StaatszerfallMalis Absturz zum Krisenstaat

Drogen, Waffen, Scharia: Einst ein Musterstaat, ist der Norden Malis heute in den Händen von Radikalislamisten; den Süden kontrolliert eine schwache Übergangsregierung. von Dagmar Dehmer

Islamistische Polizisten im Norden Malis

Islamistische Polizisten im Norden Malis  |  © ISSOUF SANOGO/AFP/GettyImages

Die Lage in Mali wird kaum so schnell zu befrieden sein wie die internationale Diplomatie das gerade glauben machen möchte . Mali, das im Westen lange als "Musterdemokratie" galt, steckt seit März in einer politischen Krise. Nachdem das schlecht ausgebildete, schlecht ausgerüstete und häufig nicht einmal regelmäßig bezahlte malische Militär in einem bewaffneten Konflikt mit rebellierenden Tuareg auf dem Weg zur Niederlage war, übernahm eine Gruppe rangniedriger Offiziere die Macht in Bamako.

Der langjährige Präsident Amadou Toumani Touré flüchtete mit ein paar Leibwächtern; dass der Coup ohne größeren Widerstand geglückt war, löste bei den Putschisten um Amadou Sanogo zunächst so etwas wie eine Schockstarre aus. Sie leisteten den aus Libyen schwer bewaffnet zurückgekehrten Tuareg in der Bewegung für ein freies Azawad (MNLA) keinen Widerstand.

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Diese nutzten die Chance und eroberten in drei Wochen alle relevanten Städte in Nordmali und riefen den unabhängigen Staat Azawad aus. Bis heute hat kein Land dieses Konstrukt anerkannt. Die westafrikanische Regionalorganisation Ecowas wie die Afrikanische Union sind sich einig, dass "die Einheit Malis" wiederhergestellt werden müsse.

Scharia in ihrer restriktivsten Form

Der Triumph der Tuareg dauerte jedoch nur wenige Wochen. Sie waren für die Eroberung von Timbuktu, Gao und Kidal ein loses Kampfbündnis mit einer von Tuareg dominierten Islamistengruppe, Ansar Dine , eingegangen, die sie umgehend aus Timbuktu und schließlich auch den anderen Städten wieder hinauswarfen. Seither herrschen Ansar Dine, Aqmi und eine weitere islamistische Gruppierung mit dem Namen Mujao (Bewegung für Einheit und den Dschihad in Westafrika ) in Nordmali.

Sie haben die Scharia, das islamische Recht, in seiner restriktivsten Form eingeführt. Immer häufiger gibt es Berichte über Amputationen, Steinigungen und Auspeitschungen aus dem Norden Malis. Rund eine halbe Million Menschen der lediglich rund 1,5 Millionen Einwohner des Gebiets ist in den Süden Malis und in die Nachbarländer geflüchtet. In Timbuktu zerstörten die radikalen Islamisten im Sommer zahlreiche Moscheen und Heiligengräber , die von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet sind.

Leserkommentare
  1. "Sie haben die Scharia, das islamische Recht, in seiner restriktivsten Form eingeführt. Immer häufiger gibt es Berichte über Amputationen, Steinigungen und Auspeitschungen aus dem Norden Malis. Rund eine halbe Million Menschen der lediglich rund 1,5 Millionen Einwohner des Gebiets ist in den Süden Malis und in die Nachbarländer geflüchtet."

    Ich finde ja, kurz und schmerzlos Frieden und Menschenrechte zu stabilisieren wäre doch leicht, vermutlich wirtschaftlich nicht interessant, leider.

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  2. Die Tuareg haben ja auf der Seite Gaddhafis gekämpft. Da alle Gaddhafi Anhänger/Loyalisten/Sympatisanten in Libyen brutal verfolgt werden, sind die Tuareg-Kämpfen mit ihren erbeuteten Waffen nach Nord-Mali geflohen.

    Dass sie Nord-Mali unter Kontrolle bringen konnten, ist eine direkte Folge des Libyen-Kriegs und seiner Eskalation, die ohne die Aufrüstung regimefeindlicher libyscher Milizen durch westliche Staaten und ohne die massiven, auf den Sturz der Regierung zielenden NATO-Bombardements kaum eingetreten wäre. Als deutlich erkennbar wurde, dass loyale, im Dienst der libyschen Streitkräfte stehende Tuareg nach dem Sieg der Aufständischen über das Regime brutal verfolgt würden, flohen viele von ihnen in den Norden Malis - und nahmen zahlreiche Waffen unterschiedlichster Art dorthin mit. Dass dies in Verbindung mit den gesellschaftlichen Verwerfungen des Krieges, die bis heute fortdauern, das überaus fragile Gleichgewicht in den prekären Ökonomien des Wüstenrandes zerstören würde, lag nahe und wurde von Beobachtern schon bald festgestellt.

    http://www.german-foreign...

    Und schon wieder fällt eine No-Go der deutschen Aussenpolitik: Einsatz von Bundeswehr in Frankoafrika.

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    Ich weiß nicht, wer das in den letzten Jahren jemals zu einem No-Go erklärt hat. Aber selbst dann würde es sich nicht um bewaffnete Truppen handeln, ein bewaffneter Konflikt jedenfalls wurde von Westerwelle und Prodi zum No-Go erklärt.

  3. 3. No-Go?

    Ich weiß nicht, wer das in den letzten Jahren jemals zu einem No-Go erklärt hat. Aber selbst dann würde es sich nicht um bewaffnete Truppen handeln, ein bewaffneter Konflikt jedenfalls wurde von Westerwelle und Prodi zum No-Go erklärt.

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    Ja klar. Genau wie der Afghanistaneinsatz ja auch erst seit Kurzem ein Krieg ist und vorher eine Brunnenbau-Mission war, richtig? Lassen Sie sich blos nicht täuschen. Sicher will man die afrikanischen Soldaten erstmal als Kanonenfutter nutzen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste "Ausbildungslager" gestürmt wird.

    Frankreich soll das alleine machen. Die wollten den Libyen Einsatz und sollen auch jetzt den Schutt aufkehren.

  4. Ja klar. Genau wie der Afghanistaneinsatz ja auch erst seit Kurzem ein Krieg ist und vorher eine Brunnenbau-Mission war, richtig? Lassen Sie sich blos nicht täuschen. Sicher will man die afrikanischen Soldaten erstmal als Kanonenfutter nutzen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das erste "Ausbildungslager" gestürmt wird.

    Frankreich soll das alleine machen. Die wollten den Libyen Einsatz und sollen auch jetzt den Schutt aufkehren.

    Antwort auf "No-Go?"
  5. Die Situation im Norden Malis rottet schon über 10 Jahre vor sich hin, wer seine Meinung nach den Geschehnissen der letzten Monate richtet, greift da zu kurz.

    Damals ging der Algerische Bürgerkrieg zu Ende, und die islamistischen Kämpfer in Algerien mussten feststellen, dass sie bei der Bevölkerung mit ihrer Ideologie keinen Blumentopf gewinnen konnten. Daraufhin haben sie sich in die Zentralsahara zurückgezogen, nennen sich seitdem, das passte in die Zeit, "Al Qaida im islamischen Maghreb" und leben von Schmuggel und Entführungen (wo bekam man 2003 die entführten Deutschen wieder, natürlich "ohne jedes Lösegeld"?).

    Inzwischen haben sie ein ausreichendes finanzielles Polster, und nun, aber das ist nur die Kirsche auf der Torte, einen kleinen Teil von Gaddafis Waffen (das einzige Gut, das Söldner auf dem Heimweg in Gaddafi-Land plündern konnten).

    Die Frage, die sich jetzt stellt, ist tatsächlich: Wie lange sollen sie sich noch weiter unbehelligt bereichern und ausdehnen können, auf Kosten der Bevölkerung?

    Es ist sinnvoll, einzugreifen. Schwierig ist die Frage, wie. Der geplante Einsatz "afrikanischer Truppen" aus einer anderen Klimazone ist ziemlich heikel. - Meiner Meinung nach sollte man besser Leute fragen, die sich in der Gegend auskennen, z.B. die Tuareg oder die Tubu. Da kommen also die direkten Nachbarn Malis in der Zentralsahara zum Zug.

    Das kann dann auch ein Anlass sein, auch die Lebenssituation in dieser Region endlich auf die Tagesordnung zu setzen.

    2 Leserempfehlungen
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    Danke für die Einschätzung zur Vervollständigung des Bildes aus regionaler Sicht (wenn ich mich recht erinnere, wohn(t)en Sie in Libyen?).

  6. Danke für die Einschätzung zur Vervollständigung des Bildes aus regionaler Sicht (wenn ich mich recht erinnere, wohn(t)en Sie in Libyen?).

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