Biden gegen RyanWie ein moderater Herz-Jesu-Politiker

Auftrag erledigt! Vizepräsident Biden hat demonstriert, dass die demokratische Seite auch kämpfen kann. Sein republikanischer Kontrahent Ryan wirkte, als habe er Kreide gefressen.

Vize-Kandidat Ryan (r.) nebst seinem Kontrahenten, dem demokratischen Vizepräsident Biden

Vize-Kandidat Ryan (r.) nebst seinem Kontrahenten, dem demokratischen Vizepräsident Biden

Am Ende konnten beide Seiten mit der Vorstellung ihrer Vizes während ihrer ersten und einzigen TV-Debatte zufrieden sein. Auftrag erledigt! So griff der demokratische Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden, wie er sollte, munter an. Sein republikanischer Widersacher Paul Ryan hielt stand. Vor allem Barack Obama wird nach diesen neunzig Minuten wohl laut aufgeatmet haben. Biden hat ihm eine kleine Verschnaufpause verschafft und einstweilen den Verdacht gestoppt, dass die Obama-Regierung müde und unlustig geworden sei.

Jetzt sind wieder Obama und sein Herausforderer Mitt Romney am Zug. Der Präsident muss in der zweiten Debatte am kommenden Dienstag zeigen, dass er kämpfen kann, und damit den verheerenden Eindruck des ersten Duells vergessen machen. Romney dagegen muss endlich deutlich machen, was er wirklich will und wofür er einsteht. Denn gewählt wird er und nicht der Vize.

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Für Demokraten wie Republikaner gab es in diesem Duell der Stellvertreter jeweils nur ein Ziel: Biden sollte aggressiver sein als es Obama kann. Er sollte seinen Gegner rastlos herausfordern und verlangen, dass er endlich erklärt, was er vorhat und wirklich anders machen will. Bidens Mission war in erster Linie an das eigene Parteivolk gerichtet und an all jene, die zwar Obama prinzipiell zuneigen, aber im Augenblick verunsichert sind und wieder zögern. Sie sollten einen Joe Biden erleben, der allen zeigt, dass die Obama-Regierung kämpfen und vier weitere Jahre regieren will.

Ryan hingegen sollte demonstrieren, dass er dem Vizepräsidenten auf gleicher Augenhöhe begegnen kann. Und dass er im Zweifel fit ist für das Präsidentenamt. Denn der Hauptzweck eines Stellvertreters bleibt, dass er im Notfall den Boss ersetzen muss, falls diesem etwas zustößt. Ryans Auftrag war darum an das gesamte Wahlvolk und vor allem die Unentschlossenen darunter gerichtet. Beide Politiker haben ihre Mission erfüllt.

Natürlich haben diese 90 Minuten nicht die Wende gebracht, aber sie haben vielleicht den Sinkflug Obamas in den Umfragen gestoppt. Auch kam nicht auf seine Kosten, wer hören wollte, welche genauen Zukunftspläne der Präsident und sein Herausforderer hegen. Doch dafür sind die Vizes auch nicht da. Diese Aufgabe müssen ihre Chefs selber erledigen.

Beide Seiten waren vor dem Duell schrecklich nervös. Würde Bidens lockeres Mundwerk wieder einmal für Peinlichkeiten sorgen? Der Vizepräsident grinste und rollte vielleicht ein wenig zu oft die Augen über die Einlassungen seines Gegners. Aber er leistete sich keine Patzer. Ryan verstrickte sich manchmal in unverständliche Zahlenspiele, doch er fand immer wieder zurück. Als Vize ist er von anderem Format als weiland die Ex-Gouverneurin aus Alaska, Sarah Palin. Deren Berater machten vor vier Jahren drei Kreuze, als sie die Debatte gegen Biden einigermaßen unfallfrei überstanden hatte.

Ryan hingegen konnte am Donnerstagabend durchaus inhaltlich punkten. Er ist durch und durch ein Politik-Junkie. Im Prinzip hat er beruflich nie etwas anderes gemacht als Politik in Washington. Erst war er Mitarbeiter im Kongress und dann selber Politiker. Seit 14 Jahren vertritt er einen Wahlkreis in Wisconsin als Abgeordneter des Repräsentantenhauses. Ryan gilt heute als die führende konservative Stimme, wenn es um den Haushalt und die Reform der Sozialsysteme geht.

Und weil Ryan in diesen Fragen ein derart ausgewiesener Experte ist, überraschte vor allem ein Eindruck dieses ersten und einzigen TV-Duells der Vizes: In der Außenpolitik war er beschlagener als erwartet – aber in der Innen- und Wirtschaftspolitik schwächer als gedacht. Immer wieder bohrte Ryan in der Libyen-Wunde der Obama-Regierung. Denn allmählich sickert durch, dass Amerikas ermordeter Botschafter bereits auf die prekäre Sicherheitslage in Bengasi aufmerksam gemacht hatte. Und er begehrte wohl auch mehr Schutz gegen die wachsende Gefahr terroristischer Anschläge. Doch das amerikanische Außenministerium reagierte nur zögerlich.

Als sich Ryan hingegen zur Sanierung des Haushalts und zum Abbau des gigantischen Schuldenbergs äußerte, blieben seine Antworten merkwürdig vage. Ebenso bei der Frage, was aus seinem Plan geworden ist, die Sozialsysteme umzukrempeln und teilweise zu privatisieren. Wie neulich schon Mitt Romney, so schien auch Paul Ryan Kreide gefressen zu haben. Plötzlich klingen die beiden Marktradikalen wie moderate Herz-Jesu-Politiker.

Im Großen und Ganzen war die Debatte der Vizes ein Vergnügen. Neunzig Minuten lang behakten sich der 69-jährige Biden und der 42-jährige Ryan über Libyen, Afghanistan und Syrien. Über Gesundheitsreform, Haushaltsdefizit, Altersversorgung und das Recht auf Abtreibung. Fast kein Thema wurde ausgespart. So lebhaft und kontrovers wünscht man sich auch das nächste Duell zwischen Obama und Romney.

 
Leserkommentare
  1. und im Wahlkampf können beide Parteien tolle Fernsehshows mitgestalten.

    Wenn aber der Alltag alle Amerikaner einholt, bleibt es jedoch wie gehabt: Die US-Wirtschaft strauchelt enorm, enorme Schulden und Nachholbedarf (z.B. Infrastruktur) lasten auf dem Volk. Weiter, wie in Europa, die unglaubliche Ungleichverteilung von Kapital/Vermögen und somit die Chancen der "Middleclass" auf Wohlstand (= Zukunft), scheint im Moment total verbaut.

    Denn nach wie vor hat nach meiner Überzeugung Wall Street (und Großkonzerne) in der US-Politik das Sagen. Nicht die Wähler.

    Thus, erst müssen alle Amerikaner wieder am Wohlstand teilnehmen und nachhaltig wirtschaften (ökologisch & ökonomisch).

    Zumindest streben die Demokraten dies eher an. Denn die Reps haben doch das Land (und die Welt) erst richtig abgewirtschaftet. Buchstäblich.

    Sie glauben es kaum? Sehen Sie Inequality.com
    http://www.stanford.edu/g...
    ...

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  2. Kaschperltheater löst bei Kindern Begeisterungsstürme aus! Allerdings waren sie irritiert, dass das Kaschperle nicht reagierte, als sie alle aus vollem Hals brüllten: Achtung Kaschperle! Hinter dir! Das Krokodil!

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  3. "Romney dagegen muss endlich deutlich machen, was er wirklich will und wofür er einsteht"

    Romney steht im Wesentlichen für die gleiche Politik wie Obama, vielleicht noch gelegentlich eine Spur radikaler:

    - Umverteilung des Reichtums von den Leistungsträgern (Menschen, die eine gesellschaftlich sinnvolle Arbeit verrichten) hin zu den Parasiten (Wall Street etc.)

    - Empire-Building und Servilität gegenüber dem militärisch-industriellen Komplex

    - Begünstigung der Korporationen und sonstiger Lobbyisten in einem „one dollar - one vote“-System (J.Stiglitz)

    - Kampf gegen Transparenz (Wikileaks, Manning)

    - Untergrabung der Verfassung (targeted assassinations, Erosion der Rechtsstaatlichkeit, etc)

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  4. Stimmt die Debatte war spannend.
    Als ich das erstemal George W. Bush im TV auf Wahlkampftour gesehen habe, da hab ich erst einen Schrecken bekommen, dann aber beruhigt, geglaubt, der hat keine Chance. Wenn der Gebrauchtwagen Händler wäre, dem würde doch niemand einn Wagen abkaufen, im Gegensatz zu Clinton, oder Kerry., es sei denn, man will sich übers Ohr hauen lassen. So jemanden wählen die nicht zum Präsidenten. Hab ich so gedacht. Dann hat die Hälfte der Amerikaner ihn doch gewählt. Wieso? Sehen die das nicht? - Ich habe das nicht verstanden, auch, das sie ihn wiedergewählt haben und ich verstehe das bis heute nicht. Lässt sich das amerikanische Volk wieder vom charisma des Geldes blenden? Man weiss es nicht so genau.

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  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
  6. scheint momentan ja zum besseren Politiker zu qualifizieren.

  7. 7. Frage

    Warum erinnert mich Paul Ryan nicht nur charakterlich, sondern auch optisch an Kyle MacLachlan als "Cliff Vandercave" in der Flintstones-Verfilmung von 1994? :D

    Die Ausschnitte des Duells, die ich bislang gesehen habe, waren guter Durchschnitt, aber von einer richtig harten Debatte noch weit entfernt.

  8. Man kann über Steinbrück, Merkel, Westerwelle, Gabriel etc. sagen was man will, aber die Inhalte zählen bei o.g. Politikern (Ich natürlich favorisiere den nächsten Bundeskanzler und seinen Parteichef) noch.

    Die "naiven" Amerikaner wiederum erinnern mich an das römische Volk zur Zeit des späten Kaiserreichs. "Brot und Spiele" trotz mangelnder Sicherheit, Essen etc.

    Ich hab kein Problem damit, wenn die USA sich wieder mal für das größere Übel (Romney) entscheidet und sich dann selbst vernichtet. Dann haben die Indianer hoffentlich die Möglichkeit ihr Land wieder in Besitz zu nehmen.

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    ich Ihnen widersprechen. Oder wissen Sie für was Merkel in Sachen der Bildungs- oder Finanzpolitik steht? In der Politik geht es nicht mehr um Inhalte, sondern um Macht. Sowohl die deutschen wie auch die US-Politiker glauben, dass sie Macht hätten, obwohl Leute im Hintergund die Fäden ziehen, an denen Romney, Biden, Ryan, Merkel, Seehofer, Steinbrück und Co hängen.
    Es geht nicht um Inhalte im Wahlkampf, sondern um ne gute Show hinzulegen. Wer der beste Entertainer ist, gewinnt.

    ich Ihnen widersprechen. Oder wissen Sie für was Merkel in Sachen der Bildungs- oder Finanzpolitik steht? In der Politik geht es nicht mehr um Inhalte, sondern um Macht. Sowohl die deutschen wie auch die US-Politiker glauben, dass sie Macht hätten, obwohl Leute im Hintergund die Fäden ziehen, an denen Romney, Biden, Ryan, Merkel, Seehofer, Steinbrück und Co hängen.
    Es geht nicht um Inhalte im Wahlkampf, sondern um ne gute Show hinzulegen. Wer der beste Entertainer ist, gewinnt.

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