FriedensnobelpreisEuropa kann von Amerika lernen

Friedensnobelpreis für die EU – schön und gut, doch den Europäern fällt die Vereinigung schwer. Das muss sich ändern. von 

Das Beobachten der Deutschen ist nicht nur ein lustiger Sport, es kann auch manchmal ganz schön spannend sein. Zum Beispiel als verkündet wurde, dass der diesjährige Friedensnobelpreis an die Europäische Union geht. Das war eine Überraschung, meine deutsche Lebensgefährtin Astrid und ich schauten uns verdutzt an. "Drei Stunden," sagte ich. "Zwei", hielt sie dagegen.

"So schnell schaffen es die Deutschen nicht", meinte ich. "Sie müssen sich erst mal etwas einfallen lassen. Und die Worte dafür finden. Außerdem ist gleich Mittagspause. Sie brauchen mindestens drei Stunden."

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"Ich glaube an die Deutschen", sagte sie. "Sie sind fleißiger und fantasievoller, als du denkst. Ärgern tun sie sich eigentlich immer, und aufschreiben können sie das auch. Ich sage: unter drei Stunden."

Natürlich hat Astrid die Wette gewonnen. Es ging am Ende doch wieder verdammt schnell, bis sie online zu lesen war: die Kritik am Friedensnobelpreis .

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Rhetorisch war sie zwar eher enttäuschend, ein viel zu einfaches "Ja, aber"-Argument: Europa hätte den Preis zwar verdient , das ja, aber der hätte nicht an die Institution gehen sollen, sondern an irgendeinen Typen, der in der Europapolitik mal was zu sagen hatte. Keine Glanzleistung, dafür flott.

Die meisten Zeitungen in Amerika und in England begrüßten zwar die Entscheidung , gingen aber auch auf die hohe Arbeitslosigkeit in Europa sowie auf den steigenden Nationalismus ein. Sie äußerten Zweifel, ob Europa überhaupt in der Lage sei, die europäische Idee zu vollenden. (Eine tragische Ironie: Niemand glaubt wirklich, Europäer könnten eine europäische Idee umsetzen.)

Was ist das überhaupt, die europäische Idee? Zu Ende gedacht, ist damit gemeint: aus einer Ansammlung zahnloser Kleinstaaten, die sich gegenseitig die Schuld(en) zuschieben, den größten Superstaat der Welt zu machen – die "Vereinigten Staaten von Europa".

Immer nur über die Nachbarn meckern

Die Skepsis der Amis ist angebracht. Haben die Europäer es jemals in ihrer Geschichte geschafft, aus eigenem Antrieb einen so historisch bedeutenden Schritt zu machen? Sie konnten sich nicht ohne fremde Hilfe aus den zwei größten und blutigsten Kriegen ihrer Geschichte retten. Und erst seit 1989 gibt es in ganz Europa Demokratie. Die Deutschen haben 100 Jahre lang verzweifelt versucht, demokratisch zu werden, und kriegten erst die Kurve, als die Amis ihnen 1949 noch mal zeigten, wie das geht. Selbst in Frankreich , Heimat der Aufklärung, herrschte erst 80 Jahre nach der gescheiterten Revolution Demokratie.

Bei uns dauerte die Verwirklichung der Demokratie von der Idee bis zur Verfassung etwa 12 Jahre. Dasselbe gilt für eine vereinigte Föderation. Wo liegt das Problem? Sind die Europäer überhaupt zu irgendwas selbst in der Lage? Vielleicht tun sich die Europäer mit der Idee eines politisch vereinigten, föderalen europäischen Staates so schwer, weil die Idee nicht aus der eigenen Geschichte stammt. Europa, das sind lauter konkurrierende Kleinreiche, die sich am liebsten nur mit ihrem eigenem Bauchnabel beschäftigen und ab und zu über ihre Nachbarn meckern wollen. Das ist einfach liebgewordene Tradition. Ach was, das ist Folklore.

Leserkommentare
  1. 2. Oha...

    ...da will jemand vom anonymen deutschen Online-Mob in die Mangel genommen werden...

    Merke: Wenn, dann dürfen wir die Amerikaner belehren, nicht andersrum ;-)

    12 Leserempfehlungen
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    Nee, das ist eine Notwehr-Community. Sozusagen das letzte Dampfablassventil vor revolutionären Zuständen.

    Schöner Artikel übrigens. Und den kleinen Europäerlein, die gerne den amerikanischen Sozialstaat kritisieren, deren eigene Solidarität aber an der eigenen "Blutsgemeinschaft" endet, den kann man ihre Irrelevanz nicht oft genug aufs Brot schmieren.

    Seit wann sind denn US-Amerikaner gegenueber anderen weniger belehrend, als es die Deutschen sind? Nur haben eben die USA die Macht, das mit Gewalt durchzusetzen, daher spricht hier niemand von "Belehrung"; es ist die schlichte Waffengewalt, die dahintersteckt und dann automatisch zu einem Kurswechsel der anderen Partei fuehrt - und wenn nicht... Nun, das wissen Sie selbst.
    Aber das nur am Rande.

    Worum es mir hauptsaechlich geht, ist Ihre Haltung gegenueber dem "Online-Mob". Nun, das ist natuerlich offensichtlich despektierlich und umso daemlicher angesichts der Tatsache, dass Herr Hansen, ob seiner falschen Darstellung der Sachverhalte, in der Tat in die Mangel genommen werden sollte. Siehe hierzu Kommentar 55 (von mir) sowie - sehr gut! - Nr. 52.
    http://www.zeit.de/politi...

    • Shlumpf
    • 16. Oktober 2012 16:21 Uhr

    ...will der Autor genau diesen europäischen Beißreflex bezwecken und das wär mal eine gute Sache.
    Er legt m.M. nach den Finger in die Wunde indem er das ausspricht, was viele hier einfach nicht wahrhaben wollen: woanders in der Welt sind wir schon längst "die Europäer" und nicht "die Deutschen", "die Franzosen," ..., genau so wie es für uns auch oft nur "die Amerikaner" gibt, obwohl der Unterschied zwischen Texas und Kalifornien wohl mindestens genau so groß ist wie der Unterschied zwischen Schweden und Griechenland. In dieser Hinsicht können wir wirklich von "den Amerikanern" lernen.

    Wir haben in Europa durchaus einige Werte, die uns von andern Kulturen unterscheiden. Wenn wir diese Werte verteidigen wollen, müssen wir nach außen hin als ein vereinigter "Big Player" auftreten, ansonsten werden wir, wie der Autor zurecht sagt, irgenwann nur noch nach den Regeln der anderen "Big Player" spielen.

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    Antwort auf "Welch eine Aussage:"
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    1. Wir sind nicht "die Europaeer". Das mag oft ökonomisch so betrachtet werden, indem man die EU als Block zaehlt. Und nur weil man haeufiger mal "die Europaeer" sagt, heisst das noch lange nicht, dass hieraus ein Superstaat entstehen soll bzw. dass ein solcher die logische Folgerung waere. Oder argumentieren Sie genauso, nur weil man bspw. "die Afrikaner" sagt?

    2. Dass der Unterschied zwischen Texanern und Kaliforniern u.U. groesser sein sein soll als der zwischen Schweden und Griechen, wuerde ich doch arg bezweifeln.

    3. Dass wir "europaeische Werte" haben, ist natuerlich kompletter Unsinn. Die ganze Idee "Europa" ist ein kuenstliches, von Eliten geschaffenes Projekt, kulminierend in der angeblich existierenden "europaeischen Identitaet", die lediglich eine Machtkonzentration auf hoher Ebene, weit entfernt von jeglicher Demokratie, rechtfertigen soll. Gleiches gilt natuerlich fuer die Argumentation, dass man nur dann noch zurechtkommt, wenn man einen Superstaat bildet.
    Was nuetzt den Menschen in Europa die aussenpolitische Repraesentation als "Europa"? Ich will es Ihnen sagen: rein gar nichts. Hierbei geht es nur um Machtphantasien weniger.

  2. Wir reden von 13 Kolonien, die nie Chance hatten, eigene Nationen zu werden oder komplett eigene kulturelle Identität zu entwickeln, die sich dann über einen gesamten Kontinent ausbreiteten, während wir hier schon teilweise tausend Jahre alte Strukturen haben, die einfach auch in Fleisch und Blut übergegangen sind und einem an jeder Ecke begegnen. Nicht, dass ich den Aufruf nicht gut heiße - unter entsprechend föderalem System - aber die Ausgangslage ist ein vollkommen andere gewesen zwischen Amerika damals (das sich auch wegen einer Bedrohung vereinte) und Europa, dessen einzige Bedrohung wohl die Marginalität ist, und das ist ein eher abstraker Feind, nicht wahr?

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  3. Schöner Artikel übrigens. Und den kleinen Europäerlein, die gerne den amerikanischen Sozialstaat kritisieren, deren eigene Solidarität aber an der eigenen "Blutsgemeinschaft" endet, den kann man ihre Irrelevanz nicht oft genug aufs Brot schmieren.

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    Antwort auf "Oha..."
    • th
    • 16. Oktober 2012 17:20 Uhr

    dass die USA eine Föderation gleichberechtigter Nationen sind. Viele Jahrzehnte lang herrschte die Ideologie des "melting pot", in welchem die Einwanderer ihre hergebrachten Sitten aufgeben sollten und den "american way of life" annehmen sollten.

    Wo sind denn all die Sprachen der Einwanderer geblieben?

    Man vergleiche mit Kanada, wo Quebec wirklich frankophon geblieben ist - und man sieht auch, dass genau an diser Nahtstelle zwischen zwei national-Kulturen (englisch - französisch) sich immer wieder Separationsbestrebungen festmachen.

    Ob so etwas im Zuge der Einwanderung von "hispanics" in die USA dort auch geschehen wird, bleibt abzuwarten.

    Die Sprachen der alten Einwanderernationen - niederländisch, deutsch, norwegisch, schwedisch, polnisch, italienisch usw. fristen bestenfalls ein Nischendasein. Obwohl bis vor ein paar Jahren die beim Zensus die "deutsche Abstammung" von der zweitgrößten Gruppe (nach "amerikanisch" und vor "englisch") angegeben wurde.

    Das war mehr als ein Jahrhundert "melting pot", und das geht in Europa nicht.

    Ob das heute propagierte "multikulti" funktionieren wird, stellt sich erst nach frühestens ein zwei Generationen heraus ...

    Die USA können _kein_ Vorbild für die europäische Einigung sein - der amerikanische Einigungskrieg erst recht nicht!

    Ob die Viel-Völker-Reiche Indien und China in 100 Jahren immer noch in derselben Form bestehen werden?
    Das russische Reich hat sich ja bereits zerlegt.

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  4. ich sollte aufhoeren, Ihre Artikel zu lesen, weil mir jedes Mal die Galle hochkommt ob Ihrer Ignoranz, ganz zu schweigen davon, dass Sie sich nicht nur die Fakten so zurechtbiegen, wie Sie es brauchen, nein, Sie erfinden sich noch einige hinzu.
    Dass Sie als Amerikaner nicht wissen (oder nicht wahrhaben wollen), dass die Gruendervaeter selbst Grossgrundbesitzer und groesstenteils Sklavenhalter waren, die zudem, eben weil Sie reich waren, gerade KEINE Demokratie wollten, ist doch erschreckend.

    Nicht nur das: Sie NANNTEN es nicht einmal Demokratie - nicht ein einziges Mal kommt dieses Wort in der Verfassung vor. Der einzige, der hier ein wenig anders dachte, war Jefferson - alle anderen haben sich recht wenig zweideutig GEGEN eine Demokratie und stattdessen fuer eine Herrschaft der Reichen ausgesprochen.

    Herr Hansen, Ihre Argumentationsweise soll bewusst provozierend sein, das ist mir klar. Dabei bleibt sie jedoch auf einem derart niedrigen Niveau, voll von Fehlern, Verdrehungen, ja Luegen, die jeden halbwegs mit Verstand ausgestatteten Menschen verzweifeln lassen.

    Andere haben es bereits genannt: Dass die europaeische Idee ein Superstaat sein soll, ist schlicht erstunken und erlogen.

    Wenn ich mich mal wieder aufregen will, so kaempfe ich mich einfach durch Ihren naechsten Artikel. Ich bin ueberzeugt, dass Sie mich nicht mit etwas Intelligentem ueberraschen werden.

    6 Leserempfehlungen
  5. JA, wir koennen von Amerika lernen...
    dass ein Vereintes Europa gemeinsam staeker ist und mehr Zukunftschancen hat...wir brauchen dazu mehr Mut, Vertrauen und Solidarität (auch hier sind die Amerikaner weiter!)

    ...und vielleicht koennen auch die Amerikaner von den Europaern lernen
    ...dass man die Weltvorherrschaft aufgeben muss um Konflikte zu entschaerfen (zw den verschiedenen Religionen, Kulturen und (Wirtschafts-)Ideologien)... Jedes Land (jeder Weltbürger) hat gleichberechtigtes Anrecht auf Wohlstand, Wissen und Resourcen
    ... dass immer nur Schulden machen irgendwann in die Sackgasse führt ("nachhaltiges Wachstum")

    wenn beide (Europaer und Amerikaner) ihre Hausaufgaben lernen, haben sie eine Zukunft...ansonsten werden sie weltpolitisch in 50 Jahren unbedeutend sein.

    5 Leserempfehlungen
  6. Ersteinmal: Danke für diesen Artikel. Ich hab ihn gelesen und muss sagen, dass ich ihn einerseits recht provokant finde(Ob Amerika das bessere Modell ist wage ich unter den heutigen Umständen stark anzuzweifeln) auf der anderen Seite sind solche Stimmen in der Presse genau richtig. Und das sage ich auch, weil abzusehen ist, wie die Kommentar hier wieder ausfallen werden. ^^

    Wenn Europa in der zukünftigen Welt noch eine tragende Rolle spielen möchte, führt kein Weg an einem politisch und wirtschaftlich vereinigten Staat aller Länder der EU vorbei.(Die von ihnen angesprochen zukunftsstarken Länder würde ich dabei ganz klar noch um Russland erweitern!)
    Die Macht dies zu bewirken liegt in den Händen unserer Politiker(*seufz*)und ich hoffe, dass das Bewusstsein der Menschen in Deutschland und generell Europa sich irgendwann mal von diesem Kleinstaatendenken entfernen und eine gemeinsame und gute Zukunft aufbauen kann!

    In diesem Sinne

    grüße Arturio

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