Mediaset-AffäreBerlusconi bleibt Meister aller Klassen

Der Unverurteilbare wurde verurteilt. Das ist ein symbolischer Erfolg. Dennoch: Dass Silvio Berlusconi jemals ins Gefängnis geht, ist sehr unwahrscheinlich. von Wolfgang Prosinger

Italiens früherer Ministerpräsident Silvio Berlusconi

Italiens früherer Ministerpräsident Silvio Berlusconi  |  © Filippo Monterforte/AFP/GettyImages

Gäbe es eine sportliche Disziplin mit dem Namen "Kopf-aus-der-Schlinge-ziehen", Silvio Berlusconi wäre längst Weltmeister aller Klassen. In bisher 16 Verfahren in rund 20 Jahren hat es der frühere italienische Ministerpräsident mit einer Wendigkeit ohnegleichen immer wieder geschafft, sich der Justiz zu entziehen. Mal rettete er sich mit Prozessverzögerungen in die Verjährung, mal bog er sich mit seiner Parlamentsmehrheit Gesetze so zurecht, dass ihm kein Gericht etwas anhaben konnte.

Doch jetzt, da die Öffentlichkeit sich eher an den Schlüpfrigkeiten des sogenannten Bunga-Bunga-Prozesses ergötzt, bei dem Berlusconi Sex mit einer Minderjährigen vorgeworfen wird, fällt plötzlich ein unerwartetes Urteil: vier Jahre Gefängnis für den Unverurteilbaren .

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Wegen Steuerhinterziehung und wegen des Transfers von einer halben Milliarde Euro auf Schwarzgeldkonten im Ausland. Berlusconi schuldig! Was für eine Überraschung.

Das Urteil ist bedeutsam, wenn auch vornehmlich auf der symbolischen Ebene. Denn es zeigt, dass selbst der scheinbar allmächtige Milliardär Berlusconi, der Mann, der sein ganzes politisches Leben lang die Justiz, die Richter und Staatsanwälte verhöhnt , geschmäht, verachtet und beleidigt hat, verurteilt werden kann.

Berlusconi spielt auf Verjährung

Niemand aber möge sich dem naiven Glauben hingeben, dass er wirklich ins Gefängnis muss. Das Urteil ist nur in erster Instanz ergangen, ist noch nicht rechtskräftig, und zwar lange noch nicht. Berlusconi profitiert von einer Amnestieregelung, drei der vier Jahre der verhängten Gefängnisstrafe fallen darunter, bleibt nur ein Jahr. Zudem kann er noch zwei Mal in Berufung gehen, und das wird er selbstverständlich tun. Wer das Schneckentempo kennt, in dem sich italienische Gerichte in aller Regel bewegen, kann sicher sein, dass sich auch diesmal die Schlinge nicht zusammenziehen wird. Das Verfahren dauerte schon so lange, dass es auch diesmal der Fluch der Verjährung einholen wird.

Wenn nicht, dann wird jenes freundliche Gesetz greifen, das Berlusconis Regierung 2005 durchgesetzt hat: Verurteilte, die älter als 70 sind, kommen in Italien nicht ins Gefängnis, sondern in Hausarrest. Silvio Berlusconi wird sich dann aussuchen können, in welcher seiner zahlreichen Luxusvillen er den abzusitzen gedenkt.

Fiat Justitia, es möge Gerechtigkeit walten, der Wunsch all derer, die die Machenschaften des 76-Jährigen schon so lange schaudern macht, wird ein frommer Wunsch bleiben.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Gerry10
    • 27. Oktober 2012 9:53 Uhr

    ...was absolut nicht mehr stimmt.
    Sicher, es gab schon immer Möglichkeiten die Spielregeln für sich selbst auszunutzen wenn man nur genug Geld und genügend Helfer und Helfershelfer hatte.
    Neu ist das man das so offen, ungeniert und auch noch gönnerhaft macht und genau da ist B. nur die Spitze des Eisbergs.
    Wie eine aristokratische Elite die sich um den Pöbel und dessen Meinung nicht mehr zu kümmern braucht.
    Die Liste von Menschen die seit Jahrzehnten aber vorallen seit Beginn der Krise 2008 mit Inkompetenz, Arroganz, Fahrlässigkeit, und wirklichen Verbrechen durchkommen füllt eine mehrbändige Encyclopedia.
    Es ist was Faul im Staate...

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    doch an der Bildung, dass die Bürger so wenig aufgeklärt sind. Ausspruch einer Italienerin, Akademikerin: Ich habe ihn gewählt, weil ich Vertrauen in seine Aussagen gehabt habe. Ausspruch eines italienischen Gastwirts in Deutschland seinerzeit: Ich werde B. wählen, weil er schon genügend Geld gestohlen hat. Die neu an die Macht kommen wollen, versuchen es dann genauso. Noch Fragen?

  1. doch an der Bildung, dass die Bürger so wenig aufgeklärt sind. Ausspruch einer Italienerin, Akademikerin: Ich habe ihn gewählt, weil ich Vertrauen in seine Aussagen gehabt habe. Ausspruch eines italienischen Gastwirts in Deutschland seinerzeit: Ich werde B. wählen, weil er schon genügend Geld gestohlen hat. Die neu an die Macht kommen wollen, versuchen es dann genauso. Noch Fragen?

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    doch keine Fragen..

    Was Sie hier schreiben und wie Sie schreiben hinterlässt mich nicht nur ratlos, sondern regelrecht sprachlos.

    s. Antwort 7.

    Im Leben geht es "FAST" immer gerecht zu, jeder bekommt was er will und ihm zusteht.
    Dumm allerdings wenn das Gegenüber nicht mitspielt und seine lieben Verehrer verarscht.
    Vermutlich würden diese Begeisterten ihr Idol erneut wählen.
    Ein Mann, Typ italienischer Macho, der selbst Mädels, die gemeinhin dem Enkelinschema entsprechen vernascht, ist ein Macher.
    Also soll er machen was er will, uns dem Wähler aber dieses Privileg auch zubilligt.

    Was bleibt ist, dass der Italiener seine Steuerzahlungen einstellt.

    Aber nun, mit den gleichen Vorzeichen zum benachbarten Land, leicht östlich, von schönen Inseln umgeben, gelegen.

    Ist da ein Virus unbekannter Art aus dem Mittelmeer mutiert ?

    • eins2
    • 27. Oktober 2012 10:29 Uhr

    Nur, weil man ihn gelassen hat. In Deutschland gibt es dafür auch erste anzeichen. Z.b. hat Kohl auch nicht in Beugehhaft gemusst. Und Schäuble ist man auch nicht beigekommen usw., bis zu strepp und Söder und wo geht daS hin?
    Natürlich alles (noch) nicht vergleichbar aber....

  2. wer hätte noch vor einem Monat gedacht, dass das Sir Jimmy Savile System in Britain - das mit dem Berlusconi´schen übrigens grosse Ähnlichkeiten hatte (Pädophilenparties mit engsten Kontakten zu Royalties, prime ministers, media moguls und Wirtschaftsbossen) - jemals zusammenkrachen würde?

  3. Er hat zwar ein Gesetz durchsetzen können, nach dem er als alter Mann kein Gefängnis mehr zu fürchten braucht (außer eins, was er als Luxusresidenz alleinig für sich und seine Getreuen gebaut hat)
    Hat er aber auch damit gerechnet, dass ein Richter ihm untersagt, jemals wieder ein öffentliches Amt auszuüben?

    gms

  4. doch keine Fragen..

    Was Sie hier schreiben und wie Sie schreiben hinterlässt mich nicht nur ratlos, sondern regelrecht sprachlos.

    Antwort auf "Und da liegt es"
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    Es darf kein Trauma werden.

  5. Liegts an mangelnder Bildung oder begrenztem Horizont, dass Sie pauschalisieren?

  6. s. Antwort 7.

    Antwort auf "Und da liegt es"

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  • Schlagworte Silvio Berlusconi | Fiat | Gefängnis | Gericht | Glaube | Justiz
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