SyrienEin Leben im Kriegszustand

Wer in Syrien nicht vor dem Krieg geflohen ist, versucht einen lebenswerten Alltag zu organisieren – trotz Luftangriffen. So wie in den Dörfern um Aleppo. von Nils Metzger

Auf den Olivenhainen vor al-Bab

Auf den Olivenhainen vor al-Bab (September 2012)  |  © MARCO LONGARI/AFP/GettyImages

Durchatmen, zur Ruhe kommen, kann al-Bab nicht. Die Stadt mit ihren 63.000 Einwohnern liegt nur dreißig Kilometer vom Stadtzentrum der syrischen Metropole Aleppo entfernt. Von hier stammen die meisten der Kämpfer, die gerade die Stellungen der Freien Syrischen Armee in der berühmten Altstadt Aleppos halten. Auch die beiden wichtigsten Verbindungsstraßen in Richtung Front verlaufen hier. Während al-Bab für Baschar al-Assads Bodentruppen inzwischen unerreichbar geworden ist, kreisen täglich MIG-21 Kampfjets der syrischen Luftwaffe über der Ortschaft. Sie zielen vor allem auf den Durchhaltewillen der Bevölkerung .

Viele Einwohner möchten sich davon nicht mehr terrorisieren lassen. Wann immer über der Stadt das Dröhnen der Maschinen zu hören ist, laufen sie aus ihren Läden hinaus auf die Straße und deuten in den Himmel. Inzwischen hat die Freie Syrische Armee in al-Bab mehrere Flak-Geschütze stationiert, die Flieger beim Anflug stören sollen. "Sie fangen an, immer mehr Flugzeuge zu verlieren, können sie kaum noch so schnell reparieren, wie wir sie beschädigen", berichtet einer der jugendlichen Schützen stolz.

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Dass im Hintergrund die Staub- und Aschewolken der jüngsten Bombenangriffe aufsteigen, verunsichert sie kaum. Nur vereinzelt hinterfragen die Einwohner diese Strategie. "Wenn die FSA hier immer mehr Einheiten stationiert, dann wird al-Bab zum militärischen Ziel", beklagt sich ein Motorradhändler. Ungeschützt fühle er sich sicherer.

Den Stadtrat stellt jetzt die FSA

Dass Händler trotz der gespannten Sicherheitslage ihre Geschäfte öffnen, ist eines der drängendsten Anliegen des zivilen Stadtrats von al-Bab. Nachdem die Freie Syrische Armee den Ort vor rund drei Monaten eroberte, übernahm er die Aufgaben der verhafteten oder geflohenen Beamten der Baath-Partei und setzt sich vollständig aus Freiwilligen zusammen. "Wir möchten einen Warenkreislauf aufrechterhalten. Sowohl die Bäckereien als auch Benzinhändler werden von uns kostenlos beliefert, sodass sie ihre Produkte an die Bürger von al-Bab verkaufen können", erklärt Malek al-Sheikh, Leiter des Wirtschaftsbüros der Stadtverwaltung. So halte man die Menschen in Arbeit und verhindere, dass auch sie zu Flüchtlingen werden.

Um ihre Beschlüsse in der Bevölkerung bekannt zu machen, verlassen sich sowohl die Zivilverwaltung wie auch die Freie Syrische Armee auf lokale Medienbüros. Deren Aktivisten pflegen ihre Facebook-Seiten und halten die Anwohner dazu an, Gesetze zu achten und warnen auch vor nahenden Angriffen. "Heute versuche ich unsere Leser daran zu erinnern, dass sie die Getreideernte nicht verkaufen, sondern an die Sammelstelle der Gemeinde abgeben müssen. Nur so können wir das Essen an alle Familien verteilen", erläutert der Leiter des Zentrums in al-Bab, während er auf dem Teppichboden vor seinem Laptop kniet. Bis zu 15 Updates schreibt er hier pro Tag.

Leserkommentare
  1. "Heute versuche ich unsere Leser daran zu erinnern, dass sie die Getreideernte nicht verkaufen, sondern an die Sammelstelle der Gemeinde abgeben müssen. Nur so können wir das Essen an alle Familien verteilen"
    Ja, im Krieg gibt es immer wieder Menschen, die auf Kosten der Gemeinschaft fette Gewinne einstreichen, die missliche Situation für den eigenen Profit ausnutzen wollen. Syrien ist nicht die erste Revolution, die unter solchen Schadanrichtern leidet, sie müssen gnadenlos verfolgt werden.
    Man erkennt hier auch gut, dass die FSA keineswegs die Terrorbande ist, als die sie in Foren oftmals hingestellt wird. Nach dem Gesetz der Gleichheit werden zur Verfügung stehende Lebensmittel an die Familien verteilt, was ein durchaus humanitäres Moment darstellt. Ich habe deshalb grosse Zuversicht, dass Syrien nach einem Sieg über Assad sehr schnell zu einer aufblühenden Demokratie wird, was wiederum auch ein Vorbild für andere Länder, beispielsweise den Iran, werden könnte.

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    Die FSA sind keine Terroristen so wie sie in Foren gerne dargestellt werden. Problematisch ist eher das Kastendenken der Großmächte die sich in Syrien einen Vorteil erhoffen und auf ihren Positionen festsitzen anstatt ein Mandat für Un Friedenstruppen die teuer sind zu erteilen(welche Risiken gibt es?). Dazu ist weder der Westen noch Russland bereit und auch für das Regime scheint das ohne Druck von den federführenden Staaten wie Russland keine Option zu sein da ja dies einen Demokratischen Weg voraussetzt was einen Machtverlust für die bestehende Diktatur nach sich zieht.
    Aber naja dann bleibt eben der Konflikt in Syrien irgendwo müssen ja eh Kriege geführt werden besser wenn Assad seine ehemaligen Terrorkumpanen die er ins Ausland schickte ins Kreuz fallen als das sie auf anderen Kriegsschauplätzen Terror einsetzen und ihr unwesen treiben. So denkt doch die Politik. Wenn Assad schon in Syrien von Terroristen redet dann ist das Problem Hausgemacht oder irre ich mich?

  2. Die syrische Währung ist die Lira, nicht der Dinar.

  3. zusehen muss man wie die syrischen Truppen Städte und Dörfer bombardieren eine Änderung ist nicht in Sicht.
    Mehr als den Dialogprozess kann man fast nicht fördern höchstens man liefert schwere Waffen damit sich die FSA wenigstens vor den Angriffen von oben effektiv schützen kann und auch die Regierung weiter unter Druck gerät und nicht die millitärische Konfrontation sucht.

    Am einfachsten und effektivsten wäre noch eine von Russland und China angestoßene Lösung indem man neutrale Friedenstruppen in das land schickt zum Waffeneinsammeln und Assads Soldaten zurück in die Kasernen beordert was ein großer Millitäreinsatz wäre, anschließend finden von der UNO überwachte Wahlen statt, natürlich müsste diese Forderung von der Syrischen Regierung gestellt werden. Diese Lösung scheint aber weder den Westen für Russland und China zu favorisieren lieber verhilft man eine Seite des Vorteils und heizt den Konflikt weiter an.

    Vielleicht liegt es auch im Interresse der westlichen Staaten das Syrien zum Ballungsraum von Dschihadisten wird und sich nun Assad damit rumschlägt gegen die die ja doch hier für etwas positives Demokratie eintreten und vorher von ihm mit in den Irak geschickt wurden. Russland scheint eine Friedenstruppen und friedliche Lösung auch nicht so gelegen zu sein da auch das wahrscheinlich einen Machtverlust Assads nach sich ziehen könnte und ein verlust des Einflusbereiches lieber geht man den Weg der Niederschlagung wo man nichts zu verlieren hat Soldaten eben.

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    "Am einfachsten und effektivsten wäre noch eine von Russland und China angestoßene Lösung indem man neutrale Friedenstruppen in das land schickt" Auf Demokratie könnten Sie in diesem Fall aber lange warten. Ausserdem könnten die Russen in diesem Falle die Kurden zur Gründung eines Nationalstaates in Nordsyrien bewegen, was nicht im Sinne unseres NATO-Partners Türkei wäre. Völlig ausgeschlossen also, man darf sich nicht so leicht beirren lassen. Hier muss die NATO ran, irgendwann wird Assad die Puste ausgehen.

  4. "Am einfachsten und effektivsten wäre noch eine von Russland und China angestoßene Lösung indem man neutrale Friedenstruppen in das land schickt" Auf Demokratie könnten Sie in diesem Fall aber lange warten. Ausserdem könnten die Russen in diesem Falle die Kurden zur Gründung eines Nationalstaates in Nordsyrien bewegen, was nicht im Sinne unseres NATO-Partners Türkei wäre. Völlig ausgeschlossen also, man darf sich nicht so leicht beirren lassen. Hier muss die NATO ran, irgendwann wird Assad die Puste ausgehen.

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    "Auf Demokratie könnten Sie in diesem Fall aber lange warten. Ausserdem könnten die Russen in diesem Falle die Kurden zur Gründung eines Nationalstaates in Nordsyrien bewegen, was nicht im Sinne unseres NATO-Partners Türkei wäre."

    Wenn es dann von der UNO überwachte Wahlen gibt führt das doch schlussendlich zu Demokratie wieso also nicht??
    Ob man den Kurden einen eigenen Staat zugesteht ist so oder so Syriens Sache und eher unrealistisch da man dann sicherlich nicht die Teilung oder Zersplitterung wählt selbst wenn ginge es die Türkei wenig an ob nun in der NATO oder nicht. Würde das wohl den Kurdenkonflikt antreiben?

  5. Wow, also mich wunderts echt, wie einige Kommentatoren trotz 3000 km Distanz und unklarer Situationslage dennoch so überzeugt schreiben können. Selbst Assad weiß, meine ich, nicht recht was da in seinem Land abgeht....

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    "Selbst Assad weiß, meine ich, nicht recht was da in seinem Land abgeht...."
    wäre es dann nicht besser die UN um Hilfe zu bitten als einfach draufzuschlagen?

  6. "Auf Demokratie könnten Sie in diesem Fall aber lange warten. Ausserdem könnten die Russen in diesem Falle die Kurden zur Gründung eines Nationalstaates in Nordsyrien bewegen, was nicht im Sinne unseres NATO-Partners Türkei wäre."

    Wenn es dann von der UNO überwachte Wahlen gibt führt das doch schlussendlich zu Demokratie wieso also nicht??
    Ob man den Kurden einen eigenen Staat zugesteht ist so oder so Syriens Sache und eher unrealistisch da man dann sicherlich nicht die Teilung oder Zersplitterung wählt selbst wenn ginge es die Türkei wenig an ob nun in der NATO oder nicht. Würde das wohl den Kurdenkonflikt antreiben?

    Antwort auf "Kann dauern"
  7. Die FSA sind keine Terroristen so wie sie in Foren gerne dargestellt werden. Problematisch ist eher das Kastendenken der Großmächte die sich in Syrien einen Vorteil erhoffen und auf ihren Positionen festsitzen anstatt ein Mandat für Un Friedenstruppen die teuer sind zu erteilen(welche Risiken gibt es?). Dazu ist weder der Westen noch Russland bereit und auch für das Regime scheint das ohne Druck von den federführenden Staaten wie Russland keine Option zu sein da ja dies einen Demokratischen Weg voraussetzt was einen Machtverlust für die bestehende Diktatur nach sich zieht.
    Aber naja dann bleibt eben der Konflikt in Syrien irgendwo müssen ja eh Kriege geführt werden besser wenn Assad seine ehemaligen Terrorkumpanen die er ins Ausland schickte ins Kreuz fallen als das sie auf anderen Kriegsschauplätzen Terror einsetzen und ihr unwesen treiben. So denkt doch die Politik. Wenn Assad schon in Syrien von Terroristen redet dann ist das Problem Hausgemacht oder irre ich mich?

    Antwort auf "Humanitäres Moment"
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    Der UN- Beauftragte Pinheiro ist anderer Meinung. Einige Auszüge aus
    http://www.un.org/apps/ne...
    "The Syrian crisis can only be resolved through diplomatic means, ..."

    1. Wer leidet? “The civilian population is paying the price of this conflict because the Government regularly bombards the neighbourhoods where the rebels are and the rebels take refuge among the civilians without distinguishing themselves from the general population,”

    Verursacher 1: "Violations conducted by Government forces include murder, summary executions, torture, arbitrary arrest and detention, sexual violence, violations of children’s rights, pillaging and destruction of civilian objects – including hospitals and schools."

    Verursacher 2: .. armed opposition groups .also committed war crimes, including murder and torture, and were.. recruiting children under 18 years of age.."

    Wer ist schuldiger? ".. there was a clear disparity in terms of the intensity of human rights violations perpetrated by the Syrian Armed Forces and the opposition groups for..“a simple reason” – the Government forces outnumber the rebels."

    Zum Schlusss sollten Sie
    http://www.youtube.com/wa...
    sehen. Befreite Gebiete sind "fliesend"

    Zusammenfassung: der obige Beitrag "verniedlicht" das Thema. Die Situation ist komplexer.

    Die einzige Lösung?
    Pinheiro: ".. The only solution is diplomatic and political, through a negotiation. We are repeating this as a mantra.”

  8. "Selbst Assad weiß, meine ich, nicht recht was da in seinem Land abgeht...."
    wäre es dann nicht besser die UN um Hilfe zu bitten als einfach draufzuschlagen?

    Antwort auf "Wunder wunder.."

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  • Schlagworte Syrien | Aschewolke | Luftwaffe | Benzin | Türkei | Aleppo
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