ZEIT ONLINE: Der EU-Gipfel hat mühsam einen Kompromiss zur europäischen Bankenunion gefunden. Schon im Vorfeld gab es heftigen Streit zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande . Ist der deutsch-französische Motor kaputt?

Daniel Cohn-Bendit : Da prallen halt zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen zur Lösung der Euro-Krise aufeinander. Man muss die Regierungen jetzt zwingen, ernst zu nehmen, was sie beschlossen haben, nämlich die Form der Bankenunion bis zum Gipfel im Dezember festzuzurren.

ZEIT ONLINE: Schadet es Europa , dass die Achse Berlin-Paris nicht mehr so gut funktioniert wie unter Merkel und Sarkozy? Oder hilft es sogar, dass die Interessenkonflikte jetzt offen zu Tage treten?

Cohn-Bendit: Ich finde das gar nicht schlecht. Frankreich sucht sich Bündnispartner wie Italien und Spanien , um die eindimensionale Sicht der Bundesregierung zu durchbrechen. Das ist eben die politische Realität in der EU heute. Da kann nicht mehr ein Land, zusammen mit einem anderen, alles dominieren.

ZEIT ONLINE: Eine Einigung wird dadurch aber schwieriger.

Cohn-Bendit: Früher haben sich Merkel und Sarkozy vorher getroffen und die Entscheidungen vorweg genommen. Nur dass die dann oft keinen Bestand hatten, weil die anderen EU-Länder nicht dahinter standen. Jetzt sind die Beschlüsse ehrlicher, weil wirklich eine große Mehrheit dahintersteht.

ZEIT ONLINE: Viele kritisieren, dass Entscheidungen immer länger dauern, weil sich erst alle einigen müssen, die Krise aber schnelle Entscheidungen verlange.

Cohn-Bendit: Die Ursache liegt darin, dass Entscheidungen im Europäischen Rat immer einstimmig fallen müssen. Das blockiert den demokratischen Prozess. Das müssen wir mittelfristig überwinden. Ein Beispiel: Am ersten Abend des Gipfels hat der schwedische Premier Reinfeld minutenlang doziert, warum er gegen einen eigenen Haushalt für die Euro-Zone ist – obwohl sein Land den Euro gar nicht einführen will. Die Regierungschefs der Euro-Länder schütteten nur den Kopf. So funktioniert Europa heute!

ZEIT ONLINE: Die Vorschläge von Ratspräsident Herman Van Rompuy und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zur Vertiefung der Währungsunion und um die Euro-Gruppe handlungsfähiger zu machen haben auf dem Gipfel kaum eine Rolle gespielt. Sehen Sie eine Chance, dass in absehbarer Zeit solche tiefgreifenden Reformen ernsthaft diskutiert werden?

Cohn-Bendit: Ich glaube, dass Frankreich da einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht hat. Hollande hat in einem Interview mit sechs europäischen Zeitungen gesagt, nach 2014, also nach der Europawahl, müsse die Frage der politischen Union und der europäischen Strukturreformen angegangen werden. Damit hat er die Bereitschaft Frankreichs erklärt, sich an dieser Debatte mit eigenen Vorschlägen zu beteiligen.

ZEIT ONLINE: Sie selbst fordern in Ihrem Manifest für Europa gemeinsam mit dem früheren belgischen Premier Guy Verhofstadt einen föderalen europäischen Staat.

Cohn-Bendit: Man muss jetzt Entscheidungen im Rahmen der vorhandenen Institutionen treffen, um der Krise Herr zu werden. In dieser Krise zeigt sich aber gleichzeitig die institutionelle Unzulänglichkeit der EU. Die muss dann nach 2014 angegangen werden.