ÄgyptenProtest der Säkularen gewalttätig erstickt

Am "Freitag der Rechenschaft" wollten sich die säkularen Kräfte der ägyptischen Revolution gegen die Vormacht der Islamisten erheben. Der Aufstand scheiterte blutig. von 

Gegner des ägyptischen Präsidenten Mursi während der Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Gegner des ägyptischen Präsidenten Mursi während der Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo  |  © KHALED DESOUKI/AFP/GettyImages

Steine fliegen, Menschen brechen verletzt zusammen, Rauchwolken wabern durch die Luft, Kampfgeheul schallt über den Tahrir-Platz. Die Rednertribüne für die Kundgebung ist längst zu Schrott zerschlagen, das weiße Transparent zwischen den Laternenpfählen heruntergerissen. Die roten Lettern "Spielt nicht herum mit den Frauenrechten in der Verfassung" liegen zertrampelt im Dreck. Ein kleiner Zug Kommunisten flüchtet sich mit seinen Hammer-und-Sichel-Flaggen in eine Seitenstraße, wo er sich neu formiert und tapfer weitermarschiert. Unter der Nilbrücke steht lichterloh ein Bus in Flammen.

Eigentlich hatte dieser "Freitag der Rechenschaft" das große politische Fanal der säkularen Kräfte Ägyptens werden sollen. 21 Parteien und Gruppierungen wollten eine Million Anhänger auf dem Tahrir zusammenbringen. "Wir fordern eine Verfassung im Konsens, die die ganze Bandbreite der ägyptischen Gesellschaft widerspiegelt", hieß es in der gemeinsamen Petition der Demokratiebewegung "6. April", der Verfassungspartei von Mohammed ElBaradei sowie der "Volksbewegung" des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Hamdien Sabbahi. Der Linkspolitiker war Ende Mai nur knapp am zweiten Wahlgang gescheitert und hatte im Großraum Kairo mit Abstand die meisten Stimmen bekommen.

Anzeige

Doch nur ein paar Tausend Anhänger ließen sich schließlich auf dem berühmten revolutionären Platz blicken , sofort empfangen und eingeschüchtert von drohend lärmenden Muslimbrüdern und Salafisten: Um die Kundgebung der Säkularen zu kontern, hatten tags zuvor auch die Islamisten ihre Bataillone in das Herz von Kairo dirigiert – der Freispruch am Donnerstag für alle 24 Hintermänner der berüchtigten Kamel-Schlacht auf dem Tahrir während der Revolution kam ihnen da als Anlass gerade recht.

Mursi-Anhänger vorbereitet

Die aus allen Teilen des Landes herbei gekarrten Parteijünger ließen an ihrer handfesten Entschlossenheit keinen Zweifel. "Mursi, Mursi" skandierten sie und "Allah ist groß". "Wir stehen für die Zukunft, die stehen für die Vergangenheit", rief Mazen Mostafa trotzig in den Tumult hinein. Verloren standen der 52-jährige Ingenieur und ein Dutzend Gleichgesinnter, alle einst Mitglieder der Bürgerbewegung Kefaya, am Nachmittag auf dem frisch gelegten Rasen inmitten des Kreisverkehrs des Tahrirs. "Wir haben gegen Mubarak gekämpft und wir werden weiterkämpfen", machte sich auch Ola El-Sherbini Mut, die beim ägyptischen Stromversorger arbeitet und schon seit Jahren in der Demokratiebewegung 6. April aktiv ist.

Was die 32-Jährige und ihre beiden Freundinnen besonders auf die Palme bringt, ist der geplante Artikel 36 der neuen Verfassung, der die Rechte und Pflichten der Frauen regelt, sofern diese nicht "den Vorschriften der Scharia" widersprechen. "Wie die Männer darüber diskutieren und wie sie über unsere Rechte reden, das widert mich an", empört sich Ola El-Sherbini, die ein buntes Kopftuch trägt.

Frauenrechte sollen beschnitten werden

Denn Salafisten und Muslimbrüder, die 60 der 100 Mandate in der verfassungsgebenden Versammlung kontrollieren, machen keinen Hehl mehr aus ihren Absichten. Sie wollen die Vielehe zulassen, das Mindestheiratsalter von 18 Jahren für Mädchen abschaffen sowie die systematische Benachteiligung von Frauen beim Erbe wieder aktivieren. Ein Dorn im Auge ist ihnen auch das seit 2005 geltende Sorgerecht für Kinder, das einer geschiedenen Mutter mehr Mitsprache gibt. Auch das im Jahr 2000 eingeführte Khul-Scheidungsrecht für Frauen soll möglichst rasch aus Ägyptens Gesetzbüchern verschwinden.

Und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Islamisten im Streit um die Rolle der Scharia in der Verfassung nachgeben werden. In dem erstmals vor drei Tagen veröffentlichten vollständigen Entwurf für Ägyptens neue Verfassung ist die einschränkende Scharia-Klausel bei den Frauenrechten weiterhin enthalten. Wird der Text in zwei Monaten vom Volk per Referendum akzeptiert, sind diese Eckpunkte unverrückbar zementiert, weil sie nur mit einer Zweidrittelmehrheit im neuen Parlament geändert werden können.

Im säkularen Ägypten dürfte sich nach diesem "Freitag der Rechenschaft" deshalb bittere Ernüchterung breit machen. "Wir sind nicht stark. Die nehmen uns nicht mehr ernst", sagte Elektroingenieurin Ola El-Sherbini. "Aber wir geben nicht auf."
 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Sie wollen die Vielehe zulassen, das Mindestheiratsalter von 18 Jahren für Mädchen abschaffen sowie die systematische Benachteiligung von Frauen beim Erbe wieder aktivieren."

    Wer Maischberger am Dienstag ausgehalten hat (ja benutze bewusst "ausgehalten") hat eine Frau verschleiert gesehen die genau die selben bzw. sehr sehr ähnliche Standpunkte vertritt. Die kam aber aus der Schweiz.

    Die Sekulären von Tunesien über die Türkei bis Pakistan müssen jetzt stärker zusammenhalten als jeh zuvor.

    • dachsus
    • 13. Oktober 2012 9:26 Uhr

    Aber was haben wir erwartet ?
    Das eine Islamistenregierung Demokratie und Menschenrechte einführt, wenn sie erst einmal fest im Sattel sitzt ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tinnef
    • 13. Oktober 2012 9:34 Uhr

    frisst die Experten der dt. Medien (Thumann und Gehlen kommen einem hier in den Sinn), die mit ihren Analysen und ihrem geballtem Fachwissen, so etwas nicht haben kommen sehen.

    • krister
    • 13. Oktober 2012 11:10 Uhr

    2."Das eine Islamistenregierung Demokratie und Menschenrechte einführt, wenn sie erst einmal fest im Sattel sitzt ?"

    ja,davon träumt so mancher immer noch,hier wie dort,
    diese Träumer haben übrigens auch den Begriff "moderate Islamisten" erfunden.

    • Pepper6
    • 13. Oktober 2012 9:31 Uhr

    Da sieht man mal wieder, religiöse Diktatur ist nicht besser als weltliche. Was die Menschheit braucht, ist aufgeklärter Humanismus -- in Ägypten, in Europa (siehe Beschneidung) und überall!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ST_T
    • 13. Oktober 2012 12:34 Uhr

    Leute die da leben.
    Und glauben Sie mir: Die Menschen brauchen keinen Humanismus und sicherlich keine "importierte westliche Demokratie".
    Und immer höre ich dasselbe: "Bei euch siehts doch überhaupt nicht anders aus!"

    Und wenn ich denke: Die Bankster regieren, die Politiker sind Marionetten und die freie Meinungsäußerung existiert auch hierzulande nur teilweise. Sonst müsste man nicht einen Sarrazin angreifen, der lediglich ausspricht was wohl viele denken.
    Und wenn man sich die Beschneidungsdebatte und damit verbunden teilweise Äußerungen anschaut, so stimmt es wohl wirklich, dass es bei uns nicht anders ist.
    Lediglich das Volk ist zu faul um auf die Straße zu gehen, denn den meisten Menschen geht es noch zu gut.

    Und es gibt auch die Gesellschaften, die es einfach nicht lernen wollen oder können. Die immer nur in ihren alten Riten und Problemgesellschaften leben ohne überhaupt den Willen zu haben sich zu ändern.

    Und ich glaube das wurde total unterschätzt: Was bei uns die Wahlen sind, das sind bei denen die Revolutionen. Aber damit verbunden ist eben keine vermeintliche Änderung. Und es zeigt auch, warum westliche Einmischung der dümmste Fehler war den man hätte begehen können.
    Jetzt zeigt es sich nämlich: Die meisten Völker da unten sind extrem westlich-kritisch und wir haben uns mit der Einmischung keinen Gefallen getan.

    Leider nur glaubt man in naiver Manier in Deutschland ja immer noch an bestimmte Denkweisen die so nicht zutreffen.

    • tinnef
    • 13. Oktober 2012 9:34 Uhr

    frisst die Experten der dt. Medien (Thumann und Gehlen kommen einem hier in den Sinn), die mit ihren Analysen und ihrem geballtem Fachwissen, so etwas nicht haben kommen sehen.

    • tchonk
    • 13. Oktober 2012 9:45 Uhr

    Das erschreckende ist die kleine Zahl von Leuten, die sich auf den Platz getraut haben. Das sind keine guten Aussichten.

    • Gerry10
    • 13. Oktober 2012 9:45 Uhr

    ...geprägten Staat leben will - und bei der Zahl der zur Demo erschienen Gegner schauts ganz so aus - kann man sich auf den Kopf stellen, es wird nichts ändern.
    Die Ägypter müssen eben selbst erfahren wie das ist und ob sie das dann immer noch wollen.
    Die Aufklärung in Europa hat Jahrhunderte gebraucht, Demokratie ebenfalls mehrere Anläufe und selbst die steht wegen der Finanzkrise erneut auf der Kippe.
    Geschichte kann man lehren aber lernen muss jede Generation aufs neue.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das dann immer noch wollen."

    Wie es sich in einem repressiven Staat lebt, wissen die Ägypter schon alle.

    Sie müssten halt lernen, dass es auch ein gutes Leben diesseits des Todes gibt, und dass sie es sich selbst bescheren können. So lange es ihnen aber nicht gut geht, können es sich nur wenige vorstellen.

    Malen Sie sich ruhig auch gleich aus, wie das in Syrien ablaufen wird.

  2. 7. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wieso man jetzt im Boden versinken sollte, wenn man einen Aufstand gegen Unrecht befürwortet hat nur weil das, was jetzt dort geschieht, wieder Unrecht ist. Ich für meinen Teil habe tatsächlich auf eine Verbesserung der Lage der Bevölkerung gehofft.

    Und Ökofaschisten? Die Grünen haben mit Öko nichts zu tun. Die haben sich nur grün angemalt. Ob sie Faschisten sind bezweifle ich ebenfalls stark.

  3. Wie lange lässt sich die Schizophrenie der islamischen Gesellschaften noch aushalten?

    Auf der einen Seite wollen sie an einem Wohlstand partizipieren, der im wesentlichen aus dem Geist der Kritik entstammt. Damit meine ich die kritische herangehensweise der (Natur-)Wissenschaftler und Techniker, die in Jahrhunderten immer bessere Geräte und Verfahrensweisen entwickelt haben, und die für die Fülle an hochwertigen Produkten verantwortlich sind. Die Produkte und Technologien werden gerne importiert, gleichzeitig wird der kritische Geist, der ihre Entstehung erst möglich gemacht hat, als "westlich" verdammt.
    Stattdessen sucht man das Heil in der Rückverbindung an eine archaisch geprägte Religion und Kultur, und gibt sich darin auch noch einem Überlegenheitsgefühl gegenüber den vermeintlich Gottlosen hin.

    Die einzige Grundlage, warum diese dysfinktionale geisteshaltung überhaupt im ansatz funktioniert ist der Reichtum an Bödenschätzen, im besonderen Gas und Öl.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    geisteshaltung überhaupt im ansatz funktioniert ist der Reichtum an Bödenschätzen, im besonderen Gas und Öl."

    Ein Geschenk Allahs, dem Gepriesenen. Es gibt keinen Gott außer ihm.

    Tja. Auch Religion versucht das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Halt mit ihren Mitteln. Fragen Sie mal einen 08/15-Griechen, ob ihn die Verehrung Mammons besonders glücklich gemacht hat, oder die arbeitslosen Portugiesen oder Spanier oder Deutsche.

    Die Welt, die Realität sieht aus der Perspektive vieler Griechen, Portugiesen oder Ägypter eben anders aus.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Allah | Scharia | Sorgerecht | Ägypten | Salafisten | Kairo
Service