Kaum war am Morgen bekannt geworden, dass die EU in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhält, begann im Netz ein wahrer Shitstorm der Empörung. Der erste Kommentator unter der Meldung von ZEIT ONLINE schrieb vorausahnend "voller Vorfreude auf die gehässigen Kommentare, die hier im Anflug sind. Ich wette auf mindestens 500 innerhalb von 2 Tagen, davon 99 (Prozent) negativ".

Er sollte recht behalten, nicht was die (von ihm unterschätzte) Zahl der Reaktionen, aber was die Tendenz betrifft, selbst wenn die folgenden User-Kommentare zunächst noch durchaus wohlwollend waren. So schrieb der nächste User : "Schnell, schnell ... bevor wieder über die EU-Diktatur rumgemotzt wird: Glückwunsch", ein anderer: "Verdienter Preis, nach mehr als 60 Jahren Frieden in Europa !"

Doch dann war, wie auch auf anderen Nachrichtenseiten und auf Twitter, kein Halten mehr: Die Europäische Union oder kurz " Brüssel " wird von Tausenden Usern und Twitterern, in Blogs und Foren als " Verwaltungskonstrukt " und "bürokratisches, undemokratisches Monster" verhöhnt, das auf die Bürger keine Rücksicht nehme, beziehungsweise sie "verarscht" und "neofeudalen Interessen der Regierenden" diene. Der Linken-Abgeordnete Niema Movassat twitterte : "Wer den Friedensnobelpreis an die EU gibt, kann ihn nächstes Mal auch gleich an die NATO oder Rüstungsfirmen geben."

Scherzbolde fragen: "Sind wir jetzt alle Obama?", in Anspielung an die ebenfalls heftig umstrittene Auszeichnung für den amerikanischen Präsidenten kurz nach dessen Amtsantritt, oder: "Wo kann ich die Kohle abholen?" Schließlich seien "wir alle EU".

  Winzige EU-Fangemeinde

Das alles ist eine noch harmlose Auswahl der ersten Reaktionen auf die Entscheidung des Osloer Nobelpreiskomitees (das – wie sofort angemerkt wurde – in einem Land residiert, das nicht zur EU gehört). Europas Fangemeinde ist nicht mehr sonderlich groß, diesen Eindruck muss man gewinnen. Kaum eine Negativentwicklung, die heutzutage nicht mit dem Staatenbund in Verbindung gebracht wird – von Kriegen in aller Welt, sozialer Verelendung, einer verfehlten Währungsgemeinschaft und der Euro-Krise, Arbeitslosigkeit, Internet-Zensur, Inflation bis zur "Diktatur des Finanzkapitals".

Europa ist, zumindest wenn es nach der überwiegenden Zahl derer geht, die sich im Netz und auch sonst zu Wort melden, als Friedensprojekt und überhaupt gescheitert.

Es mag heute im Internet, auf der Straße, in der Politik, auch in Redaktionen selbst führender deutscher Blätter angesagt sein, sich über "Eurokraten" und Anhänger einer angeblich veralteten proeuropäischen Ideologie lustig zu machen, die immer noch die "alte Erzählung" vom geeinten Europa als Bollwerk gegen Krieg und Not verbreiten. Und natürlich gibt die reale EU, insbesondere deren Verwaltung in Brüssel, reichlich Anlass zur Kritik, wie viele Institutionen und Regierungen. Aber die tiefe Verachtung, die der europäischen Idee heute entgegengebracht wird, ist völlig unangebracht. Ja, sie richtet sich gegen die Kritiker selbst.