Eingeschlafener Protest an der Wall Street © Alexander Demling

Chris war zu "Occupy" an die Wall Street in New York gekommen, um friedlich zu protestieren. Doch bei der Kühlbox hörte der Spaß auf: "Ein Polizist schlich sich an unser Lager und wollte eine Kühlbox mit Essen mitnehmen. Ich packte sie, es gab ein Handgemenge, und jetzt bin ich angeklagt. So einfach machen sie einen zum Staatsfeind", sagt der 29-Jährige und fuchtelt mit seinen tätowierten Armen. "Haben Sie gelesen, dass Assad nun Bäckereien bombardiert, um die Rebellen auszuhungern? Unsere Regierung ist keinen Deut besser!"

Dabei weist auf syrische Verhältnisse wirklich nichts hin im Lager von Occupy Wall Street. Unter einem Baugerüst vor einer Kirche fläzen sich fünf Leute auf Schlafsäcken zwischen einer Gitarre, einem Gaskocher für Fertiggerichte und einem Pappschild – auf dem steht, bei einem Protest komme es nicht auf die Zahl der Teilnehmer an.

Was ist nur aus Occupy Wall Street geworden? Statt für ein gerechteres Finanzsystem wird in der Herzkammer des Finanzkapitalismus nun um Kühlboxen gekämpft. Dabei schien nach der Besetzung des Zucotti-Parks im Herzen Manhattans vor nicht mal einem Jahr so vieles möglich: Die Forderung nach einem stabileren Finanzsystem und einer gerechteren Einkommensverteilung traf nicht nur in den USA einen Nerv.

Der Slogan "Wir sind die 99%" eroberte die Schlagzeilen. Die Proteste schwappten in praktisch jede amerikanische Großstadt und nach Deutschland, wo Demonstranten in Frankfurt den Platz vor der Europäischen Zentralbank in Beschlag nahmen. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bekannte sich zu der Bewegung , selbst US-Präsident Barack Obama zeigte Verständnis.

15.000 Menschen sollen in Charlotte demonstrieren

Doch heute ist die Mutter aller Occupy-Bewegungen praktisch tot. Das Lager im Zucotti-Park ist längst geräumt, der Großteil der Protestler ist nach Hause gegangen. Beim Parteitag der Demokraten in Charlotte, North Carolina , diese Woche wollen die "Besetzer" die Krönung von Barack Obama noch einmal mit Protesten stören. Es dürfte ihre letzte Gelegenheit sein, das Gehör der Regierungspartei zu finden und Einfluss auf die Politik der USA zu nehmen.

15.000 Demonstranten, so planen die Organisatoren von Occupy Charlotte, sollen im zweitgrößten Finanzzentrum der USA auf die Straße gehen. Beim Republikaner-Parteitag in Tampa in der vergangenen Woche kam ein Zehntel der erwarteten Teilnehmer.

In ihrem offiziellen Aufruf werfen die Organisatoren Obama vor, zu wenig für seine Gesundheitsreform getan zu haben und zu viel für das verhasste eine Prozent der reichsten Amerikaner. Sie kritisieren die Drohnenangriffe auf Pakistan , das amerikanische Zweiparteiensystem und den Umgang der Stadt Charlotte mit Obdachlosen.