USAWarum Amerika einen Mormonen als Präsidenten braucht

Selbst im Himmel kann man noch Karriere machen, da sind sich die Mormonen sicher. Keine Kirche ist so amerikanisch wie diese. von 

Romney-Unterstützer in Pueblo, Colorado

Romney-Unterstützer in Pueblo, Colorado  |  © Charles Dharapak /dapd

Als Präsident ist Barack Obama eher guter Durchschnitt (und das meine ich als Kompliment) – bis auf einen Punkt: Er ist schwarz. Das ist auch seine eigentliche Leistung: 150 Jahre nach dem verheerendsten Krieg unserer Geschichte, der die Sklaverei endlich beendete, brauchte Amerika nun wirklich mal einen schwarzen Präsidenten. Na gut, er ist auch ungemein sexy, aber die Geschichtsbücher werden eher von seiner Hautfarbe schwärmen.

Auch Mitt Romney wäre als Präsident eher Durchschnitt – bis auf eines: Er ist Mormone . Und irgendwann braucht Amerika auch einen mormonischen Präsidenten , denn keine Kirche ist so amerikanisch wie diese.

Anzeige

Ich spreche aus Erfahrung: Auch ich bin in einer Mormonenfamilie aufgewachsen. Ich bin kein Gemeindemitglied mehr. Aber ich weiß, dass diese Glaubenslehre, obwohl christlich, ganz anders gestrickt ist als die typische europäisch-christliche Theologie. Nicht mal alle Mormonen wissen, wie amerikanisch ihre Kirche ist.

Mormonen sind freiwillig auf der Erde

Es fängt mit dem sprichwörtlich amerikanischen "positiven Denken" an: Das ist nicht nur eine Gemütsfrage, es ist gleich in die mormonische Theologie eingebaut. Mormonen glauben nämlich, dass alle Menschen bereits vor der Geburt, noch ohne physischen Körper, ein sogenanntes "vorirdisches Dasein" in der Präsenz Gottes geführt haben. Bevor wir zur Welt gekommen sind, hat Gott uns fairerweise vorgewarnt: Es werde kein Zuckerschlecken sein hier unten, und einige von uns würden sich möglicherweise so schlecht benehmen, dass sie danach nicht mehr in die Gegenwart Gottes zurückkehren dürften. Er überließ uns selbst die Wahl: Wer nicht hin will, muss nicht.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Nur zwei Drittel von uns haben die schwere Entscheidung getroffen, das Risiko "Erde" auf sich zu nehmen. Das sind wir alle, die gerade leben. Mit anderen Worten: Wir wussten, was wir taten, als wir zur Welt kamen. So gesehen kann ein Mormone nie sagen: "Ich habe mir das hier nicht ausgesucht!" Im Gegenteil: Genau das hat er. Er kann auch nicht klagen, die Welt sei unfair, oder er habe schlechter abgeschnitten als andere. Es war ein zwielichtiger Deal, aber er ging ihn halt ein.

Es gibt ähnliche Elemente in manchen protestantischen Glaubensrichtungen (verwandte Gedanken findet man zum Beispiel in Miltons Das verlorene Paradies ), aber keine europäische Kirche treibt diese Idee so weit wie die Mormonen. Der deutlichste Unterschied zum europäischem Christentum ist das, was nach dem Tod passiert. Der Himmel der Mormonen ist ein Himmel der Chancengleichheit.

Europäische Christen wissen zwar auch aus der Bibel, dass wir alle "Gottes Kinder" sind, aber für sie ist es bloß eine nette Allegorie. Die Mormonen aber nahmen den Begriff beim Wort. Ihre Schlussfolgerung: Wir sind ganz buchstäblich seine Kinder, wir Abermilliarden alle. Im vorirdischen Dasein, bevor wir einen Körper hatten, kannten wir Gott als unseren Vater und auch seine Ehefrau (ja, die gibt es auch, wie soll das sonst funktionieren?) als unsere Mutter. Und Jesus muss also unser Bruder sein. (Na gut, Hitler auch.)

Leserkommentare
    • Kobuk
    • 25. September 2012 11:29 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag leisten möchten. Danke, die Redaktion/lv

  1. positives Denken können die Amis in nächster Zeit reichlich gebrauchen ansonsten denke ich nicht dass ein Sektenchef Regierungsoberhaupt werden sollte.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zumal der Mann offenbar mit der Zerstörung funktionierender Firmen seinen Reibach gemacht hat. Gilt das als fundamental christlich?

  2. viel dringender:
    ... eine Frau als Präsidentin
    ... eine(n) Homosexuelle(n) als Präsidenten/in
    ... einen Latino
    ... einen "Indianer"
    ... einen Präsidenten asiatischer Abstammung

    Warum gerade Mormonen?

    35 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/lv

    ist mit den Mormonen alles möglich. Frauen gibts dort, einge Latinos, wenige Indianer vielleicht auch und mit Sicherheit eine Menge Asiaten.

    Davon abgesehen, ich denke auf den ersten Homopräsidenten der USA muss man noch 1-2 Jahrhunderte warten. Latinos, Schwarze und Biblebelt sind sich in der Ablehnung erstaunlich einig..

    • Slater
    • 25. September 2012 14:49 Uhr

    bräuchte es einen ehrlichen Armen/ Mittelschichtler..

    • Bommel
    • 25. September 2012 16:20 Uhr

    mit einer lesbischen atheistisch Frau, deren Vater ein katholischer Latino, die Mutter eine buddhistische Chinesin und die Lebensgefährtin eine muslimische Indianerin ist?
    Müsste in den USA doch zu finden sein!

    • th
    • 02. Oktober 2012 18:48 Uhr

    Warum nicht?

    • awaler
    • 25. September 2012 11:49 Uhr

    ... der lese das Buch Mormon.
    Ich kann aber nicht versprechen, dass sich das Rätsel, wie auf dieser Basis eine Religionsgemeinschaft mit Millionen Mitgliedern entstehen konnte, danach löst. Wahrscheinlicher scheint mir, dass das Rätsel noch größer wird.

    Der obige Artikel trägt, so scheint mir jedenfalls, zu einem Verständnis des Phänomens Mormonentum wenig bei.

    3 Leserempfehlungen
    • Carlton
    • 25. September 2012 11:50 Uhr

    Mr. Hanson will uns nur auf auf den Arm nehmen, oder?

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... sein neues buch verkaufen. Wenn seine Beiträge allerdings eine Art "Leseproben" sind, gibt es schon mindestens einen, der es nicht kaufen wird.

  3. Das ist wirklich eine seltsame Religion. Also eigentlich erwarte ich mir von meiner/einer Religion gerade, dass im Jenseits nicht der irdische Irrsinn mit all seinen Abhängigkeiten fortgesetzt wird. Ich will ja im Jenseits meinen Frieden finden können. Das hat in Europa nichts mit 'um Gott herumtanzen und singen' zu tun sondern damit irdischen Einflüssen und Eitelkeiten entkommen zu können. Ich glaube der Himmel der Mormonen ist keiner in dem man Frieden finden kann.

    6 Leserempfehlungen
    • mcfly71
    • 25. September 2012 11:57 Uhr

    Ich möchte ja unbedingt meine Vorurteile über Amerikaner loswerden. Nur angesichts ihrer Kolumnen wird mir das immer wieder erschwert...Also...

    Das Mormonentum ist wie alle christliche Religion in the U.S. of A. vor allem eine abstruse Variante des Calvinismus. Der Calvinismus wiederum ist eine abstruse Anwendung des Erwaehlungsglaubens. Dass sie Milton einwerfen ist sehr berechtigt, denn dieser Urpuritaner hat in seinem Bestseller den sogenannten gefallenen Engel, Prometheus unbewusst zu einem Helden stilisiert. Was? Der Gegner Gottes, dieser Rebell Gottes ist beim Puritaner der Held?...Was sie unter Demokratie im Himmel verstehen, ist nach christlichem Verständnis das Antichristentum, das sich aufgrund des Erwaehlungsglaubens gerne auch rassistisch gebärdet. Bis in die späten 60er war es Schwarzen verboten, Mormone zu werden. Haben sie ein Problem mit Schwarzen, Herr Hansen?
    Weiter...nach christlicher Lehre gibt es im Himmel keine Ehen, denn die Ehe wird mit dem Tod beendet...bis das der Tod euch scheidet...ach, was verschwende ich hier meine Zeit!

    14 Leserempfehlungen
  4. Als Abwechslung:

    Einen nicht schechten nicht surchschnitlichen Präsidenten ?

    Warum nicht mal einen guten Präsidenten der einfach nur gut ist und seinen Job macht ?

    Und NEIN Romny wäre nicht ein druschnitlicher Präsident er wäre ein duchschnlitliche Katerstrope.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/mak

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Wir Amis
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Jesus | USA | Christentum | Ehe | Gelöbnis
Service