Nach der Trauerfeier für den bei einem Anschlag ermordeten libanesischen Geheimdienstchef hat es in der vergangenen Nacht im Libanon Feuergefechte gegeben. In der Hauptstadt Beirut standen sich regionalen Fernsehberichten zufolge Anhänger des sunnitischen Oppositionschefs Saad Hariri und "rivalisierende Gruppen" gegenüber. Wie ein AFP-Reporter berichtete, waren unter anderem in einem sunnitischen Viertel im Westen der Metropole Schüsse aus Schnellfeuerwaffen zu hören.

In der nördlichen Hafenstadt Tripoli schossen zudem Unterstützer und Gegner des syrischen Assad-Regimes aufeinander. Die Kontrahenten setzten Artillerie und schwere Waffen ein. Eine Frau starb durch Schüsse eines Heckenschützen, berichtete Al Jazeera. Die offizielle libanesische Nachrichtenagentur ANI meldete, ein Mädchen sei ums Leben gekommen.

Vorausgegangen waren Unruhen in Beirut . Deren Auslöser war der gewaltsame Tod des mächtigen libanesischen Geheimdienstchefs Wissam al-Hassan, der als Sympathisant der anti-syrischen Zukunftsbewegung gilt. Er und weitere sieben Menschen waren ums Leben gekommen, als im christlichen Viertel Aschrafijeh nur wenige Meter entfernt von einem Büro der oppositionellen Bewegung 14. März eine Autobombe explodierte . Mehr als 80 Menschen erlitten Verletzungen.

Al Hassan, ein scharfer Gegner Syriens , hatte Ermittlungen gegen den früheren Informationsminister Michel Samaha geleitet, einen der engsten Verbündeten Syriens im Libanon. Samaha war am 9. August verhaftet worden und wurde wegen der Planung von Terroranschlägen angeklagt.

Echte Belastungsprobe

Hunderte Oppositionsanhänger versuchten nach Bekanntwerden von Hassans Tod, den Sitz der pro-syrischen Regierung zu stürmen. Die Polizei fuhr Panzer auf, setzte Tränengas ein und feuerte in die Luft, um die Angreifer zu stoppen. Die Armee rückte an, um das Regierungsgebäude abzusichern. Mehrere Menschen erlitten Verletzungen.

Regierungstreue trugen die mit den Flaggen Libanons umhüllten Särge mit den Leichen von Geheimdienstchef Al-Hassan und seinem bei dem Anschlag ebenfalls umgekommenen Leibwächter durch die Straßen von Beirut. An der Trauerfeier nahmen auch der libanesische Präsident Michel Suleiman und Regierungschef Nadschib Mikati teil. Die Frau und die Kinder Al-Hassans waren aus Frankreich angereist.

Der Konflikt in Syrien wird damit auch für das Nachbarland zu einer echten Belastungsprobe. Das Attentat gefährdet den brüchigen Frieden im Libanon, da das Land – was die Haltung zum Regime in Syrien angeht – zutiefst gespalten ist. Die Anhänger der anti-syrischen Zukunftsbewegung wollen die Regierung zum Rückzug zwingen. Derzeit ist im Libanon ein pro-syrisches Bündnis an der Macht – dominiert von der schiitischen Hisbollah . Beobachter vermuten die Verantwortlichen für das Attentat auf al-Hassan im Regierungslager in Damaskus .

Neben Hariri beerdigt

Al-Hassans Grab wird neben dem von Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri sein, der 2005 ebenfalls bei einem Anschlag getötet worden war. Al-Hassan hatte Rafik Hariri als Sicherheitschef gedient. Wie bei Al-Hassan wurde auch bei Hariri Syrien hinter dem Attentat vermutet. Beweise dafür gibt es jedoch nicht.

Premier Mikati hatte Suleiman vor der Trauerfeier seinen Rücktritt angeboten. Der Präsident bat ihn allerdings, vorerst im Amt zu bleiben. Der Ministerpräsident argumentierte: "Wir wollen kein Machtvakuum im Libanon." Die Opposition besteht auf einem Rückzug der Regierung.