In meiner Nachbarschaft in Berlin gibt es einen ganz besonderen Ort.

Immer, wenn ich daran vorbeigehe, werde ich von dem Gefühl überwältigt, plötzlich in das Berlin der 1920er Jahre geraten zu sein. Jeden Moment könnte Rosa Luxemburg und hinter ihr tausend aufgebrachte Arbeiter um die Ecke biegen, und kurz bin ich voll wohliger Bewunderung.

Dabei ist dieser Ort alles andere als alt.

Es handelt sich um ein renoviertes Erdgeschoss, modern und schick mit viel Glas und Stahl und exotischen Pflanzen vor der Tür, ein Vorzeigegebäude des Kapitalismus und der Gentrifizierung. Es ist kein Web-2.0-Start-Up, sondern das Wahlkampfbüro der Linken, und im Fenster hängen Wahlkampfposter mit Parolen wie: "Wir kämpfen für Sie!" und "Der Kampf geht weiter!"

Nun gut, mit "Kampf" meint man natürlich so etwas wie: "Wir führen Sondierungsgespräche für Sie", und Frau Luxemburgs tausend aufgebrachte Arbeiter sitzen alle zu Hause vor den Flachbildfernsehern und verfolgen den Kampf fieberhaft, denn es ist schon fünf Uhr Nachmittags und damit Feierabend.

Gegenüber gibt es auch ein Büro der SPD . Auch die Sozialdemokraten reden gern vom Kampf für die soziale Gerechtigkeit, aber nicht so zackig. Man sieht es schon an der Immobilie: Ein einsames, dunkles Fenster, die Farbe abgebröckelt, die Poster vergilbt und traurig, die Tür immer zu.

Trotzdem bin ich froh, dass in Deutschland Parteien wie die Linke, die SPD und die Grünen ihre Parteiprogramme ganz auf linke Nostalgie aufbauen können.

Kultur, Espresso und linke Politik

In Amerika gab es zwar in den 1940ern eine starke linke Bewegung, und manchmal denken auch wir mit nostalgischen Gefühlen daran zurück, aber heute erwartet niemand mehr, dass ein "linker" Politiker sich "links" verhält. Bei uns sind die "linken" Demokraten längst nicht mehr die Partei der Armen, und die "rechten" Republikaner sind nicht mehr die der Reichen. Im Gegenteil: Die Demokraten werden von den gebildeten Reichen und den Minderheiten gewählt; die Republikaner vom White Trash und dem unteren Mittelstand.

In Amerika ist Wohlstand eng mit Bildung verknüpft: Wer besser als der Durchschnitt verdienen will, muss statistisch gesehen mehr als sechs Jahre studieren. Dazu kommt, dass die Unis zumeist humanistisch geprägt sind: Wer dort studiert, genießt gehobene Kultur, Europareisen, Espresso und natürlich linke Politik.

Man wählt links, ist aber auch reich. Demokraten sind vor allem gehobener Mittelstand – Ärzte und Anwälte, Google-Genies und Hollywoodstars, Leute, die sich Gedanken über die Umwelt und über Minderheiten machen und sich bemühen, politisch korrekt zu sein. Und daneben aber auch ihr ganzes Geld irgendwo gewinnbringend investieren müssen, zum Beispiel in eine Cafékette, in der man anständigen Espresso bekommt.

Wer die Uni abbricht, oder gar die High School, arbeitet dagegen für Peanuts. Seine Welt dreht sich um Familie, Kirche und Militär (die drei Säulen des heimlichen amerikanischen Sozialstaats). Die Farmer auf dem platten Land und die Familien des gefährdeten unteren Mittelstandes haben kein Geld zum Investieren übrig, sie wollen, dass der Staat in sie investiert, durch Subventionen und Steuererleichterungen zum Beispiel. Für sie sind die Republikaner da.