Was ein salomonisches Urteil ist, hat Chanteé Roberts vergangenen Donnerstag gelernt. Bei der Tafel der katholischen Kirche für Arme in ihrer Heimatstadt Charlotte in North Carolina stritt sich die 43-jährige Mutter von vier Kindern mit einer anderen Mutter um die letzte Packung Toilettenpapier. Als Chanteé laut wurde, trat der Pastor dazwischen, riss die Packung auf und gab ihr und der anderen Frau je vier Rollen. "Mal sehen, ob uns das durch die Woche bringt", sagt die schwarze Frau resigniert.

Um Toilettenpapier und andere Dinge des täglichen Bedarfs kämpfen muss Chanteé Roberts erst seit gut einem Jahr. "Vorher waren wir eine normale Familie. Untere Mittelklasse vielleicht, aber auf jeden Fall Mittelklasse", erzählt sie. Chanteé verdiente als Pflegerin mit Collegeabschluss in einer Kinderklinik gut 2.000 Dollar, ihr Mann Isaac als Landschaftsgärtner 1.800 Dollar. Aber dann ging Anfang 2011 erst Isaacs Firma pleite, er verlor seinen Job. Chanteé musste fortan sich und die vier Kinder alleine ernähren – bis der Stress und die ständigen Nachtschichten neben der vollen Verantwortung für die Familie selbst für die kräftige Frau zu viel wurden. Im Juli 2011 brach sie in ihrer Küche zusammen. Ihr Psychiater diagnostizierte eine Zwangsneurose und eine post-traumatische Belastungsstörung. Für sechs Monate brauchte Chanteé eine Gehhilfe, erst nach acht Monaten konnte sie wieder problemlos sprechen.

Ihr Job war da längst weg, der Anspruch ihres Mannes auf Arbeitslosenhilfe auch. Heute lebt die sechsköpfige Familie von 698 Dollar Sozialhilfe im Monat, knapp 550 Euro.

Auch Mitglieder der Mittelschicht rutschen in Armut ab

Dass das soziale Netz für Arme in den USA knapp über dem Nichts baumelt, ist altbekannt. Doch inzwischen sind nicht mehr nur Schulabbrecher und alleinerziehende Mütter auf die Grundsicherung angewiesen. Seit 2008 ist die Zahl der Empfänger um über 600.000 auf knapp viereinhalb Millionen angestiegen. Darunter sind viele (ehemalige) Angehörige der Mittelklasse, die sich über Jahrzehnte bescheidenen Wohlstand aufgebaut hatten, so wie Chanteé Roberts: ein eigenes Haus, zwei Autos, sogar ein kleines Sparkonto für die Ausbildung der vier Söhne, von denen zwei inzwischen aufs College gehen.

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geraten Arme wie Chanteé Roberts nun ins Kreuzfeuer der Republikaner: In dem kürzlich bekannt gewordenen Video eines Auftritts vor reichen Spendern beschwert sich ihr Kandidat Mitt Romney über die 47 Prozent der Amerikaner, die keine Einkommenssteuer zahlten und angeblich lieber auf Geschenke der Regierung warteten statt selbst Geld zu verdienen. Damit nicht genug: In Werbespots werfen die Republikaner Präsident Barack Obama vor, den Arbeitszwang für Sozialhilfeempfänger abschaffen und ihnen "die Schecks einfach austeilen zu wollen". Dass Obamas Plan eigentlich helfen soll, mehr Hilfeempfänger in Arbeit zu bringen, und dass er von Gouverneuren beider Parteien unterstützt wird, interessiert die republikanischen Wahlkämpfer nicht.

Denn im Streit um die Sozialhilfe wird in den USA seit Jahrzehnten ein Stellvertreterkrieg zwischen Schwarz und Weiß gekämpft: In der Wahrnehmung der Weißen sind Sozialhilfeempfänger meist arbeitsscheue, schwarze Mütter, die mit den Schecks vom Amt ein Leben in Saus und Braus führen. "Sozialhilfe-Königinnen", wie Ronald Reagan sie einst nannte. Wenn Romney Obama vorwirft, die soziale Hängematte aufzuspannen, ist die Botschaft vor allem an weiße Arbeiter in den umkämpften "Swing States" Michigan und Ohio gerichtet: Seht her, unser schwarzer Präsident verteilt euer sauer verdientes Steuergeld an seinesgleichen!

Chanteé Roberts kennt diese Vorwürfe nur zu gut. "Ich glaube an Eigeninitiative, ich möchte arbeiten. Verdammt, vor vier Jahren habe ich noch für die Republikaner gestimmt!", schreit sie und schnauft tief durch. "Alles, was wir wollen, ist eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen."