FriedensgesprächeKolumbiens Drogenkrieger suchen die Moral

Diese Woche beginnen die Gespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla-Organisation Farc. Die Chancen auf Frieden stehen nicht schlecht.

Vermisste des Drogenkrieges in Kolumbien

Vermisste des Drogenkrieges in Kolumbien

Lange wurde das Treffen vorbereitet, immer wieder kam es zu Verzögerungen. Zuletzt verhinderten schlechtes Wetter und internationale Haftbefehle gegen einige Teilnehmer den Beginn der Gespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc im norwegischen Oslo.

Seit mehr als einem halben Jahr haben sich beide Seiten in vertraulichen Gesprächen angenähert. In der kubanischen Hauptstadt Havanna trafen sich die Unterhändler, um auszuloten, wie ein Frieden überhaupt möglich sein sollte. Während Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos seine engsten Vertrauten schickte, um mit der Delegation von Farc-Chef Rodrigo Londoño Echeverri, der von vielen nur Timoschenko genannt wird, zu verhandeln, wurde in Kolumbien weiter gekämpft und weiter gestorben. Wie schon seit fast 50 Jahren. Erst vor wenigen Tagen geriet ein unschuldiges 13-jähriges Mädchen zwischen die Fronten und kam ums Leben. Rund 3.000 Menschen sterben jedes Jahr in diesem Krieg.

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Als Santos vor zwei Jahren zum neuen Präsidenten Kolumbiens gewählt wurde, betonte der ehemalige Verteidigungsminister stets: "Ich habe den Schlüssel zum Frieden in der Tasche." Was er damit meinte, ließ er im Unklaren. Aber nach mehreren Jahren als Verteidigungsminister im Kabinett des konservativen Hardliners Alvaro Uribe ist Santos in der Tat ein exzellenter Kenner der Farc. Ihm gelang es in einer streng geheimen und gewaltfreien Aktion im Juli 2008, die international bekannteste Farc-Geisel Ingrid Betancourt nach sechseinhalb quälenden Jahren im kolumbianischen Dschungel zu befreien.

Aus Freiheitskämpfern wurden Drogenhändler

Wie groß das Misstrauen auf beiden Seiten ist, zeigte sich erst vor ein paar Wochen in der Provinz Cauca, als Santos bei einem Besuch der wegen der Gewalt in ihrer Heimat aufgebrachten indigenen Stämme eine Morddrohung der Farc gegen ihn vorlas. Da wurde in Havanna schon längst miteinander verhandelt. Unterdessen tötete die Armee in weiteren Militäreinsätzen Dutzende Farc-Kämpfer. Deren Chef Timoschenko kündigt an, dass sich die Rebellen "ohne Wut und ohne Arroganz an den Tisch setzen werden".

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz Farc, gründeten sich 1964 als eine Reaktion auf die Ungerechtigkeiten gegen die arme Landbevölkerung. In den ersten Jahren ihrer Existenz fand die Guerilla-Organisation vor allem bei den rechtlosen Kleinbauern wegen ihres bewaffneten Kampfes gegen skrupellose Großgrundbesitzer Zulauf und Anerkennung. Doch mit dem Aufstieg des Drogenhandels zur wichtigsten illegalen Schattenwirtschaft Kolumbiens begann auch der schleichende moralische Absturz der Rebellenführer. Knapp fünf Jahrzehnte später ist aus den Freiheitskämpfern von einst eines der mächtigsten Drogenkartelle Lateinamerikas geworden. Rund 9.000 Farc-Mitglieder liefern sich blutige Kämpfe mit den brutalen Mörderbanden der rechtsgerichteten Paramilitärs um die Vorherrschaft im milliardenschweren Drogenhandel. Die rechten und linken Banden terrorisieren das Land und sind – ebenso wie die kolumbianische Armee –  für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Moralisch sauber ist in diesem Konflikt schon lange niemand mehr.

Leser-Kommentare
    • Kobuk
    • 15.10.2012 um 17:58 Uhr

    Ihm gelang es in einer streng geheimen und gewaltfreien Aktion im Juli 2008, die international bekannteste Farc-Geisel Ingrid Betancourt nach sechseinhalb quälenden Jahren im kolumbianischen Dschungel zu befreien.

    Hätte die Regierung Uribe am 01. März nicht während der Verhandlungen unter Hugo Chavez (unter denen im Januar 2008 schon 6 der mitinhaftierten Geiseln befreit wurden) ein FARC Lager in Equador bombardiert, wäre der riskante Einsatz der Spezialeinheiten im Juli wohl garnicht nötig gewesen.

    Die rechte Regierung Uribe hat stets jede Verhandlung verweigert, weil es bedeutet hätte den FARC Zugeständnisse machen zu müssen zu Lasten der US-Konzerne und Großgrundbesitzer (z.B. Stop des Landraubes).

    Santos ist zwar deutlich besser als Uribe, aber ein echter Frieden und Gerechtigkeit für Kolumbien kann erst starten, wenn alle US-Drogensoldaten verschwunden sind und alle von den Konzernen gebutterten Milizionäre.

    Ohne Chiquita & Co. bräuchte es auch keine bewaffneten Kampf der Farc!

    • agiii
    • 15.10.2012 um 18:56 Uhr

    "Wären die kolumbianischen Universitäten in den achtziger und neunziger Jahren nach einer Nachricht wie Canos Tod noch im Chaos versunken wären, flog dieses Mal nicht ein Stein, nicht ein Molotow-Cocktail an Bogotás größter Universität Nacional."

    An der Universität Nacional fliegen schon extrem oft Steine. Manchmal mehrmals monatlich.

    Außerdem, der Artikel schreibt zu wenig über das Paramilitär - und die Mehrheit der Opfer in den letzten Jahren ist dem Paramilitär und nicht der Guerrilla zum Opfer gefallen.

  1. spätestens jetzt wäre es an der zeit, vorreiter zu sein und den illegalen drogenhandel zu legalisieren. denn auch wenn die farc die waffen niederlegt, werden die entstehenden lücken sofort durch andere kriminelle, gewaltbereite organisationen übernommen.

    in lateinamerika scheint diesbezüglich ja gerade ein umdenken stattzufinden, wenn auch die kolumbianische regierung als eine der letzten rechtsgerichteten und usa-hörigen regierungen lateinamerikas dabei wahrscheinlich nicht federführend sein wird. die meisten haben erkannt, dass die prohibition die wurzel allen übels ist, die konstant 1/3 der welt am abgrund stehen lässt.

    allerdings ist mittlerweile z.b. der besitz von bis zu 1 g kokain und 20 g cannabis wieder straffrei. ein schritt in die richtige richtung.....

    Eine Leser-Empfehlung
  2. 4. Abzug?

    Dann können die Amis ja ihre 7 Stützpunkte in Kolumbien wieder aufgeben. Oder will man nur den Rücken frei haben, um gegen die neue Achse des Bösen in Südamerika vorzugehen? Venezuela arbeitet mit dem Iran zusammen, Ecuador hat ebenso multinationale Konzerne des Landes verwiesen, Bolivien meint das Recht zu haben seine riesigen Lithium-Vorräte selber auszubeuten und Brasilien ist potentiell eh die nächste Atommacht.
    Und wer daran glaubt, das auch nur ein Gramm weniger Koka exportiert wird, wird sich schwer wundern. Die Einnahmen müssen nur nicht mehr mit der FARC geteilt werden.

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