Kaum war die Nachricht bekannt, dass in diesem Jahr die EU ausgezeichnet wird , wurde in Brüssel bereits gespottet, wer von den vielen EU-Vertretern den Preis im Dezember wohl entgegennehmen würde. Und ob man das Preisgeld nicht am besten gleich in den Euro-Rettungsfonds einzahlen sollte. Allerdings wäre mit den 930.000 Euro nicht einmal Zypern geholfen. Der erste, der am Freitagmittag den Weg vor die Kameras fand, war wenig überraschend der Präsident der EU-Kommission , Josè Manuel Barroso. "Große Ehre", "große Emotionen", na klar. Am Ende klatschten sogar einige Journalisten.

Der Spott ist verständlich. Trotzdem wird niemand ernsthaft bestreiten, dass die Europäische Union – früher die Europäische Gemeinschaft – seit ihrer Gründung vor mehr als 60 Jahren ein Garant für den Frieden auf einem lange Zeit wenig friedlichen Kontinent ist. Dass sie die demokratische Entwicklung in vielen Ländern befördert hat, die kurz zuvor noch Diktaturen waren. Dass sie im weltweiten Vergleich auch heute ein Hort der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte ist. All das ist preiswürdig und richtig und wird auch nicht falsch, weil es schon oft gesagt wurde.

Kurios wirkt die Nachricht aus Oslo gleichwohl, weil niemand auf die Idee gekommen wäre, dass die EU ausgerechnet in den vergangenen Krisen-Jahren ein besonders leuchtendes Vorbild gewesen wäre. Und doch macht diesmal auch der Zeitpunkt der Auszeichnung Sinn, ganz anders als noch vor zwei Jahren die vorschnelle und letztlich schädliche Auszeichnung von Barack Obama .

Ausgerechnet in dem Moment, in dem der Zusammenhalt in der EU zu schwinden scheint, erinnert das Nobelpreiskomitee die Europäer an ihre eigenen Tugenden. Und daran, was neben der gemeinsamen Währung auf dem Spiel steht. Insofern ist die Auszeichnung mehr als nur eine Medaille für historische Verdienste.

Das gilt zumal, wenn man sich die Begründung der norwegischen Jury genauer anschaut. Darin ist eben nicht nur von der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede und vom Fall der Mauer, der die Teilung zwischen Ost– und Westeuropa beendete. Die Jury erwähnt ausdrücklich die bevorstehende Aufnahme Kroatiens , die Beitrittsverhandlung mit Montenegro und die Aussichten auf einen Beitritt für Serbien . Die vier Frauen und zwei Männer, die den Preis verleihen, beziehen damit in einer sehr aktuellen Auseinandersetzung Stellung.

Denn die Zweifel an der Erweiterungspolitik der vergangenen Jahre sind ja nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Je länger die Krise dauert, desto attraktiver erscheint vielen die Idee eines kleinen, aber feinen Kerneuropas. Das Nobelpreiskomitee würdigt nun ausdrücklich die umstrittene Erweiterungspolitik. Sie zeichnet die EU dafür aus, dass sie bislang eben keine neuen Grenzen gezogen hat. Nicht auf dem Balkan und auch nicht gegenüber der Türkei . Europa und die EU sind viel mehr als der Euro – das ist die wichtigste Botschaft, die von dieser Preisverleihung ausgeht.

Auch die sozialen Unruhen, die sich in manchen Ländern ausbreiten, sind kein Einwand. Zum einen erinnert der Preis die Europäer in der Krise an den Fortschritt, den es bedeutet, dass die Länder ihre Konflikte heute am Verhandlungstisch und nicht mehr auf dem Schlachtfeld austragen. Die historische Leistung wirkt weiter, auch wenn die europäische Politik heute oft quälend langsam und ungenügend erscheint. Zum anderen mahnt der Preis die Verantwortlichen, den inneren Frieden in den Ländern Europas nicht zu riskieren. Ohne ihn ist alles andere nichts – und die EU ein Traum von gestern.

In den Ohren eines jungen spanischen Arbeitslosen oder einer verarmten griechischen Rentnerin mag die Entscheidung des Nobelpreiskomitees zunächst wie Hohn klingen. Sie sollten sie vielmehr als Unterstützung begreifen.