FriedensnobelpreisJa, das macht Sinn

Eigenwillig hat das Nobelpreiskomitee oft entschieden. Selten aber war eine Entscheidung so kurios und so folgerichtig wie die Auszeichnung der EU, kommentiert M. Krupa. von 

EU-Parade in Warschau (Archivbild)

EU-Parade in Warschau (Archivbild)  |  © Katarina Stoltz/Reuters

Kaum war die Nachricht bekannt, dass in diesem Jahr die EU ausgezeichnet wird , wurde in Brüssel bereits gespottet, wer von den vielen EU-Vertretern den Preis im Dezember wohl entgegennehmen würde. Und ob man das Preisgeld nicht am besten gleich in den Euro-Rettungsfonds einzahlen sollte. Allerdings wäre mit den 930.000 Euro nicht einmal Zypern geholfen. Der erste, der am Freitagmittag den Weg vor die Kameras fand, war wenig überraschend der Präsident der EU-Kommission , Josè Manuel Barroso. "Große Ehre", "große Emotionen", na klar. Am Ende klatschten sogar einige Journalisten.

Der Spott ist verständlich. Trotzdem wird niemand ernsthaft bestreiten, dass die Europäische Union – früher die Europäische Gemeinschaft – seit ihrer Gründung vor mehr als 60 Jahren ein Garant für den Frieden auf einem lange Zeit wenig friedlichen Kontinent ist. Dass sie die demokratische Entwicklung in vielen Ländern befördert hat, die kurz zuvor noch Diktaturen waren. Dass sie im weltweiten Vergleich auch heute ein Hort der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte ist. All das ist preiswürdig und richtig und wird auch nicht falsch, weil es schon oft gesagt wurde.

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Kurios wirkt die Nachricht aus Oslo gleichwohl, weil niemand auf die Idee gekommen wäre, dass die EU ausgerechnet in den vergangenen Krisen-Jahren ein besonders leuchtendes Vorbild gewesen wäre. Und doch macht diesmal auch der Zeitpunkt der Auszeichnung Sinn, ganz anders als noch vor zwei Jahren die vorschnelle und letztlich schädliche Auszeichnung von Barack Obama .

Ausgerechnet in dem Moment, in dem der Zusammenhalt in der EU zu schwinden scheint, erinnert das Nobelpreiskomitee die Europäer an ihre eigenen Tugenden. Und daran, was neben der gemeinsamen Währung auf dem Spiel steht. Insofern ist die Auszeichnung mehr als nur eine Medaille für historische Verdienste.

Das gilt zumal, wenn man sich die Begründung der norwegischen Jury genauer anschaut. Darin ist eben nicht nur von der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede und vom Fall der Mauer, der die Teilung zwischen Ost– und Westeuropa beendete. Die Jury erwähnt ausdrücklich die bevorstehende Aufnahme Kroatiens , die Beitrittsverhandlung mit Montenegro und die Aussichten auf einen Beitritt für Serbien . Die vier Frauen und zwei Männer, die den Preis verleihen, beziehen damit in einer sehr aktuellen Auseinandersetzung Stellung.

Denn die Zweifel an der Erweiterungspolitik der vergangenen Jahre sind ja nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Je länger die Krise dauert, desto attraktiver erscheint vielen die Idee eines kleinen, aber feinen Kerneuropas. Das Nobelpreiskomitee würdigt nun ausdrücklich die umstrittene Erweiterungspolitik. Sie zeichnet die EU dafür aus, dass sie bislang eben keine neuen Grenzen gezogen hat. Nicht auf dem Balkan und auch nicht gegenüber der Türkei . Europa und die EU sind viel mehr als der Euro – das ist die wichtigste Botschaft, die von dieser Preisverleihung ausgeht.

Auch die sozialen Unruhen, die sich in manchen Ländern ausbreiten, sind kein Einwand. Zum einen erinnert der Preis die Europäer in der Krise an den Fortschritt, den es bedeutet, dass die Länder ihre Konflikte heute am Verhandlungstisch und nicht mehr auf dem Schlachtfeld austragen. Die historische Leistung wirkt weiter, auch wenn die europäische Politik heute oft quälend langsam und ungenügend erscheint. Zum anderen mahnt der Preis die Verantwortlichen, den inneren Frieden in den Ländern Europas nicht zu riskieren. Ohne ihn ist alles andere nichts – und die EU ein Traum von gestern.

In den Ohren eines jungen spanischen Arbeitslosen oder einer verarmten griechischen Rentnerin mag die Entscheidung des Nobelpreiskomitees zunächst wie Hohn klingen. Sie sollten sie vielmehr als Unterstützung begreifen.

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Leserkommentare
  1. bewerten so mache nicht den Preis gleichzeitig mit einer Vollendung und sehen nun den werdenden Untergang Europas.

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    Endlich eine Message an die ganzen Euro-Skeptiker (oder Nörgler?), dass es Europa (MIT Euro) wert ist, dafür auch Opfer zu bringen...!

    • lcamino
    • 12. Oktober 2012 17:21 Uhr

    logisch, schließlich dürfen Nobelpreise doch nicht postum verliehen werden; 2013 kann bereits zu spät sein!

    • H.v.T.
    • 12. Oktober 2012 16:05 Uhr

    Wenn die EU es schaffen sollte, den "Alternativen Nobelpreis" zu erhalten, dann werden wohl nicht nur der spanische Arbeitslose oder die griechische Rentnerin die EU annehmen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Right_Livelihood_Award

    • jkluge
    • 12. Oktober 2012 16:09 Uhr

    Heißt es nicht - das ERGIBT Sinn?

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    • Marobod
    • 12. Oktober 2012 16:23 Uhr

    und ja , es heißt "das ergibt Sinn"

    "Sinn machen" - ist ein aus dem Englischen ins Deutsche geschwappte Phrase, von englischen Muttersprachlern und in den letzten 10 Jahren hat es sich wie ein Virus in der Sprache ausgebreitet ...

    Ach Gottchen - mit solchen Dogmen gäbe es manche Italianismen oder Französismen, die vor 200 oder 300 Jahren in die deutsche Sprache kamen, bis heute im Deutschen nicht. Sprache ist flexibel und wandelt sich. Warum muss es irgendwelche Gralshüter geben, die nicht zulassen wollen, dass inzwischen doch fast jeder mal "Das macht Sinn" sagt....

    • th
    • 12. Oktober 2012 17:57 Uhr

    solange die Euro-Krise die Europäer gegeneinander aufhetzt

    • th
    • 12. Oktober 2012 18:02 Uhr

    so unkritisch?

    Man bekommt fast nur Jubelarien zu lesen!

    Ich erwarte doch gar nicht, dass die ZEIT jetzt ins Lager der EU-Gegner wechselt, aber eine kritische ("unbiased" und "even-handed") Darstellung der Probleme und verschiedenen möglichen Antworten darauf möchte man in solchen Zeiten schon zu lesen bekommen.

    Aber hier bekommt man fast nur <em>"Nibelungentreue"</em> vorgesetzt. Und die EU wird <em>"ausgebaut und vertieft"</em> wie einst das Bündnis zwischen K.u.K. Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich ...
    (wer Karl Kraus gelesen hat, wird mich verstehen)

    ... denn m.E. ist dem Kommitte nur nichts Besseres eingefallen, nachdem es schon mal so kräftig daneben gegriffen hat.
    Also die EU: Da kann niemand etwas dagegen haben. Absolut ungefährlich und langweilig.

    • theo777
    • 13. Oktober 2012 18:01 Uhr

    Heute Vormittag im Zeitungskiosk: "einsdreißig... und zweivierzig... das macht dreisiebzig."

    Würden Sie in dem Fall auch sagen: "Pardon, es muss heißen: das ergibt dreisiebzig"?

    Sprache ist immer auch gelebte Sprache. Sie verändert sich. In diesem Fall wirkt es auf mich extrem konservativ, an Bestehendem festzuhalten. Es gibt auch keinen nennenswerten Grund dafür.

    • RPT
    • 12. Oktober 2012 16:10 Uhr

    "Allerdings wäre mit den 930.000 Euro nicht einmal Zypern geholfen."

    Die größenordnungsmäßig 500 Milliarden Euro pro Jahr für die Rettung des Euros ensprechen ziemlich genau 930.000 Euro pro Minute. Ich schlage vor, wir wählen eine besonders geeignet Minute aus der Zeremonie der Preisverleihung und retten in dieser dann den Euro von dem Preisgeld.

  2. Jetzt auch auf ZeitOnline:

    Sinn machen würde es, deutsch zu schreiben.
    Entwerder etwas ist sinnvoll, oder es ergibt einen Sinn.
    "Sinn machen" ist die falsche Übersetzung des englischen Ausdrucks "to make sense"

    Auch wenn es mittlerweile immer öfter gesagt und geschrieben wird, so ist es doch falsch...

    Gruß
    S_R

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    • pakZ
    • 12. Oktober 2012 16:52 Uhr
    • sesc
    • 12. Oktober 2012 17:35 Uhr

    Ich finde das "Sinn machen" auch jedes Mal ärgerlich, aber der Duden höchstselbst erlaubt es in seiner deskriptiven Weisheit mittlerweile, wenn auch als "umgangssprachlich" markiert:
    http://www.duden.de/rechtschreibung/Sinn (Punkt 4.)

    nicht präskriptiv.
    Sprache wandelt sich. Das gehört zu ihrem Wesen. Wenn immer alle so gehandelt hätten, wie Sie es sich offenbar wünschen, gäbe es kein Trottoir, kein Portemonaie, noch nicht einmal ein Fenster (lat.: fenestra).
    Seien Sie doch 1 wenig gelassener ... das würde echt Sinn machen ;-)

    Und wieder ein Ober-Lehrer. Was bitte bedeutet das Wort entwerder ?. Also ich als Volksschüler kenne das Wort entweder.

    wenn sich Leute an Grammatik oder Rechtschreibung aufhängen, anstatt sich mit der inhaltlichen Aussage auseinanderzusetzen. Schade, gerade bei so einem Artikel.

  3. Friede sollte der Normalzustand sein, und nicht auszeichnungswürdig.
    Nur weil's außerhalb der EU unwürdiger zugeht?
    Sind unsere Ansprüche jetzt schon so bescheiden?
    Es braucht einen Schmäh-Nobelpreis für Politiker die Konflikte anzetteln.
    Das wäre sehr viel richtiger.
    Aber gut, Grau ist relativ Weiß wenn man es mit Schwarz vergleicht.

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    • Bashu
    • 12. Oktober 2012 16:23 Uhr

    Sagen wir, die Geschichte Europas in den letzen Jahrhunderten. Ihnen wird sehr schnell auffallen, dass Frieden kein Normalzustand ist. In Westeuropa bis zum 2. Weltkrieg nicht, im Rest der Welt bis heute nicht. Leider alles Schönträumerei.

    Europa, von der besten Seite gesehen, zeigt dass Integration und Zusammenarbeit Argwohn und Hass abbaut. Sicher, die EU ist nur ein einzelner Baustein zur Friedenssicherung, aber sie ist sicherlich nicht der Unwichtigste.

    • gooder
    • 12. Oktober 2012 16:16 Uhr

    Die Zweifel an der Erweiterungspolitik der vergangenen Jahre sind ja nicht kleiner geworden,ist zu lesen. Dennoch wird die Aufnahme Kroatiens, die Beitrittsverhandlung mit Montenegro und die Aussichten auf einen Beitritt für Serbien offensichtlich als sehr positiv beurteilt. Wie meinte noch Altkanzler Helmut Schmidt vor zwei Jahren: "Die jüngsten EU-Erweiterungsrunden sind Blödsinn. Zwar ist es richtig gewesen, den osteuropäischen Ländern psychischen Rückhalt zu geben, dafür hätte aber auch eine NATO-Mitgliedschaft ausgereicht.Sie aber gleichzeitig in die EU aufzunehmen, ohne die Spielregeln in der EU diesem Riesenverein entsprechend anzupassen, das war ein katastrophaler Fehler!"

    • Bashu
    • 12. Oktober 2012 16:19 Uhr

    Die vielen Konstruktionsfehler in der EU und dem Euro sind eine Tatsache. Trotzdem: über 60 Jahre keine Kriege und Scharmützel im Staatenbund dürfte einmalig in der Geschichte der letzten Jahrhunderte sein.
    Richtig ist auch: Die Integration von Serbien und anderen Yugoslawischen Staaten würde zu deren Aussöhnung beitragen, so wie die EU zur Aussöhnung Deutschlands mit Frankreich und Polen beigetragen hat.

    Aber es gibt noch eine weitere Ebene jenseits der politischen: die Öffnung der Grenzen und auch die gemeinsame Währung, haben identitätsstiftenden Charakter. Ich fühle mich heute gleichermaßen als Deutscher und als Europäer. In der akademischen Welt sind EU-Projekte neben den nationalen Projekten gang und gebe, d.h. eng verzahnte Zusammenarbeit sowie personeller Austausch mit Italien, Spanien, England etc. Ich und meine Kollegen empfinden das als persönliche Bereicherung und Hilfe zum Abbau von Stereotypen ("faule Südländer" "kaltherzige Deutsche").

    Ein Preis für Europa und seine Bürger.
    Für die Politik hoffentlich (aber wahrscheinlich nicht) ein Impuls, die EU demokratischer aufzustellen und den Korruptionssumpf auszuheben.

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    • Slater
    • 12. Oktober 2012 16:48 Uhr

    "In der akademischen Welt sind EU-Projekte neben den nationalen Projekten gang und gebe, d.h. eng verzahnte Zusammenarbeit sowie personeller Austausch mit Italien, Spanien, England etc. Ich und meine Kollegen empfinden das als persönliche Bereicherung und Hilfe zum Abbau von Stereotypen ("faule Südländer" "kaltherzige Deutsche")."

    die akademische Welt hatte doch wohl noch nie Probleme,
    Wissenschaftler aus allen Ländern haben sich schon im Altertum verstanden,
    sind meist frei/ gedämpft vom bösen Geist der Religionen,
    haben den Segen des Internets erfunden usw.

    ------

    die aktuelle Euro-Krise scheint mir eher Vorurteile und Hass zwischen den Völkern auf Boulevard-Ebene zu fördern, statt abzubauen!, Deutschlands Ruf wird trotz Hilfen immer schlechter,
    auch das andere ihrer genannten Stereotypen gewinnt an Kraft

    eine reine positive Wirkung durch die EU kann ich absolut nicht erkennen,
    Respekt voreinander kann nur durch freie unabhängige Staaten entstehen, die per Volksabstimmungen legitimiert langsam aufeinander zu gehen,
    kein Zwang/ Korruption/ Verschwendung aus Brüssel

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