Die föderale Vereinigung Amerikas war anfangs auch eine verstörende Idee. Nach der Revolution 1776 ging es nicht bloß um die Einführung der Demokratie, sondern ganz praktisch um die Vereinigung der 13 Kolonien mit jeweils eigener Regierung. Keiner der Territorialfürsten – Verzeihung, Gouverneure – wollte Macht abgeben, aber alle hatten Angst, dass England wiederkommt. Sie wussten aber: Zusammen müssen wir uns nichts bieten lassen.

Der Zusammenschluss bedeutete vor allem, lauter faule Kompromisse in Kauf zu nehmen. Die 13 Kolonien existierten bereits seit eineinhalb Jahrhunderten und pflegten längst eigene Kulturen. Manche Kolonien wurden von Puritanern, Quäkern, Katholiken oder Anglikanern gegründet; New York gehörte Anfangs Holland ; manche pflegten fanatische religiöse Identitäten, andere waren reine Wirtschaftsverbände.

Heute noch sind die USA ein Sammelsurium von Religionen und Kulturen, in dem 337 Sprachen gesprochen werden (zum Vergleich: In der EU schätzt man rund 230 gesprochene Sprachen). Auch heute kämpfen die einzelnen Bundesstaaten für ihre relative Unabhängigkeit gegenüber der föderalen Regierung: Erst im vergangenen Jahr hat der Gouverneur von Texas mit dem Austritt aus der Union gedroht.

Nur vereint zur Weltmacht

Der faulste Kompromiss war die Sklaverei. Im Norden war sie schon fast überall verboten, in den südlichen Kolonien aber noch die Wirtschaftsgrundlage. Die Gründerväter wussten, die Sklaverei würde wie ein Krebs wuchern, wenn man sie nicht verböte. Aber ohne den Süden wäre kein Staat zustande gekommen, also klammerten sie die Sklaverei aus der Verfassung aus. Siebzig Jahre später bekamen wir die Rechnung: den verheerendsten Krieg unserer Geschichte, in dem mehr Amerikaner gestorben sind als in beiden Weltkriegen zusammen.

Dennoch sehen wir den blutigen Bürgerkrieg als Erfolg an, denn Amerika ist nun das reichste und mächtigste Land der Welt. Das wäre mit einem Staat im Norden und einem im Süden nicht möglich gewesen. Nur vereint haben die USA in der Welt etwas zu sagen.

Europa steht heute vor derselben Entscheidung: Entweder gespalten, klein und unbedeutend weiterwursteln oder sich zusammentun und die Geschichte verändern. Und das sogar komplett ohne Waffen.

Die Zukunft gehört den Großen

Stimmt schon, ein föderales Europa bedeutet einiges an Opfern. Jedes Euro-Fürstentum muss ein Stück Souveränität abgeben. Amerika hat gezeigt, dass es möglich ist, aber auch, dass es schmerzhaft sein kann. Und gegen Schmerz, Opfer und harte Arbeit sind die Deutschen bekanntlich allergisch (oder waren das die Franzosen? Egal).

Die Zukunft gehört den großen Mächten – Amerika, China , vielleicht auch Indien . Alle anderen werden nach deren Spielregeln spielen müssen. Es sei denn, es gelingt den Deutschen, die mächtigste Wirtschaftsregion der Welt zu einer politischen Einheit zu vereinen. Das würde alles ändern.

Die Frage, die wir uns in Amerika stellen, ist: Sind die Deutschen in der Lage, über ihren eigenen Schatten zu springen und ein so ehrgeiziges Werk zu vollenden? Oder bleiben sie lieber klein und unbedeutend und kompensieren ihre Feigheit, indem sie ständig über Europa meckern?