Wir Amis / US-Kolumne : Hass und Hetze gehören in den USA zur Meinungsfreiheit

Die schmutzige Seite der Meinungsfreiheit: Schwarze beschimpfen, die First Lady eine Hure und Soldaten Mörder nennen – die Amerikaner wollen es so.
Occupy-Wall-Street-Demonstranten auf dem Times Square in New York © Adrees Latif/Reuters

Ich erinnere mich gern an das erste Mal, als ich eine Botschaft in Brand stecken wollte . Ich war damals noch jung, außerdem Mitglied der Mormonenkirche und glaubte auch fest daran. Allerdings glaubte ich auch an die Literatur, besonders an das größte amerikanische Literaturgenie aller Zeiten: Mark Twain . Bis ich seinen Reiseroman Durch Dick und Dünn entdeckte.

Darin zerpflückt er auf respektloseste Art das Buch Mormon. In Worten, die er sich niemals auf die Bibel anzuwenden trauen würde, zieht er die heiligste Schrift der Mormonen durch den Dreck, und dann tut er es gleich noch mal: "gedrucktes Chloroform" sei es; ein Wunder, dass der Autor es überhaupt zu Ende habe schreiben können, ohne einzuschlafen; reine Fantasie, ein Plagiat, "grotesk". Das Schlimmste: Die Kritik war auch noch witzig. Das saß!

Bis dahin hatte ich jedes Wort angebetet, das Mark Twain von sich gab. Jetzt verstand ich, dass dieser Mann in Wahrheit des Teufels war. Es war ein echtes emotionales Drama für mich, denn ich war zwischen zwei großen Lieben hin- und hergerissen. Am Ende aber hatte ich keine andere Wahl: Ich musste akzeptieren, dass auch Mark Twain mal ein Arschloch sein darf – und gab mit einer gewissen Erleichterung meine Pläne auf, die örtliche Mississippi-Botschaft in Brand zu setzen. Es war gewissermaßen meine erste Erziehung in Sachen demokratischer Diskurs. Aber lange nicht die letzte.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

In Amerika vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit den schmutzigen Seiten der Meinungsfreiheit konfrontiert werden. Immer wieder stoßen unsere Kinder auf Neonazi-Webseiten, auf denen die schlimmsten Beschimpfungen über Juden, Schwarze und andere Minderheiten ausgekippt werden. In den USA darf man das. Das ist übrigens der Grund, warum deutschsprachige Neonazi-Webseiten oft ihre offizielle Adresse in den USA haben, eindeutig aber von Deutschland aus betrieben werden.

Ebenso ist es erlaubt, vor einem Friedhof mit einem Schild zu demonstrieren, auf dem steht, Gott hasse Schwule . Außerdem sei der Soldat, der gerade beerdigt wird, völlig zu recht gestorben, weil er ein Land verteidigt habe, dass Schwule in Schutz nimmt. Genau das tut der durchgedrehte, homophobe Hassprediger Fred Waldron Phelps immer wieder und kommt trotz Klagen und Anfeindungen jedes Mal damit durch.

Zügelloses Gebrabbel, das wir mit Händen und Füßen verteidigen

Es ist auch legal, weiße Laken überzuwerfen und Kreuze zu verbrennen. Es ist legal, Hakenkreuze zu tragen, den Holocaust zu leugnen, alle Soldaten als Mörder zu beschimpfen und Romane zu schreiben, in denen die sexuellen Gepflogenheiten der Ex-Freundin ausführlich beschrieben werden. Es ist legal, zu behaupten, Präsident Obama stamme von Affen ab. Und außerdem sei die Welt von Außerirdischen bedroht, wie ich letztens auf liebevoll handgemalten Plakaten vor einem Supermarkt in Salem, Oregon lesen konnte.

Die meisten Amerikaner nehmen tagtäglich unglaublich viel Dreck in Kauf, um das Recht auf freie Meinungsäußerung zu schützen. Wir halten es für einen echten Grundpfeiler der Demokratie (was übrigens nicht stimmt: Demokratie ist auch mit einer eingeschränkten Meinungsfreiheit möglich, wie das in Deutschland der Fall ist). Wir hassen das zügellose Gebrabbel und verteidigen es doch mit Händen und Füßen.

Auch Amerika hat Gesetze gegen Verleumdung, Diskriminierung oder gar Aufforderung zum Mord. Aber es ist schwerer als in den meisten Ländern der Welt, in solchen Fällen die Schuld zu beweisen. Ist der Satz "Amerika wird erst dann wieder Amerika sein, wenn alle linkshändigen Menschen tot sind" eine Aufforderung zum Massenmord oder einfach eine Meinung? Im Zweifel entscheidet das Gericht fast immer zugunsten der Meinungsfreiheit.

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Kommentare

128 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Es hat auch seine Vorteile,

wenn die Meinungsfreiheit etwas weiter gefasst wird, also eben auch mal Dinge gesagt werden können, die die Rechte anderer Gruppen berühren. Wenngleich natürlich immer irgendwo eine Grenze gezogen werden muss (Aufforderung zur Gewalt z.B. wäre so eine Grenze).

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

Na, Sie scheinen ja schon etwas gelernt zu haben

Nun verbreiten Sie das bitte - vielleicht wird unser schönes Deutschland dann wieder ein wenig entspannter.
Beleidigungen über sich mit Humor abrieseln zu lassen, bedarf eines festen und starken Charakters, einer selbstbewussten Persönlichkeit.
Da scheinen wir, nach den Amerikanern, Franzosen, Skaninaviern und Briten, ganz gut ausgestattet zu sein. Über Andere rede ich hier nicht, aber, wie heißt es: Wer austeilt, sollte auch einstecken können. Zeugt von schlechtem Charakter wenn man selber überall Rassisten ausmacht aber durchdreht, wenn der Lebenslauf seines Propheten noch einmal auf Grundlage der Aussagen des Koran verfilmt wird.
Wir waren Kreuzzügler; wir waren grausam; wir waren schrecklich.
Heute sind wir schrecklich nett und so friedlich, dass aus aller Welt die Menschen sich zu uns flüchten.
Nicht, weil hier das Paradies wäre - aber wohl doch erträglicher als anderswo, wo die Gläubigen sich untereinander metzeln - nicht früher; noch heute!

Das passiert doch schon

Das passiert im n+vermeintlich anonymen Internet auf einschlägig bekannten Blogs seit langer Zeit.
Das ist eben die Freiheit,die allerdings in Deutschland ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze findet. In Deutschland ist es aber schon passiert, daß jemand der z.B. gegen Schwule hetzt einen Bambi erhielt,da er ein Beispiel für gelungene Integration sei.

Hetze

"die sich vermutlich auch viele weiße Deutsche wünschen würden"

Ihr Aussage impliziert das schwarze Deutsche, muslimische Deutsche oder andersfarbige Deutsche über alles erhaben sind, und niemals Vorurteile gegen Minderheiten hätten.

Ihr klicheebehaftetes Schwarz-Weiß Denken ist nicht besser als das eines Evangelikalen Südstaaten Predigers.
Ethnizismus ist kein von "weißen Deutschen" gepachtetes Phänomen.

Belangt werden?

Wer wird denn wegen seinen Äußerungen belangt? Natürlich kann man angezeigt werden, wenn man jemanden beleidigt. Aber über alles und jeden auf aller unterster Ebene herziehen? Das kann man tagtäglich machen. Fast immer und überall.

Haben Sie irgendwie schlechte Erfahrungen mit "weißen Deutschen" gemacht? Oder waum sonst packen Sie in Ihren Kommentar mehr Vorurteile als auf ein NPD-Plakat passen?

Meinetwegen kann die Titanic Witze über mich machen oder ein Pfarrer mit einem Plakat durch die Stadt laufen "Gott hasst 15thMD". Er soll doch sagen, was er will. Die Menschen selbst müssen wissen, was sie glauben und was nicht und was SATIRE ist (Könnte das dem Benedikt mal jemand erklären?).

@99. "Verbale Gewalt ist auch Gewalt."

Vor die Wahl gestellt
A)
einen Messerstich/[...]/Kopfschuss

oder

B)
eine Beleidigung/eine unerträgliche herabwürdigende diffarmierende Schmähung

hinnehmen zu müssen, würde da jemand zufällig auswählen weil es ja beides Gewalt, also das gleiche ist. => Blödsinn.

Körperliche Gewalt erreicht nunmal relativ zügig und auch real viel zu häufig Endgültigkeit (bleibende Schäden, Tod).