Italienische Mafia"'Ndrangheta-Leute sind anständig aussehende Unternehmer"

Die kalabrische 'Ndrangheta-Mafia dringt auch nach Deutschland vor, sagt Experte Francesco Forgione. Im Gegensatz zur Cosa Nostra versucht sie unauffällig zu bleiben. von 

ZEIT ONLINE: Die Monti-Regierung hat kürzlich den Stadtrat der süditalienischen Provinzhaupstadt Reggio Calabria aufgelöst . Es besteht der Verdacht, dass die Stadtverwaltung von der 'Ndrangheta unterwandert sei. Wie macht die 'Ndrangheta das?

Francesco Forgione

ist Journalist und Politiker. Zwischen 2006 und 2008 war der 52-jährige Präsident des Antimafiaauschusses des italienischen Parlaments. Er hat verschiedene Bücher über die Beziehung zwischen Mafia und Wirtschaftswelt geschrieben, unter anderen: “Mafia-Export: Wie Camorra, Cosa Nostra und Ndrangheta die Welt kolonisiert haben” und “Ndrangheta: Bosse, Orte und Geschäfte der mächtigsten Mafia der Welt".

Francesco Forgione: Laut Innenministerin Annamaria Cancellieri sollen einige Politiker in Reggio Calabria der 'Ndrangheta sehr nah gewesen sein. Das ist etwas viel Schlimmeres als eine Unterwanderung. Das bedeutet nämlich, dass die lokale Regierung bewusst zugunsten der Mafia-Clans gehandelt hat. Das ist aber nicht nur ein Problem von Reggio Calabria. In der Region Kalabrien sind zur Zeit drei Regionalabgeordnete, zwei Richter und mehrere leitende Beamte der Sicherheitsdienste wegen Beziehungen zur 'Ndrangheta in Haft. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn das 'Ndrangheta-Netzwerk erstreckt sich weit über die Grenzen der Region hinaus.

ZEIT ONLINE:
Während die Ministerin die Auflösung des Stadtrates in Reggio anordnete, nahm die Polizei im norditalienischen Mailand den Regionalminister Domenico Zambetti und einige seiner Parteifreunde fest. Sie sollen mit Hilfe der 'Ndrangheta etwa 4.000 Wahlstimmen gekauft haben. Warum sollte ein Politiker in Mailand die 'Ndrangheta-Clans um Hilfe bitten?

Forgione: Wenn man verstehen will, wie die 'Ndrangheta die Politik beeinflusst, muss man in erster Linie das Gebiet beobachten, das die Clans als Revier auswählen. Die Tatsache, dass die 'Ndrangheta verschiedene Teile der Lombardei kolonisiert hat, ist zwar nicht neu. Früher begnügten sich die 'Ndranghetisti jedoch damit, das Geld aus dem Drogenhandel im Norden zu waschen. In den letzten Jahren fingen sie an, dasselbe gesellschaftliche und wirtschaftliche Modell, mit dem sie ihre Macht in Kalabrien ausbauten, in Richtung Norden zu exportieren. So entstanden um Mailand herum immer mehr Unternehmen, die an die 'Ndrangheta-Clans gebunden sind. Dadurch baut die 'Ndrangheta ihre Kontakte aus und sichert sich Treue und Gehorsamkeit.

ZEIT ONLINE: Wie drücken sich diese Treue und Gehorsamkeit in Wahlstimmen aus?

Forgione: Was will ein Politiker? Zustimmung. Dank ihres wirtschaftlichen Netzwerkes kann die 'Ndrangheta die Ansichten vieler Menschen beeinflussen. Das bezieht sich nicht nur auf die Immigranten aus Kalabrien, sondern auf viele Menschen, die in Unternehmen arbeiten, die von 'Ndrangheta-Anhängern geleitet werden, beispielsweise Einkaufszentren oder  Baufirmen.

ZEIT ONLINE:
Sollen wir uns vorstellen, Zambetti sei wie in einer Szene aus dem Film "Der Pate" zu einem Mafia-Boss gegangen, um ihn um Unterstützung zu bitten?

Forgione: Wenn von der 'Ndrangheta die Rede ist, denken viele noch an den typischen Mafiosi mit der sizilianischen Mütze. Das Bild ist aber veraltet. Die 'Ndrangheta-Anhänger sind heutzutage anständig aussehende Unternehmer, die wegen ihrer Arbeit bereits im Kontakt mit der öffentlichen Verwaltung stehen. Außerdem gibt es viele Kontaktpersonen, die im selben Milieu unterwegs sind wie Politiker, Richter, Journalisten. Diese Personen bilden die sogenannte graue Zone, das ist eine Gruppe von Unternehmern und Freiberuflern, die nicht Mitglieder der Organisation sind, trotzdem aber Geschäfte mit der 'Ndrangheta macht. Die Politiker, die mit diesen Menschen zu tun haben, wissen genau, wer dahinter steckt. Gerade die Clans, deren Namen in den jüngsten Skandalen auftauchten, sind in Mailand bereits seit den achtziger Jahren wohlbekannt.

ZEIT ONLINE: Ist die 'Ndrangheta nicht dafür bekannt, dass sie jegliche Beziehungen zu den Institutionen ablehnt?

Forgione: Das war früher so. Anders als die Cosa Nostra versucht die 'Ndrangheta jeglichen Konflikt mit dem Staat zu vermeiden. Die Cosa Nostra ließ oft Richter, Politiker und Journalisten ermorden . Die 'Ndrangheta dagegen lehnt diese Methoden ab, das heißt aber nicht, dass sie weniger aggressiv ist. Die 'Ndrangheta sieht sich eher als Parallelstruktur, die in den dunklen Winkeln des Staates lebt und gedeiht. Diese Methode ist sehr erfolgreich. In den nördlichen Regionen wuchs sie viel schneller als die Cosa Nostra.

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Leserkommentare
  1. .
    "... haben allerdings nur die offen kriminelle Seite der Organisation betroffen. Jetzt geht es darum, über die graue Zone Aufschluss zu bekommen und die Beziehungen zwischen 'Ndrangheta, Wirtschaft und Politik aufzuklären. ..."

    Vielleicht besser gleichzeitig von der politischen Seite her anfangen.

    Da gäbs auch bei Russenmafiaverbindungen die eine oder andere mittelgrosse Gazpromnummer hochzunehmen ...

  2. Vielleicht werden in einem Land, dessen Abgeordnete ein Verbot von Abgeordnetenbestechung verhindern, gute Voraussetzungen für die Arbeit der Ndrangheta erwartet. Insofern ein überlegter Schritt.

  3. Wenn es geht im Osten zu investieren dann macht die Politik eine Auge zu , warum wird nicht nach Herkunft des Geldes das investiert wird ,gefragt? Solche Organisationen gehen dort wo viel Geld fliesst.

  4. ...haben wir in der Eurozone schon längst ein ausgewachsenes Mafia-Problem.

  5. Die an den Verhandlungen zur Kontrolle des internationalen Waffenhandels beteiligten Staaten haben ueberwiegend fuer die Inhalte zur Abschaffung des Waffenhandels gestimmt. Im Maerz 2013 stehen Neuverhandlungen an. Lediglich 6 Staaten, darunter leider die Grossmacht Russland, haben sich bei der Zustimmung zu den Neuverhandlungen im Maerz enthalten. Es steht zu hoffen, dass die Vertragsinhalte in der noch zur Verfuegung stehenden Zeit nicht verwaessert werden und es bei einem Verbot Grenzueberschreitenden Waffenhandels bleiben wird. Auf dieser Ebene rechtzeitig geloeste Strukturfragen der Eindaemmung von durch Geschaeftsleute verursachte Gewalt und Zerstoerung sind sicher auch im Interesse einer friedlichen Zukunft unserer Nachfahren. Es wird aus diesem Grunde vorgeschlagen, das oeffentliche Medieninteresse auf die Gruende fuer die Enthaltung Russland und uebrigens auch Syriens zu lenken. Der Eindruck, die russische Zurueckhaltung sei noch ein Ueberbleibsel des Kalten Krieges sollte vermieden werden. Die Chinesen und die Amerikaner zumindest haben die Notwendigkeiten des Friedens in der Zukunft offenbar rechtzeitig erkannt. Die Russen erwecken den Eindruck logistisch mit der Anpassung an eine friedliche Globalisierung in dieser Frage ueberfordert zu sein. Eine Verhinderung von Schlupfloechern im Vertragswerk fuer Waffenhaendler erfordert Hilfe der oeffentlichen Medien.

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