Religion : Amerika verliert den Glauben

Immer weniger US-Bürger fühlen sich einer Religion zugehörig. Das ist bezeichnend für ein Land, dessen Politiker sich auch über den Glauben definieren.
Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

In  Amerika spielt der Protestantismus eine immer kleinere Rolle: Erstmals in der Geschichte des Landes gehören weniger als die Hälfte der Amerikaner der evangelischen Kirche an, nämlich nur noch 48 Prozent. Hinzu kommt: Fast jeder fünfte Amerikaner fühlt sich gar keiner Religion mehr zugehörig, wie das Pew Forum on Religion and Public Life (PEW) in einer gerade erschienenen Studie feststellte.

Jung, liberal, gebildet, weiß

Bei den 18 bis 22-Jährigen sind es sogar mehr als ein Drittel. Vor fünf Jahren lag die Zahl der Nicht-Religiösen noch bei 15 Prozent, vor 40 Jahren waren es nur sieben Prozent.

Viele dieser "Nones", wie sie in der PEW-Studie genannt werden (von "no religion") sind als Protestanten groß geworden. Sie wurden in den traditionellen, vergleichsweise liberalen Kirchen der Lutheraner, Episkopaler oder Methodisten sozialisiert, aber auch bei den eher konservativen Evangelikalen, ihrem Südstaaten-Ableger Southern Baptists und den Born-Agains, den wiedergeborenen Christen. Die neuen Ungläubigen sind nicht nur jung, sondern auch meist liberal, gebildet und weiß. Hingegen blieb die Zahl der schwarzen Protestanten stabil, wie auch die der Katholiken. Die Angehörigen der "sonstigen" Religionen — Juden, Moslems, Hindus, Sikhs, Buddhisten und andere (ausgenommen Mormonen ) — machen nun sechs Prozent aller Amerikaner aus. Das ist ein Zuwachs um 50 Prozent in fünf Jahren.

Politiker beten für Regen

Der abnehmende Protestantismus, die abnehmende Religiosität sind bemerkenswert. Amerika nennt sich "Gods own Country", Gottes eigenes Land. Zu seinen frühen Einwanderern zählten die Pilgerväter und andere protestantische Sekten. Das reflektiert sich bis heute in der Religiösität der Amerikaner. Die große Mehrzahl gehört einer zumeist christlichen Kirche an, und für einen christlichen Politiker wäre es das Ende seiner Karriere, sich als Atheist zu outen. Bei einer Dürre öffentlich um Regen zu beten, wie es Rick Perry, der Gouverneur von Texas getan hat, ist zumindest im Süden nicht unüblich. Besonders populär ist es unter Politikern — George W. Bush ist dafür ein schönes Beispiel — ein "Born-Again" zu sein, ein Sünder, der wieder zum Christentum zurückgefunden hat. Damit kann ein Politiker das beliebte amerikanische Narrativ "from rags to riches" in seiner religiösen Variante inszenieren, wonach sich ein Sünder am eigenen Schopf gen Himmel zieht.

Eine eigene Kirche zu gründen ist in den USA einfach, und es gibt allerlei Sekten, die vom Finanzamt anerkannt sind. Die Verfassung sieht die Trennung von Staat und Kirche vor. Im gesellschaftlichen Leben sind Kirchen aber fest verankert, vor allem auf dem Land. Dort kümmern sie sich um Kinderbetreuung, Eheberatung, Suppenküchen, Kleidervergabe, und selbst um die Freizeitgestaltung.

Von der Kanzel gegen Obama predigen

Die Kirchen, vor allen die Evangelikalen mischen auch in der Politik mit. Der Evangelikalenführer Jerry Falwell etwa beriet Richard Nixon . Und der inzwischen 93-jährige Pat Robertson, Führer der erzkonservativen Christian Coalition hat das Ohr aller Präsidenten. Robertsons rechte Hand in Washington war lange Ralph Reed , ein "wiedergeborener Christ", der die Karriere von Ronald Reagan und Newt Gingrich unterstützt und Bill Clinton bekämpft hat. Heute unterstützt Reed Mitt Romney, einen Mormonen . Man sieht, der Mann hat zwar feste politische, aber keine unverhandelbaren religiösen Grundsätze.

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Kommentare

114 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Leider verschärft sich der Glaube aber auch bei Einigen

Paul Broun vertritt das amerikanische Volk als Abgeordneter im Repräsentantenhaus.In einem Vortrag bezeichnete Broun die Evolutions- und Urknalltheorie sowie die Embryologie als "Lügen direkt aus der Hölle"."Gottes Wort ist wahr", sagte er laut einer Videoaufzeichnung auf der Webseite der Liberty Baptist Church in Hartwell. "Ich habe gelernt, das zu verstehen. All das Zeug, das ich über Evolution und Embryologie und den Urknall beigebracht bekommen habe, sind Lügen direkt aus der Hölle", sagte der Arzt demnach bereits am 27. September."Und diese Lügen versuchen, mich und alle anderen, denen sie gelehrt wurden, von der Erkenntnis abzuhalten, dass sie einen Erlöser brauchen." Er glaube, dass die Erde 9.000 Jahre alt ist und von Gott in sechs Tagen erschaffen wurde.

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