Man stelle sich vor: Bei der nächsten Europawahl 2014 treten mehrere Parteien oder Listen europaweit an. Das neu gewählte Europäische Parlament setzt eine verfassungsgebende Versammlung ein, einen europäischen Konvent, der binnen zwei Jahren ein Grundgesetz für einen föderalen europäischen Staat erarbeitet. In einem EU-weiten Referendum stimmen die Bürger der Verfassung mehrheitlich zu. Die Vereinigten Staaten von Europa mit einem gewählten Präsidenten, einer gemeinsamen Regierung und einem echten, demokratischen Parlament wären geboren.

Ein Hirngespinst abgehobener Eurokraten? Nein, im Gegenteil, sagen der frühere französische Revolutionär und heutige Grünen-Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit und der belgische Ex-Premier und Liberale Guy Verhofstadt . Gemeinsam haben die beiden ungleichen Proeuropäer die Vision Für Europa entwickelt und in einem gleichnamigen Manifest niedergelegt.

Derzeit ziehen beide durch die europäischen Hauptstädte, um dafür zu werben: für ein Europa der Bürger – von ihnen selbst geschaffen, nicht wie bisher von den Politikern und Eliten. Am Mittwochabend machten sie in Berlin Station.

"Eine europäische Revolution"

"Wir befinden uns in einem revolutionären Prozess", sagt Cohn-Bendit, der 1968 auf den Barrikaden in Paris kämpfte und heute als einer von zwei Vorsitzenden die Grünen-Fraktion im Europaparlament anführt. "Wir stehen vor dem Ende von 200 Jahren Nationalstaat", fügt er mit einigem Pathos hinzu. Verhofstadt, Vorsitzender der Liberalen-Fraktion im Brüsseler Parlament, sieht es genauso, aber er begründet es pragmatischer: "Die Märkte treiben die Entwicklung voran. Sie schränken die nationale Souveränität ein. Wenn wir sie wiedergewinnen wollen, geht das nur über Europa. Nur ein geeintes Europa kann uns aus der wirtschaftlichen und politischen Krise erlösen."

Der Belgier Verhofstadt, der von 1999 bis 2008 in Brüssel regierte, und der Deutsch-Franzose Cohn-Bendit, der abwechselnd in beiden Ländern kandidiert, sind sich einig: "Die Politik und die nationalen Regierungen haben versagt. Sie denken nur an ihre nationalen Interessen. Sie haben keine Idee, keine Vision von Europa. Sie können Europa den Bürgern nicht erklären. Das fördert das Wiederaufleben des Nationalismus und den Populismus." Deshalb, so ihre Schlussfolgerung, müssten die Bürger die Geschicke Europas jetzt selber in die Hand nehmen. "Wir müssen sie überzeugen. Die Märkte mögen vieles falsch machen, aber hier tun sie das Richtige: Sie treiben die Politik zur Wirtschafts-, Sozial- und politischen Union", sagt Verhofstadt.

Der Liberale ist wie sein grüner Mitkämpfer überzeugt, dass der wahre Grund für die Euro-Krise nicht im Reformunwillen in den verschuldeten Staaten des Südens liegt, sondern in einer mangelhaften, falschen Konstruktion Europas. Und er führt dafür ein überzeugendes Argument an: Die Euro-Staaten hätten im Schnitt Schulden in Höhe von 88 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) und müssten für neue Kredite im Schnitt fünf Prozent Zinsen zahlen. Die USA hätten eine um 50 Prozent höhere Verschuldung, müssten auf ihre Anleihen aber nur etwa zwei Prozent entrichten, Japan bei einer extrem hohen Verschuldung von mehr 220 Prozent des BIP sogar nur 1,5 Prozent. "Warum? Weil beide echte Staaten sind!"

Ein gemeinsamer Staat für den Euro

Deshalb gibt es für ihn wie für Cohn-Bendit auch nur einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise: "Wir müssen den Schritt zu einem föderalen europäischen Staat wagen. Sonst gibt es keine Lösung."

Dass die beiden Autoren ihr in sechs Sprachen erschienenes Europa-Manifest am Tag der deutschen Einheit in Berlin vorstellten, nutzten sie, um ihre Thesen zu untermauern. Denn die deutsche Wiedervereinigung war auch die Geburtsstunde für ein zentrales Projekt der europäischen Integration: die Einführung des Euro. Die Aufgabe der D-Mark war seinerzeit der vom französischen Präsidenten François Mitterrand verlangte Preis für seine Zustimmung zur deutschen Einheit. Helmut Kohl zahlte ihn, obwohl er wusste, dass die D-Mark das nationale Symbol der Deutschen war, woran Cohn-Bendit erinnerte.

Aber Kohl und Mitterrand machten bei ihrer (historisch richtigen) Entscheidung einen entscheidenden Fehler, darin sind sich heute die Experten und Politiker einig: Sie schufen die gemeinsame Währung ohne die notwendigen Voraussetzungen. "Als die USA gegründet wurden, errichteten die beteiligten Staaten erst eine Wirtschaftsunion und einen gemeinsamen Markt für Anleihen, erst zum Schluss schufen sie den Dollar", sagt Verhofstadt. "Wir haben es genau anders herum gemacht."

Die Antwort auf die daraus erwachsenen Probleme kann aber nach Ansicht der beiden entschiedenen Proeuropäer nicht darin bestehen, den Euro wieder aufzugeben oder einzelne Länder wie Griechenland aus der Währungsgemeinschaft zu werfen, sondern das Versäumte schleunigst nachzuholen. "Wir müssen den gemeinsamen Staat für die gemeinsame Währung schaffen", fordern sie.

"Europa kann nur gemeinsam überleben"

Ihre Vision eines europäischen Staates begründen beide aber bei Weitem nicht nur ökonomisch. Europa sei auch die einzige Möglichkeit, damit Deutschland und die anderen europäischen Staaten ihr soziales Modell in einer globalisierten Welt verteidigen und sich gegen die neuen Mächte wie China und Indien in Zukunft behaupten könnten.

Natürlichen wissen Cohn-Bendit und Verhofstadt, dass sie mit ihrer Idee nicht nur gegen die nationalen Regierungen, sondern auch gegen die derzeitige Stimmung der Bevölkerung in den meisten EU-Ländern stehen. Aber sie geben sich davon unbeeindruckt: "Wir haben unser Konzept vorgelegt", sagt Cohn-Bendit, "es mag verrückt sein. Aber wer dagegen ist, soll einen besseren Vorschlag machen."

Verhofstadt denkt pragmatisch. Er würde 2014 am liebsten mit einer eigenen proeuropäischen Liste europaweit antreten, mit ihm und Cohn-Bendit an der Spitze. Der ziert sich allerdings noch, weil er in zwei Jahren mit dann 69 Jahren eigentlich nicht mehr fürs EU-Parlament kandidieren wollte. "Aber wenn die französischen Grünen mich weiter ärgern, überlege ich es mir noch mal", schränkt er ein. Verhofstadt grinst dazu. Er kennt seinen Freund "Dani". Der hat sich von Widerstand noch nie bremsen lassen. Er auch nicht.