Das Beobachten der Deutschen ist nicht nur ein lustiger Sport, es kann auch manchmal ganz schön spannend sein. Zum Beispiel als verkündet wurde, dass der diesjährige Friedensnobelpreis an die Europäische Union geht. Das war eine Überraschung, meine deutsche Lebensgefährtin Astrid und ich schauten uns verdutzt an. "Drei Stunden," sagte ich. "Zwei", hielt sie dagegen.

"So schnell schaffen es die Deutschen nicht", meinte ich. "Sie müssen sich erst mal etwas einfallen lassen. Und die Worte dafür finden. Außerdem ist gleich Mittagspause. Sie brauchen mindestens drei Stunden."

"Ich glaube an die Deutschen", sagte sie. "Sie sind fleißiger und fantasievoller, als du denkst. Ärgern tun sie sich eigentlich immer, und aufschreiben können sie das auch. Ich sage: unter drei Stunden."

Natürlich hat Astrid die Wette gewonnen. Es ging am Ende doch wieder verdammt schnell, bis sie online zu lesen war: die Kritik am Friedensnobelpreis .

Rhetorisch war sie zwar eher enttäuschend, ein viel zu einfaches "Ja, aber"-Argument: Europa hätte den Preis zwar verdient , das ja, aber der hätte nicht an die Institution gehen sollen, sondern an irgendeinen Typen, der in der Europapolitik mal was zu sagen hatte. Keine Glanzleistung, dafür flott.

Die meisten Zeitungen in Amerika und in England begrüßten zwar die Entscheidung , gingen aber auch auf die hohe Arbeitslosigkeit in Europa sowie auf den steigenden Nationalismus ein. Sie äußerten Zweifel, ob Europa überhaupt in der Lage sei, die europäische Idee zu vollenden. (Eine tragische Ironie: Niemand glaubt wirklich, Europäer könnten eine europäische Idee umsetzen.)

Was ist das überhaupt, die europäische Idee? Zu Ende gedacht, ist damit gemeint: aus einer Ansammlung zahnloser Kleinstaaten, die sich gegenseitig die Schuld(en) zuschieben, den größten Superstaat der Welt zu machen – die "Vereinigten Staaten von Europa".

Immer nur über die Nachbarn meckern

Die Skepsis der Amis ist angebracht. Haben die Europäer es jemals in ihrer Geschichte geschafft, aus eigenem Antrieb einen so historisch bedeutenden Schritt zu machen? Sie konnten sich nicht ohne fremde Hilfe aus den zwei größten und blutigsten Kriegen ihrer Geschichte retten. Und erst seit 1989 gibt es in ganz Europa Demokratie. Die Deutschen haben 100 Jahre lang verzweifelt versucht, demokratisch zu werden, und kriegten erst die Kurve, als die Amis ihnen 1949 noch mal zeigten, wie das geht. Selbst in Frankreich , Heimat der Aufklärung, herrschte erst 80 Jahre nach der gescheiterten Revolution Demokratie.

Bei uns dauerte die Verwirklichung der Demokratie von der Idee bis zur Verfassung etwa 12 Jahre. Dasselbe gilt für eine vereinigte Föderation. Wo liegt das Problem? Sind die Europäer überhaupt zu irgendwas selbst in der Lage? Vielleicht tun sich die Europäer mit der Idee eines politisch vereinigten, föderalen europäischen Staates so schwer, weil die Idee nicht aus der eigenen Geschichte stammt. Europa, das sind lauter konkurrierende Kleinreiche, die sich am liebsten nur mit ihrem eigenem Bauchnabel beschäftigen und ab und zu über ihre Nachbarn meckern wollen. Das ist einfach liebgewordene Tradition. Ach was, das ist Folklore.

Zusammen müssen wir uns nichts bieten lassen

Die föderale Vereinigung Amerikas war anfangs auch eine verstörende Idee. Nach der Revolution 1776 ging es nicht bloß um die Einführung der Demokratie, sondern ganz praktisch um die Vereinigung der 13 Kolonien mit jeweils eigener Regierung. Keiner der Territorialfürsten – Verzeihung, Gouverneure – wollte Macht abgeben, aber alle hatten Angst, dass England wiederkommt. Sie wussten aber: Zusammen müssen wir uns nichts bieten lassen.

Der Zusammenschluss bedeutete vor allem, lauter faule Kompromisse in Kauf zu nehmen. Die 13 Kolonien existierten bereits seit eineinhalb Jahrhunderten und pflegten längst eigene Kulturen. Manche Kolonien wurden von Puritanern, Quäkern, Katholiken oder Anglikanern gegründet; New York gehörte Anfangs Holland ; manche pflegten fanatische religiöse Identitäten, andere waren reine Wirtschaftsverbände.

Heute noch sind die USA ein Sammelsurium von Religionen und Kulturen, in dem 337 Sprachen gesprochen werden (zum Vergleich: In der EU schätzt man rund 230 gesprochene Sprachen). Auch heute kämpfen die einzelnen Bundesstaaten für ihre relative Unabhängigkeit gegenüber der föderalen Regierung: Erst im vergangenen Jahr hat der Gouverneur von Texas mit dem Austritt aus der Union gedroht.

Nur vereint zur Weltmacht

Der faulste Kompromiss war die Sklaverei. Im Norden war sie schon fast überall verboten, in den südlichen Kolonien aber noch die Wirtschaftsgrundlage. Die Gründerväter wussten, die Sklaverei würde wie ein Krebs wuchern, wenn man sie nicht verböte. Aber ohne den Süden wäre kein Staat zustande gekommen, also klammerten sie die Sklaverei aus der Verfassung aus. Siebzig Jahre später bekamen wir die Rechnung: den verheerendsten Krieg unserer Geschichte, in dem mehr Amerikaner gestorben sind als in beiden Weltkriegen zusammen.

Dennoch sehen wir den blutigen Bürgerkrieg als Erfolg an, denn Amerika ist nun das reichste und mächtigste Land der Welt. Das wäre mit einem Staat im Norden und einem im Süden nicht möglich gewesen. Nur vereint haben die USA in der Welt etwas zu sagen.

Europa steht heute vor derselben Entscheidung: Entweder gespalten, klein und unbedeutend weiterwursteln oder sich zusammentun und die Geschichte verändern. Und das sogar komplett ohne Waffen.

Die Zukunft gehört den Großen

Stimmt schon, ein föderales Europa bedeutet einiges an Opfern. Jedes Euro-Fürstentum muss ein Stück Souveränität abgeben. Amerika hat gezeigt, dass es möglich ist, aber auch, dass es schmerzhaft sein kann. Und gegen Schmerz, Opfer und harte Arbeit sind die Deutschen bekanntlich allergisch (oder waren das die Franzosen? Egal).

Die Zukunft gehört den großen Mächten – Amerika, China , vielleicht auch Indien . Alle anderen werden nach deren Spielregeln spielen müssen. Es sei denn, es gelingt den Deutschen, die mächtigste Wirtschaftsregion der Welt zu einer politischen Einheit zu vereinen. Das würde alles ändern.

Die Frage, die wir uns in Amerika stellen, ist: Sind die Deutschen in der Lage, über ihren eigenen Schatten zu springen und ein so ehrgeiziges Werk zu vollenden? Oder bleiben sie lieber klein und unbedeutend und kompensieren ihre Feigheit, indem sie ständig über Europa meckern?