Pussy Riot : Jubelschrei im Gerichtssaal 338

Jekaterina Samuzewitsch ist frei, die beiden anderen Pussy-Riot-Mitglieder müssen ins Straflager. In Russland wird über das neue Urteil gerätselt.
Jekaterina Samuzewitsch, dahinter ihr Vater Stanislaw Samuzewitsch © Maxim Spipenkov/EPA/dpa

Der glücklichste Mann im Saal 338 des Moskauer Stadtgerichtes an diesem Tag heißt Stanislaw Samuzewitsch. Die glücklichste Frau ist seine Tochter Jekaterina . Wenige Minuten zuvor hat das Berufungsgericht die Lagerhaftstrafe für ihren Auftritt mit der Punkband Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.

Die beiden Mitangeklagten Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina müssen wie gehabt zwei Jahre ins Gefängnis . Während Jekaterina Samuzewitsch in einem Hinterzimmer des Gerichts noch die Papiere für die Entlassung aus der Haft unterzeichnet, diktiert der Vater vor der Tür sein Glück in Dutzende Mikrofone.

Stanislaw Samuzewitsch absolviert diese Interviews wie jeden seiner Auftritte bei Gericht seit dem Sommer dieses Jahres. Abgeklärt, mit fast flüsternder Stimme. Der graue Scheitel wie mit dem Lineal gezogen, durchgedrückter Rücken, selbst wenn die Luft im Gerichtssaal zum Schneiden ist, behält er seinen Anzug an. Jeden Prozesstag hat er begleitet, jedes Mal saß er in der ersten Reihe.

Zum ersten Mal lächelt er – kurz

Als Zeuge vor Gericht sagte Samuzewitsch aus, er habe keine Ahnung gehabt, was seine Tochter mit ihren Freundinnen in ihrem Zimmer trieb, als diese dort ihre berühmt gewordenen Häkelhauben bastelten. Jetzt leistet er sich zum ersten Mal seit der Inhaftierung vor sieben Monaten öffentlich ein befreiendes Lächeln. Doch sofort nimmt er es wieder zurück. "Das ist ein Kompromiss nach Wunsch unseres Präsidenten Wladimir Putin . Wir sollten die anderen beiden Frauen nicht vergessen. Sie gehören nicht ins Gefängnis."

Auf eine Frage kann auch der besonnene Stanislaw Samuzewitsch keine abschließende Antwort geben: Welche Rolle spielt das Zerwürfnis seiner Tochter mit ihrer ehemaligen Verteidigerin bei dem neuen Urteil?

Seit Jekaterina Samuzewitsch vor einer Woche beim ersten Prozesstermin des Berufungsverfahrens verkündete, sie wolle sich von ihrer Anwältin Wioletta Wolkowa trennen, rätseln Beobachter über die wahren Gründe dieses Schrittes. Samuzewitsch selbst sagte wenig Erhellendes: Sie und ihre Anwältin hätten unterschiedliche Positionen. Gegner der Gruppe vermuteten eine fadenscheinige Aktion, um den Prozess zu verschleppen. Das Berufungsurteil wurde schließlich um mehrere Tage verschoben .

Auch am Mittwoch wollte keiner der Beteiligten klar Stellung beziehen. Wioletta Wolkowa saß weiterhin auf der Verteidigerbank – dieses Mal als zusätzliche Anwältin der anderen beiden Frauen. Mit am Tisch, aber in deutlichem Abstand zum eingespielten Verteidiger-Trio, nahm die neue Verteidigerin Irina Chrunowa Platz, entsandt von der Menschenrechtsorganisation Agora.

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Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

@ 1 Booglins

Ich hoffe, Sie leben auch da und idealerweise sind Sie Künstler.

Ich weiss nicht wie jung Sie waren beim sich verändern der Sowjet Union und schon deutsche Zeitungen gelesen haben aber man hat viel mitbekommen durch die Presse.

Übrigens die deutschen Gegner von Solidarnosc waren auch für Frieden und Stabilität aber die Kunst, die auch oft rowdyhaft daher kam, haben sie doch in Ruhe gelassen. So viel Angst hatten wir nicht davor. Sogar die USA nicht. USA und Deutschland sind übrigens verschieden. (Nicht gelesen?)

Ein bisschen denken Sie da an die Angst auch der Fürsten vor der Aufklärung und dem Aufkommen der Bürgerrechte, die in Russland auch damals zur Abschottung geführt hatte. Obwohl doch Katharin die Große von den Ideen erst begeistert war.

Jeder jeder mag seinen Weg gehen, aber wie man den beurteilt, da brauchen wir sicher nicht alle der gleichen Meinung zu sein. Und wenn Sie andere Meinungen oder Kritik als Feindschaft werten, folgen Sie einer großen Tradition.

Kritik?

Was an der PR Berichterstattung ist Kritik? Nur, weil man Geld von bestimmten Kreisen Finanzmittel bekommt, wenn man sich mit PR solidarisiert ist das noch lange keine Kritik! Kritik wäre es, wenn man alle Menschen die Aufgrund von zu strengen Gesetzen hinter Gittern sitzen unterstützt und nicht nur die, die dafür bezahlen können!
Ich bin genau so wie PR kein Künstler, denn das was PR machen kann jeder! Ich habe in D studiert und wurde oft beschimpft und dafür ist die Politik mitverantwortlich!

P.S.: Deutschland ist immer noch teilsouverän deswegen muss man die USA immer erwähnen.

Sie haben recht.

Die Bundesrepublik Deutschland von heute und ihre Medien sind auch nach meinem Eindruck in etwa genauso unabhängig und souverän von den westlichen Siegermächten wie es die DDR von Moskau war. Es wird nur etwas geschickter kaschiert. Dennoch würde ein Redakteur, der die Wahrheit über der PR-PR-Kampagne schreiben würde, m. E. schon am nächsten Tag ein sehr freier Journalist sein.

Fast 90% der Russen (und nur die geht es etwas an) begrüßen im übrigen laut einer Umfrage das Urteil gegen die "Damen" oder wünschen sich gar ein härteres.

@ 25 Booglins

Wenn man immer Bezahlung und zwangsweise Gleichschaltung durch die USA unterstellt, kann man alles abwerten und woanders rechtfertigen.

Ich habe gennug Verständnis und Akzeptanz für Putin und Russland geäussert in meinen Kommentaren und mag Russland auch.

Aber Sie werfen alles in einen Topf und massen sich auch noch an zu beurteilen, was richtige Kunst und richtige künstlerische Kritik ist. Ne Fettecke auf eine Badewanne kleben wie Joseph Beuys können Sie auch nicht wahr?

Was solls. Zum Feind haben Sie mich schon erklärt. Belassen wir es dabei.

@ 38 Booglins

Was Sie sich von dem, was auf der Welt gibt, zu eigen machen, ist Ihre Sache. Oderint cum metuant, könnte man sagen. Tue ich aber nicht. Schon die Liebenden schreiben mir nicht vor, was ich zu lieben habe. Die Hassenden sollten sich ändern. Hassen essen wie Angst Seele auf. Und ohne Seele keine Kunst.

Das war jetzt aber. Ihre Einseitigkeit und Ihre Rechtfertigung des Unguten durch anderes Ungute geht mir auf den Geist. MCarthy und Genossen rechtfertige ich auch nicht mit Zensur woanders.

Supermächte

Daran ist wohl nicht zu zweifeln, daß die Mehrheit der Russen die staatliche Gewaltpolitik gegen Unangepaßte befürwortet -- da sind die Russen den Amerikanern recht ähnlich: Der Anteil der Bürger, der im Gefängnis sitzt, ist in den USA am höchsten, gefolgt von Rußland.

Gleichzeitig ist in beiden Supermächten, die auf keine Weltmeinung Rücksicht nehmen müssen und daher wahrhaft souverän sind (und sich auch so benehmen), die Kriminalitätsrate exorbitant. Gewalt von oben führt zu Gewalt von unten führt zu Gewalt von oben... Man hat den menschlichen Impuls, denen, die man haßt, Gewalt anzutun, nicht im Griff.

Es bedürfte eines Zivilisationsschubes, aus der Gewaltspirale auszusteigen. Rußland und die USA sind eben noch nicht so weit.

Insofern schließe ich mich Kommentator fyp (#20) an: Ein Glück, daß wir in Europa leben: Individuelle Freiheit *und* wenig Kriminalität!

@Elly S "Der Westen"

Stimmt nicht, "der Westen" war nicht so segensreich, wie Sie behaupten. Die orientierungslose Putin-Misswirtschaft hatte die fanatisch liberalkapitalistischen Gurus und Karrieristen der Chicagoer Schule als Berater ins Land gelassen, die schon für die Zerschlagung und Plünderung indigener Wirtschafts- und Sozialsysteme z.B. in Indonesien und maßgeblichen Staaten Südamerikas mit Hilfe von Militärdiktaturen mitverantwortlich waren. Für die Privatisierung und Konzentration von vorher schlecht gepflegtem Volkskapital in die Hände von Spekulanten, Kadern, Apparatschiks und aufgeweckten Zeitgenossen wie Chodorkovski, die an den Quellen schnellen Zugriff hatten, auf Kosten der weiteren Verelendung der "Werktätigen",sind sie seither mitverantwortlich.

Taktik?

Auf jeden Falls sind jetzt nicht mehr Pussy Riot im Gefängnis, sondern nur 2 davon. Oder ehemalige Bandmitlglieder. Oder man kann sagen: wir haben gar nichts gegen Kunst, wenn sie sich nur anständig benimmt. Sieht man doch, 2 Rowdies wurden verurteilt, eine war keiner.

Der kritischen Presse wirds zur präzisen Berichterstattung und Kritik also ein wenig schwerer gemacht. Der Kunstaspekt gespaltet, und die politische Kritik ist erst recht obsolet gemacht.

Und den Freispruck aus Solidarität abzulehnen, wäre wohl zuviel verlangt. Aber sie wird ja kämpfen für die Anderen. Da bin ich mal gespannt.

Für welchen Lebensentwurf ...

... der "Pussy Riot" steht,
könnte man in der FAZ mal nachlesen,
wenn man das wollte.

"Lady Suppenhuhn"

http://www.faz.net/aktuel...

Erstaunlich ist es ja schon,
was man mit Suppenhühnern so alles anstellen kann.
Aber sonst?
---

Für den Clip, der im Internet
dann mehrere Millionen Klicks sammelte,
hatten die Damen übrigens zuvor,
bei einem ähnlichen Auftritt
in einer kleineren Kirche,
schon Material gesammelt.
Aus beiden Videoaufnahmen bastelte man dann
ein angebliches "Punk-Gebet".

Und Millionen Clicks darf man es bekanntlich
nicht zu schwer machen.
Das weiß man - bei Isis und Escort -
spätestens seit der ESM-Entscheidung.

---

Im Grunde ist es wohl ein Ringen.

Im Grunde aktivistieren da Leute
mit verblendeten Sinnen,
die für ihre vulgären Provokationen
in eilfertigen Medien
ihrer gesellschaftlichen Gegenentwürfe
als "Freiheitskämpfer" gefeiert werden,
während die einheimischen Medien in Russland
dazu treffendere Bezeichnungen finden.

Hierzulande braust diesbezüglich
wässrige Artikeltinte in besinnungslosen Kaskaden
um die Protagonisten eine gottlosen Gesellschaft,
die, hierzulande in großen Teilen verwirklicht,
und nun spirituell verwahrlost im Wohlstand,
nicht wieder nüchtern werden darf,
um Schlimmeres zu verhüten.

---

"Wir sind in die Kathedrale gegangen, um dagegen zu protestieren, dass sich die politischen und spirituellen Eliten vereinen."

Divide et impera
Wie "neu".

Grundtotalitär

"Für welchen Lebensentwurf ...

... der "Pussy Riot" steht,
könnte man in der FAZ mal nachlesen,
wenn man das wollte.

"Lady Suppenhuhn"...."

Klasse, gegen einen "Lebensentwurf", der einem nicht passt, rechtfertigt man Lagerhaft (so der Rest des Beitrags - und zahlreicher anderer in diesem Thread...)!

Ich denk, mich tritt ein Pferd, wenn ich sehe, wieviele hier auf grundtotalitäre Denkweisen zurückgreifen... Wo leben wir eigentlich?

Gottlos?

Mitnichten. Es war eine Kritik an der Verfilzung zwischen russ.-orthodoxer Kirche und Kreml, nicht eine Kritik am Glauben. Die russ.orth. Kirche hat den Inhalt der Performance - ein Gebet - mit ihrer Haltung ja wohl bestätigt.

In der DDR hat Kirche seinerzeit den politischen Widerstand unterstützt - so als jüngstes Beispiel. Allerdings steht die evangelische Kirche auch in einer anderen Tradition. Für den Widerstand im 3. Reich wäre da z.B. Niemöller zu nennen( übrigens Preisträger des Lenin-Friedenspreises), Bonhoeffer und auch die Mitglieder der Weißen Rose waren religiös motivierte Widerstandskämpfer.

Auch diese drei jungen Frauen haben mit zeitgemäßen Mitteln politischen Widerstand geleistet und dass die Kirche diesen Widerstand nicht schützt spricht gegen sie.

Das sind wohlfeile Märchen

Die evangelische Kirchenführung hat sowohl den 1. Weltkrieg als auch Hitlers Machtergreifung unterstützt (sagt Ihnen der Begriff "Deutsche Christen" etwas?) und in der DDR der "Kirche im Sozialismus" gehuldigt. Widerständler wie Bonhoeffer oder Niemöller waren die absolute Ausnahme. Dagegen wurde die russische orthodoxe Kirche von Stalin und den Kommunisten auf das Barbarischste verfolgt und ist dennoch nie vor ihnen zu Kreuze gekrochen.

Es ist schon eine ziemliche Unverfrorenheit, einer Kirche vorzuwerfen, daß sie sich gegen eine eindeutige Blasphemie ausspricht. Die zeitgeistselige EKD würde das natürlich nie tun ...

@Fritz Labude

"Divide et Impera" ist nicht das Motto der aufmüpfigen Bürger, der Beherrschten, die sich nicht als Untertanen treten lassen wollen, sondern das Motto der Herrscher.
Sie vertauschen hier mit einer sophistischen Umkehrung Macht mit Machtlosen, Täter mit Opfer. Das hat natürlich Methode.

"Suppenhuhn":
Egal, ob die Aktion politisch oder künstlerisch intelligent gewesen sei oder banal oder gar Trash (was sie aber nicht war, da Ort und Aussage der Performance Relevanz und Wirkung hatten): Gegen sie lassen sich nach menschenrechtlichen Maßstäben 2 Jahre Lagerhaft nicht rechtfertigen.
"Beleidigung religiöser Gefühle" und herrschaftsgefährdendes (so meint es die Obrigkeit) "Rowdytum" sind ein Popanz, den erst die herrschende Oligarchie hinzu inszeniert hat.

@S.Seher "eindeutige Blasphemie"

ist doch hier wie auch in vergleichbaren Fällen "Beleidigung religiöser Gefühle" nur eine heuchlerisch vorgeschobene Konstruktion um Gewalt gegen Kritiker anwenden zu können, ein aufgeblasener Popanz:
Gott, oder nenne ihn Allah, stehen, wenn es ihn gibt, wie ihre Propheten, wenn es sie gegeben hat, erhaben und unantastbar über solchem irdischen Gemäkel. Du kannst ihnen damit nichts anhaben. Das sollten ihre Anhänger und Funktionäre eigentlich am besten wissen.
Die adäquate Antwort darauf sind höchstens Räumung der sakralen Stätte von den Störenfrieden, Hausverbot, Verwarnung oder Bußgeld wegen Ordnungswidrigkeit.
"Blasphemie" und "Beleidigung religiöser Gefühle" werden da, wo Religiösität gar nicht unterdrückt wird, sondern ausgelebt, in dieser Überzeichnung nur missbräuchlich für politische Zwecke oder terroristische Übergriffe gegen Andersdenkende geltend gemacht.
Anders ist es, wenn Blasphemie oder "Verletzung religiöser Gefühle" gegen Gläubige oder Konfessionen als Demütigungs- und Unterdrückungsmunition eingesetzt werden, bis hin zum Anheizen von Pogromstimmungen. Das geschieht aber i.d.R. dort, wo Religions- und Meinungsfreiheit durch Obrigkeit oder aggressive Mehrheiten unterdrückt werden.
Pussy Riot sind aber nicht Teil einer solchen Unterdrückungskampagne oder Pressure-Group.