Wir Amis / USA : Keine Angst vor Amerikas Patrioten

Die Amerikaner lieben ihr Land, den Deutschen ist das unheimlich. Muss es nicht. Der Patriotismus stärkt Staat und Bürger. Von Eric T. Hansen
Der Parteitag der Republikaner in Tampa, Florida © GettyImages

Man sah es in der vergangenen Woche bei der Republican National Convention , wo Mitt Romney als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde. Und man wird es wieder diese Woche auf der Democratic National Convention erleben, wo Barack Obama offiziell zum Kandidaten gekürt wird.

Zusammengerechnet kosten beide Events 136 Millionen Dollar (100 Millionen für Sicherheitsdienste und weitere 36 für Plakate, Ballons und den ganzen Kram, den man zu Hause gleich wieder wegschmeißt) – alles finanziert aus Steuergeldern. Dabei sind beide Veranstaltungen überflüssig, denn die Kandidaten stehen schon lange fest.

Alles Show also: die übergroße Bühne, die gigantische Videoleinwand, die übertriebenen Gesten, die pathetischen Reden, das Fahnenmeer, der Ballonhimmel, überall Rot-weiß-blau und vor allem der ohrenbetäubende, sinnlose Jubel.

Egal, wir Amis lieben Show, ob in der Politik oder in … naja, in Shows halt. Doch unser Patriotismus kommt von Herzen. Lachen Sie nicht: Wir lieben unser Land. In Umfragen geben immer wieder selbst Arme und Minderheiten an, dass sie an den amerikanischen Traum glauben, dass sie stolz auf ihr Land sind und dass sie ihre Heimat lieben – und das oft bei gleichzeitiger Kritik an den derzeitigen politischen Zuständen.

Die Verfassung ist wie eine Bibel

Zuweilen gleicht unser Patriotismus religiösem Fanatismus: Unsere Veranstaltungen sind so emotionsgeladen wie (gute) Gottesdienste, wir glauben an die Verfassung wie an die Bibel, und die Amtseinführung des Präsidenten steht der des Papstes in nichts nach.

All das brachte den Soziologen Robert Bellah 1967 dazu, die amerikanische Demokratie als eine "Zivilreligion" zu beschreiben. Er meinte, die Amerikaner hätten ihre tief verwurzelte Religiosität einfach auf ihr Land übertragen: Wir glauben tatsächlich an unsere Nation.

Es gibt einen Grund dafür. Amerikaner haben mehr als andere Völker das Gefühl, dass das Land ihnen "gehört". Es ist schwer vorstellbar, dass ein deutscher Liedermacher ein Lied über sein Land schreiben würde, in dem es heißt, " This land is your land, this land is my land ", wie Woody Guthrie 1940 in seinem beliebten Protestsong. Das ist eine ganz andere Aussage als "Wir sind das Volk".

Der Einzelne gegen Korruption und Aliens

Das ging nicht nur den Gründervätern so, sondern auch den Millionen von Einwanderern aus Europa , die ihnen folgten. Amerika war für sie nicht bloß eine adelsfreie Zone. Es war auch ein junger, noch ungeformter Staat, an dem jeder mitbasteln durfte.

Und musste. Die Idee, dass jeder Einzelne Verantwortung für den Aufbau des Staates trägt, sitzt tief. Man sieht es selbst in unserer Popkultur: In jedem dritten Hollywood-Film bekommt ein ganz normaler Typ plötzlich die Verantwortung aufgebrummt, ganz allein die Stadt, den Staat oder gar die Welt vor interner (zum Beispiel Korruption) oder externer (zum Beispiel Aliens) Gefahr zu retten. Von klein auf hören wir immer wieder: Der Einzelne trägt die Verantwortung für das Ganze.

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Kommentare

274 Kommentare Seite 1 von 35 Kommentieren

Interessant...

...denn ich erlebe es immer wieder, dass genau diejenigen, die den Deutschen ihren mangelnden "Patriotismus" oder gar "Nationalismus" vorwerfen, bei Bedarf mit dem kompletten Gegenargument kommen. Deshalb ist das alles nicht so ganz ernst zu nehmen.

Ansonsten: in den USA folgt man gerne dem Walt-Disney-Konzept. Damit werden erfolgreich Emotionen und Sentimentalitäten bedient.

Schräg

"Gerade hier in Deutschland, unbestritten das unpatriotischste Land der Welt, habe ich in den letzten 30 Jahren noch nie ein positives Wort über die politischen Verhältnisse in Amerika, Russland, Italien, Griechenland, Israel oder England gehört."

Ziemlich schräge Behauptung - gerade auch was die Zeit angeht. In den Beiträgen von Herrn Joffe sind zum Beispiel "positive Worte" vor allem über die USA und Israel der wesentliche Inhalt. Klar, Russland und andere Staaten kommen dann nicht so gut weg. Und wer anschließend einen Blick in die Leserkommentare wirft, kann sich vor Jubelarien und teils bösartigster Kritik an jedem, der diese Arien nicht mitsingt, kaum retten. Aber wer Micky-Maus-Inszenierungen in der Politik für großartig hält, befasst sich vielleicht mit allem anderen gar nicht. Da fehlt dann der Reiz.

Patriotismus ist kein Exportartikel

... da haben sie mir in schöner Knappheit ganz aus der Seele gesprochen. Kommt noch dazu, dass da ein System als vorbildlich für Patriotismus hingestellt wird, in dem "weniger Staat" eine der Hauptmaximen des politischen Handelns ist. Ein Zitat: "Politische Ideen wie die, dass der amerikanische Sozialstaat unbedingt abgebaut werden müsse, beginnen nicht in den Büros der Senatoren, sondern an den Stammtischen und in den Wohnzimmern." Schön und gut - aber bestimmt nicht in den Wohnzimmern, oder Hütten, derer, die leider durch den Rost gefallen sind...
Was ich sofort unterschriebe: wir alle, Bürger eines Landes, sind "der Staat", ganz im Sinne dessen, was wir als "Ameisenstaat" bezeichnen - und dieses Gefühl kommt in der Tat zu kurz in Deutschland. Ob das aber in US-Amerika so viel anders ist, wenn man mal ganz tief hinein schaut, wage ich zu bezweifeln. In einem Land, wo Individualismus und "des eigenen Glückes Schmied sein" so groß geschrieben werden, müsste man mal genau hinschauen, was da unter "Patriotismus" eigentlich verstanden wird. Wenn es nur, wie im Artikel einleitend so schön plastisch beschrieben wird, die "Show" ist, na dann...

Patriotismus

Also wenn wie in Amerika Patriotismus dazu führt, dass alles zur reinen Zwei-Klassen-Gesellschaft degradiert wird dann sehe ich das als sehr schädlich an.
Der "american dream" gilt nämlich nur für weiß, christlich/jüdisch und guter Familie.

Vor allem aber ist der amerikanische Patriotismus dahingehend gefährlich, da er die eigene Geschichte zur Unkenntlichkeit leugnet. Im schlimmsten Fall hat man dabei Radikale wie die "Boston Tea Party" oder teilweise die Republikaner.

Und was den Satz mit politischen Verhältnissen angeht:
Bei uns werden politische Verhältnisse wenigstens kritisch betrachtet.
Für die USA gilt die Schwarz-weiß-Sicht in Verbündete und die Achse des Bösen...

Schade das der Artikel genauso unkritisch ist.
Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se

Kurze Liste

Ich glaube nicht daran, dass "die Deutschen" in ihrer Mehrzahl nicht patriotisch sind. Zwar werden hier weniger Flaggen geschwenkt, aber wenn man einmal genau hinhört, ist doch die Meinung verbreitet, dass Deutschland eigentlich ein Land ist, das so in etwa (fast) allen anderen Ländern überlegen ist.Welches Land wird in Deutschland allgemein bewundert? Die Liste ist doch recht kurz.

Ein gestoertes Verhaeltnis

zum eigenen Patriotismus bei gleichzeitigem Ueberheblichkeitsgefuehl gegenueber Anderen geht sehr wohl. Wenn man zum Beispiel die Artikel und die Debatten in den Foren ueber das Singen oder Nicht-Singen der National Hymne vor dem verlorenen Laenderspiel gegen Italien gelesen hat, sieht man wie krampfhaft wir mit dieser Thematik umgehen und wie wir versuchen das gestoerte Verhaeltnis zu unserem "Vater"-Land als Fortschritt und Toleranz zu verklaeren.

Fehler

Ich glaube, Sie übersehen, dass Patriotismus nicht heißt, alle anderen Länder abzulehnen, sondern stolz und überzeugt vom eigenen Land zu sein. Das überlegenheitsgefühl ist dann vielleicht einen Nebenwirkung. Aber man hört wirklich selten, dass jemand sagt: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein."

Andererseits höre ich sehr oft ein überzeugtes: "Da sieht man mal wieder, wie gut es uns geht."
Dieses Eingeständnis ist doch schon mal ein Anfang.