Ein Moskauer Gericht hat die Berufungsverhandlung im Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot vertagt. Das Verfahren soll nun am 10. Oktober stattfinden. Die Künstlerinnen hatten gegen ihre Verurteilung zu je zwei Jahren Lagerhaft Protest eingelegt .

Auslöser für die Verschiebung ist der Wunsch einer der inhaftierten Musikerinnen nach neuen Verteidigern. Die Richterin gab ihrem Antrag statt, die Anwälte auszutauschen. Ihre Position stimme nicht mit der ihrer drei Verteidiger überein, sagte Jekaterina Samuzewitsch im Gerichtssaal.

Sowohl ihre beiden Bandkolleginnen als auch Nikolaj Polosow, einer der Anwälte der Musikerinnen, zeigten sich überrascht von Samuzewitschs Entscheidung. Es habe im Laufe des Prozesses "niemals eine Meinungsverschiedenheit" gegeben, sagte er nach der Anhörung.

Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich bereits am Morgen mehr als 100 Menschen in Erwartung einer Entscheidung versammelt. Anhänger der Band und Vertreter verschiedener politischer Gruppen hatten Plakate mitgebracht. Mehrere Menschen forderten mit aufblasbaren Puppen eine schärfere Verurteilung der drei Frauen. Eine Gruppe gläubiger orthodoxer Christen sprach Gebete, während im Gerichtssaal die Anhörung lief. Polizisten sicherten das Gebäude ab, zu Unruhen kam es nicht.

Ursprünglich hatte die Verteidigung noch an diesem Montag mit einer Entscheidung über die Anträge gerechnet. Von einem Erfolg allerdings gingen die Anwälte nicht aus. Sie erwarten lediglich, dass das Gericht das Strafmaß maximal um sechs Monate reduzieren wird . "Wir haben niemals Hoffnung in den russischen Staat gelegt", sagte Pjotr Wersilow, der Ehemann einer der verurteilten Aktivistinnen, im Vorfeld der Verhandlung im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP .

Die Band-Mitglieder hatten im Februar mit den für ihre Auftritte charakteristischen bunten Sturmmasken den Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale gestürmt. In einem "Punk-Gebet" brachten sie lautstark ihre Wut über den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Wladimir Putin sowie dessen enge Verbindung zur russisch-orthodoxen Kirche zum Ausdruck . Am 17. August wurden sie deshalb wegen "Rowdytums aus religiös motiviertem Hass" verurteilt .

Der Prozess brachte Putin weltweit in die Kritik , der Urteilsspruch nährte die Zweifel an der Unabhängigkeit der russischen Justiz und war für viele Symbol für die harte Hand der Regierung gegenüber Dissidenten . Schließlich setzten sich auch internationale Stars wie Paul McCartney und Madonna für die Musikerinnen ein.

Inzwischen haben aber offenbar sowohl Politik als auch die Kirche ein großes Interesse daran, den Fall hinter sich zu bringen, um im In- und Ausland weitere Proteste und Kritik zu vermeiden. So forderte Ministerpräsident Dmitri Medwedew bereits vor einigen Wochen Milde für Nadeschda Tolokonnikowa , Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina . Sie weiter in Gefangenschaft zu halten sei "unproduktiv".

Und einen Tag vor der Anhörung in dem Berufungsverfahren setzt sich nun auch die russisch-orthodoxe Kirche für eine Begnadigung von Pussy Riot ein. Zwar müssten die Musikerinnen auf jeden Fall bestraft werden, sagte ein Kirchensprecher am Sonntag. "Wenn sie aber Reue in irgendeiner Form zum Ausdruck bringen, muss dies berücksichtigt werden." Die Kirche hoffe aufrichtig auf die Buße derer, die die heilige Stätte entweiht hätten. "Das würde ihren Seelen auf jeden Fall guttun", sagte der Kirchensprecher weiter.

Dies lehnt die Punkband ihren Anwälten zufolge aber weiter kategorisch ab: Wenn die Kirche Reue im strafrechtlichen Sinne gemeint habe, werde es dazu mit Sicherheit nicht kommen, sagte einer der Verteidiger am Sonntag einem russischen Fernsehsender. "Unsere Klientinnen werden keine Schuld zugeben , eine solche Forderung ist sinnlos."