Militärkonflikt Türkei feuert weiter auf Syrien

Das türkische Militär hat erneut eine Stellung der syrischen Armee beschossen. Wegen des Militärkonflikts an der Grenze berät das Parlament über eine Intervention.

Polizeibeamte im türkischen Dorf Akçakale, an der Grenze zu Syrien, helfen am Mittwoch ihren verwundeten Kollegen.

Polizeibeamte im türkischen Dorf Akçakale, an der Grenze zu Syrien, helfen am Mittwoch ihren verwundeten Kollegen.

Das türkische Militär hat seinen Angriff auf einen syrischen Militärstützpunkt fortgesetzt. Ziel der Artillerie sei die Region um die Stadt Tel Abjad gewesen, die etwa zehn Kilometer von der gemeinsamen Grenze entfernt liegt, hieß es in türkischen Sicherheitskreisen. Mehrere Angehörige der syrischen Bodentruppe seien getötet worden.

Die Luftwaffe hatte die Militärbasis bereits in der Nacht angegriffen – als Vergeltung für einen Angriff aus Syrien. In dem türkischen Dorf Akçakale waren am Mittwoch drei Granaten aus dem Nachbarland eingeschlagen, eine Frau und ihre vier Kinder starben. 13 weitere Menschen wurden verletzt, darunter mehrere Polizisten. Akçakale liegt unmittelbar an der Grenze und nahe des lange umkämpften Grenzübergangs, den syrische Rebellen nach zweitägigen Gefechten eingenommen hatten.

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Der Schusswechsel zog politische Aktivitäten nach sich. Das türkische Parlament will in einer außerordentlichen Sitzung über einen Gesetzentwurf beraten, der eine Intervention in Syrien möglich machen soll. Nach türkischen Medienangaben soll der Text in ein bereits bestehendes Gesetz aufgenommen werden, das "Operationen außerhalb der türkischen Grenzen" möglich macht.

Gleichzeitig sagte Ibrahim Kalin, ein ranghoher Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, sein Land wolle keinen Krieg mit Syrien beginnen.

Die Nato unterstützte in einer Dringlichkeitssitzung den Bündnispartner Türkei. Das Bündnis stufte den syrischen Angriff nach einer eilig einberufenen Sondersitzung der ständigen Nato-Botschafter als einen Bruch internationalen Rechts und Sicherheitsbedrohung ein. "Wie schon am 26. Juni festgestellt, beobachtet die Allianz die Situation in Syrien sehr genau", teilte die Nato-Führung mit. Damals hatte es bereits nach dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs Beratungen nach Artikel vier des Nato-Vertrags gegeben. Diese Konsultationen kann ein Verbündeter beantragen, wenn er seine Sicherheit als bedroht ansieht.

Die USA sagten der Türkei ihre Unterstützung zu. "Wir stehen zu unserem türkischen Verbündeten", sagte der nationale Sicherheitsberater Tommy Vietor. "Alle verantwortungsvollen Nationen" müssten jetzt deutlich machen, dass ein Rücktritt des syrischen Machthabers Baschar al-Assad überfällig sei. Die Regierung in Damaskus müsse einen Waffenstillstand im Bürgerkrieg erklären und den politischen Übergang beginnen.

Die Türkei schaltete auch den UN-Sicherheitsrat ein. Das höchste UN-Gremium müsse die Aggression stoppen, forderte die Regierung. Die Attacke sei ein Verstoß gegen internationales Recht und ein Angriff auf den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit.

Noch vor Bekanntwerden des türkischen Gegenangriffs hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sich zutiefst besorgt über die Lage geäußert. Die Türkei müsse alle Kommunikationskanäle zu syrischen Behörden offenhalten, um einen weiteren Aufbau von Spannungen zu vermeiden, sagte Ban bei einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoğlu.

Entschuldigung von Syrien gefordert

Der syrische Informationsminister Omran al-Subi kündigte eine Untersuchung des Angriffs an. Zudem drückte er im Namen der Regierung den Angehörigen und dem türkischen Volk sein Beileid aus, wie die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete. Im Fall von Grenzzwischenfällen müssten die Länder und Regierungen vernünftig, rational und verantwortungsvoll handeln, sagte der Minister.

Russland forderte Syrien zu einer öffentlichen Entschuldigung auf. Die Regierung in Damaskus habe über diplomatische Kanäle ein "tragisches Missgeschick" eingeräumt, sagte Außenminister Sergej Lawrow. Syrien habe deutlich gemacht, dass solch ein Zwischenfall nie wieder vorkommen werde. "Wir finden es wichtig, dass Damaskus dies öffentlich bestätigt", sagte Lawrow. Er forderte Syrien und die Türkei auf, Grenzfragen wie auch das Problem syrischer Flüchtlinge direkt miteinander zu besprechen.

Westerwelle fordert Entschuldigung

Außenminister Guido Westerwelle sagte, die "erneute Verletzung der territorialen Integrität der Türkei aus Syrien" sei "ein schwerwiegender Vorgang". Westerwelle bat den türkischen Außenminister Davutoğlu, "bei aller verständlicher Empörung mit Besonnenheit und mit dem Blick für die außerordentlich gefährliche Lage in der ganzen Region zu handeln".

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland mehr als 93.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Forderung Ankaras, eine Schutzzone für Vertriebene auf der syrischen Seite der Grenze einzurichten, hat international keine ausreichende Unterstützung erhalten. Die türkische Regierung sympathisiert mit den Assad-Gegnern.

 
Leser-Kommentare
  1. Beim ersten Weltkrieg war es der Schuss auf einen Thronfolger, beim zweiten Weltkrieg waren es ein paar Schüsse in den Räumen des Senders Gleiwitz abgefeuert von einem SS-Kommando. Vielleicht wird eine verirrte syrische Granate auf ein bis dato unbekanntes türkisches Dorf als Auslöser für den dritten Weltkrieg angesehen werden. Die Zutaten hierfür sind jedenfalls bestens angerührt.

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    Weder war das Dorf "bis dato unbekannt", noch die 4 Menschen, deren Welt dort mit ihnen unwiderruflich zerstört wurde. Auch nicht drenen Angehörige und Freunde, deren Welt damit unheilbar beschädigt wurde.
    Da sie weder unbekannt waren oder sind, nützt oder hilft es ihnen leider überhaupt nicht mehr, wenn auch der auf seinen Echtzeit-Televisor beschränkte Nachrichtenkonsument irgendwo in einer der milliarden Welten zufällig irgendwann von ihnen erfährt.

    Weder war das Dorf "bis dato unbekannt", noch die 4 Menschen, deren Welt dort mit ihnen unwiderruflich zerstört wurde. Auch nicht drenen Angehörige und Freunde, deren Welt damit unheilbar beschädigt wurde.
    Da sie weder unbekannt waren oder sind, nützt oder hilft es ihnen leider überhaupt nicht mehr, wenn auch der auf seinen Echtzeit-Televisor beschränkte Nachrichtenkonsument irgendwo in einer der milliarden Welten zufällig irgendwann von ihnen erfährt.

  2. Was die ISAF in Afghanistan nicht geschafft hat, will Erdogan in Syrien ganz alleine nicht schaffen. Und dass nur wegen einer Pipeline von Iran durch Syrien nach Europa. Das dürfen Katar und Türkei nicht zulassen - Gründe für militärisches Vorgehen lassen sich finden. Nur, die Weichen sind gestellt: Jede nicht friedliche Anstrengung, die Ankara unternimmt wird sich, wie die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, punktum gegen die Türkei selbst wenden. erdogan sollte sein Volk fragen, was es von diesen kriesspielereine hält.

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    • DgW
    • 04.10.2012 um 11:04 Uhr

    Erdofl und die NATO suchen schon länger nach einer Möglichkeit für einen Krieg. Da es mit der UNO nicht geht, hat man die alt bewährte Methode gewählt.

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  3. Man kann seine Abscheu gegen das heuchlerische Verhalten der türkischen Regierung, kaum in Worte fassen. Wahrscheinlich sterben jeden Tag dutzende syr. Soldaten und Zivilisten durch Terroranschläge und bewaffnete Rebellen, die aus der Türkei kommen:

    "Offiziell stellen die Türkei das Haupttraining, Waffen und Unterstützung für die FSA. Inoffiziell tun die USA und die Türkei das gemeinsam, durch Entsendung von SOF(Special Operation Forces) für diese Mission... Er sagte auch, dass sie selbstverständlich daran arbeiten, damit das [die Enstehung eines Bürgerkrieges] auch passieren wird. ..Der türk. Plan ist, die Instabilität als Folge eines Bürgerkrieges auszunutzen, um eine 5-40km Pufferzone mit Flüchtlingslagern auf syr. Territorium einzurichten...“ “
    http://wl.wikileaks-press...

    "..Über den Libanon und die Türkei werden unter anderem Munition, Minen, Granaten, Anti-Panzerwaffen, Luftabwehrgeschütze und Handfeuerwaffen nach Syrien geschmuggelt. Ankara selbst soll ebenfalls Waffen liefern, bestreitet dies aber offiziell. Im türk. Adana, rund 100km von der syr. Grenze entfernt, ist ...sogar ein Kommandozentrum entstanden. Hier sollen türk. Regierungsvertreter mit Offizieren der FSA, Gesandten aus Katar, Saudi-Arabien - und auch Mittelsmännern des amerik. Geheimdienstes CIA zusammenarbeiten...“
    http://www.spiegel.de/pol...

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  4. Auch die Jet-Provokation, die sich durch die zahlreichen Widersprüche in der Berichterstattung, zu einer PR-Ente entwickelte, ist ein deutliches Beispiel, für die Hinterlist der türk. Verantwortlichen und wie mit weiteren Eskalationen, der Konflikt angeheizt werden soll. Es gibt mehr als einen Hinweis dafür, dass der Jet eine und unbemannte Drohne vom Typ QF4 gewesen ist, der zum Zwecke der Provokation, entgegegn der türk. Darstellung, in den syr. Luftraum geschickt und dann gesprengt wurde:
    Syria downed an unmanned Turkish jet
    http://www.khaleejtimes.c...
    http://www.af.mil/informa...
    Körper der Piloten gefunden – Widersprüche
    http://www.hurriyetdailyn...
    Angehörige des Piloten bei Trauerfeier:"Wir glauben nicht, dass es sein Körper ist,"
    http://www.hurriyetdailyn...
    Es wachsen Zweifel an der türkischen Darstellung
    http://www.handelsblatt.c...

    Die Türkei versucht offensichtlich mit allen Mitteln und als westl. Vasall mit Standortvorteil, die gemachten Versprechungen zu erfüllen und die Bedingungen für einen Regimechange und die dff. neokoloniale Übernahme Syriens zu schaffen.

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    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare und verzichten auf Polemik. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare und verzichten auf Polemik. Die Redaktion/ls

  5. Die Türkei führt seit über einem Jahr faktisch Krieg gegen Syrien.
    Wenn jetzt "zurückgeschossen" wird ist das nur die logische Fortsetzung der bisherigen Feindlichkeiten. Es wurden ja schon mehrfach syrische Grenzposten von der Türkei aus erobert - das ist nichts anderes als ein Überfall. Kriegserklärungen werden heute ja ohnehin nicht mehr ausgesprochen.

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  6. wie man es aller realistischen Voraussicht nach erwarten muß. Die Eskalation der Weltkrise schreitet voran. Und die wird so lange voranschreiten, wie diese gesamte Weltordung so bestehen bleibt und zuviele Menschen noch an einen Erfolg von Machtmissbrauch durch Gewalt glauben. Es muß endlich eingesehen werden, daß diese patriarchale Weltsicht uns in die falsche Richtung katapultiert hat!

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    • Kobuk
    • 04.10.2012 um 11:12 Uhr

    Die Attacke sei ein Verstoß gegen internationales Recht...

    Anscheinend hat Erdogan noch keine Kopie der UN-Statuten oder der Genfer Konvention bekommen. Er ist in diesem Fall der Aggressor, nicht Syrien.

    Die Intervention eines fremden Staates zugunsten der Regierung eines Bürgerkriegsstaates ist legitim, wenn die Regierung um Hilfe gebeten oder ihr zugestimmt hat. Dieser völkerrechtliche Grundsatz basiert darauf, dass eine Regierung als alleinige Repräsentantin eines Staates berechtigt ist, ausländische Hilfe bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu erbitten. Die Legitimität gilt für den eingreifenden Staat aber nicht grenzenlos:

    Erkennt er Aufständische als Kriegführende an, muss er sich neutral verhalten und darf die Regierung nicht mehr unterstützen.

    Die Aufständischen können vor Beilegung des Konfliktes nicht völkerrechtswidrig als Regierung anerkannt werden.

    Auch die neu gebildete Regierung in einem Sezessionskrieg wird wie Aufständische behandelt und kann kein Ersuchen auf ausländische Unterstützung stellen.

    Die militärische Intervention zugunsten der Aufständischen verletzt das Gewaltverbot der UN-Charta und ist deshalb immer völkerrechtswidrig. Auch sonstige Unterstützung der Aufständischen stellt einen unzulässigen Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates dar.

    http://de.wikipedia.org/w...

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    Seit Sep 01 wurde das Völkerrecht von gewissen Staaten einseitig ausser Kraft Gesetz. Schon die Klassifikation der WTC-Terrorshow als 'militärischer Angriff' und die folgende Bombardierung und Besetzung Afghanistans haben dem Völkerecht, dem Frieden und den Menschenrechten in der Welt schweren Schaden zugefügt. Bisher kam keine Reue und keine Entschuldigung. Dem Völkerrecht verpflichtete Staaten versuchen nun im Falle Syrien das Recht wiederherzustellen - die deutsche Regierung ist leider nicht dabei.

    • fse69
    • 04.10.2012 um 12:01 Uhr

    Nix. Die Türkei mag zwar mit der syrischen Opposition sympathisieren, dass sie aktiv in den Konflikt involviert wäre, ist bis auf weiteres nichts weiter als eine Propagandalüge des syrischen Regimes. Dass sich Oppositionelle vom türkischen Boden aus organisieren, lässt sich angesichts einer schwer zu kontrollierenden, fast 900 km langen gemeinsamen Grenze nicht verhindern. Die Verantwortung hierfür trägt das Assad-Regime selber, da es Flüchtlinge in bald 6-stelliger Zahl über diese Grenze getrieben hat. So weit kommts noch, dass nun Ankara auch noch dafür Sorge tragen soll, dass sich unter der vom Assad-Regime vertriebenen Zivilbevölkerung nicht auch Kämpfer der Opposition befinden. Soll er halt aufhören, seine eigene Zivilbevölkerung zu misshandeln und zu vertreiben. So einfach ist das.

    Seit Sep 01 wurde das Völkerrecht von gewissen Staaten einseitig ausser Kraft Gesetz. Schon die Klassifikation der WTC-Terrorshow als 'militärischer Angriff' und die folgende Bombardierung und Besetzung Afghanistans haben dem Völkerecht, dem Frieden und den Menschenrechten in der Welt schweren Schaden zugefügt. Bisher kam keine Reue und keine Entschuldigung. Dem Völkerrecht verpflichtete Staaten versuchen nun im Falle Syrien das Recht wiederherzustellen - die deutsche Regierung ist leider nicht dabei.

    • fse69
    • 04.10.2012 um 12:01 Uhr

    Nix. Die Türkei mag zwar mit der syrischen Opposition sympathisieren, dass sie aktiv in den Konflikt involviert wäre, ist bis auf weiteres nichts weiter als eine Propagandalüge des syrischen Regimes. Dass sich Oppositionelle vom türkischen Boden aus organisieren, lässt sich angesichts einer schwer zu kontrollierenden, fast 900 km langen gemeinsamen Grenze nicht verhindern. Die Verantwortung hierfür trägt das Assad-Regime selber, da es Flüchtlinge in bald 6-stelliger Zahl über diese Grenze getrieben hat. So weit kommts noch, dass nun Ankara auch noch dafür Sorge tragen soll, dass sich unter der vom Assad-Regime vertriebenen Zivilbevölkerung nicht auch Kämpfer der Opposition befinden. Soll er halt aufhören, seine eigene Zivilbevölkerung zu misshandeln und zu vertreiben. So einfach ist das.

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