Zeit, die an chaotischen Zuständen interessiert sind – und haben diese Leute womöglich Agenten in den salafistischen Reihen? Vor der amerikanischen Botschaft war es jedenfalls nicht die Polizei, die schließlich die Angriffe zurückschlug, sondern eine vom Innenminister alarmierte Sondereinheit.