Proteste vor dem griechischen Parlament in Athen © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Man kann Wolfgang Schäubles Ideen von einem neuen Kerneuropa für verrückt halten. Ein Währungskommissar, der einem strengen Lehrer gleich nationale Parlamente in Haushaltsfragen gängelt. Ein Europäisches Parlament, das sich je nach Integrationsstatus der Heimatländer der jeweiligen Abgeordneten einmal so, einmal anders zusammensetzt. Ein Konvent, der die institutionellen Fragen Europas mal eben ordnen soll, möglichst schon ab Dezember.

Solche Thesen provozieren: Der Bundesfinanzminister wolle die nationalen Parlamente entmündigen und das Europäische Parlament spalten, entrüsten sich die Kritiker. Offenbar erinnere er sich auch nicht mehr, was das Ergebnis des letzten europäischen Konvents war: Eine jahrelang aufwendig erarbeitete Verfassung, die in Frankreich und den Niederlanden durch Referenden hinweggefegt wurde und nie in Kraft trat.

Nein, das alles hat Schäuble sicher nicht vergessen. Dennoch setzt sein Vorstoß ein wichtiges Signal: Die Europa-Debatte muss sich dringend aus dem Krisenmodus lösen.

Denn fast alle Mittel, die nötig sind, um die Schuldenkrise zu bewältigen und die Finanzmärkte zu beruhigen, sind inzwischen vorhanden . Fiskalpakt und ESM sind beschlossen, Schuldenbremsen in den Mitgliedsstaaten eingeführt oder auf dem Weg, die Europäische Zentralbank hat verkündet, wie sie mit Staatsanleihen von Schuldnerstaaten umgehen wird. Der nächste Schritt, die Bankenunion, ist in Arbeit.

Da ist es an der Zeit, wieder den Kopf zu heben und zu fragen, was wir eigentlich von Europa wollen. Denn die Krise hat gezeigt, dass die EU nicht wirklich gut verfasst und deshalb oft nur notgedrungen handlungsfähig ist. Um das zu ändern, muss man nicht gleich in Extreme verfallen, hier die Vereinigten Staaten von Europa fordern, dort von einem Altherrenclub irgendwie freundschaftlich-geschäftlich verbundener Nationalstaaten träumen.

Aber man muss sich den Fragen stellen, die hinter Schäubles Vorschlägen stecken: Wer kontrolliert eigentlich die Einhaltung der Regeln, die wir Europäer uns geben, und wer setzt sie durch? Ist es richtig, dass immer alle mitreden dürfen, auch wenn sie mit der diskutierten Angelegenheit erklärtermaßen gar nichts zu tun haben wollen? Und wenn wir uns mehr demokratische Legitimation auf europäischer Ebene wünschen: Kann das überhaupt ohne einen Machtverlust nationaler Parlamente abgehen?

Schäubles Vorstellungen kennen wir nun. Sie konkurrieren mit Ideen, die seit einiger Zeit über das neue Europa kursieren . Was aber fehlt ist, dass sich die europäischen Partner äußern. Sie haben es bislang vorgezogen, im üblichen Krisensprech zu verharren. Doch spätestens zum EU-Gipfel am Donnerstag werden sie ihre Antworten nicht mehr verweigern können.