Wir Amis / US-Wahl : In Amerika ist man entweder Präsident oder Loser

Das Wahlsystem in den USA kennt nur einen Sieger, Koalitionen gibt es nicht. Die Amerikaner wollen echte Kerle an der Spitze, schreibt Eric T. Hansen in seiner Kolumne.
Gary Johnson kämpft mit der Libertarian Party um Wählerstimmen. © Scott Olson/Getty Images

Als ich vor ein paar Wochen zufällig meinen Wahlzettel als PDF-Datei im Spam-Ordner meines E-Mail-Programms fand und öffnete, stutzte ich. Wer zum Teufel sind Gary Johnson und Jill Stein. Und was haben sie auf meinem Stimmzettel zur Präsidentenwahl zu suchen?

Ich wollte ihn gerade wieder in den Spam-Ordner schieben, als ich bemerkte, dass auch die Namen Barack Obama und Mitt Romney darauf standen. Das machte die Sache etwas komplizierter. Ich hatte damit gerechnet, nur zwei Optionen zu haben, nun hatte ich vier.

Insgesamt wollen etwas mehr als 20 Kandidaten ins Weiße Haus. Die meisten Deutschen haben nie etwas von diesen sogenannten "dritten Parteien" gehört – und die meisten Amerikaner auch nicht. Trotzdem tun diese Leute ihr Bestes.

Sie haben sogar ihre eigenen TV-Duelle: Dieses Jahr wurden sie von Larry King moderiert, und die kleinen Kandidaten kritisierten die beiden großen Kandidaten für den Krieg gegen Drogen, Homeland Security, den Drohnenkrieg und die (fehlende) Finanzreform. Die Gewinnerin der Debatten war meines Erachtens Jill Stein, Kandidatin der Greens – der amerikanischen Grünen. Weil sie das fertigbrachte, was Romney sich nicht traute: Obamas Terrorismuspolitik als "die eines Diktators" zu bezeichnen.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Ihr wichtigster Gegner ist Gary Johnson, Ex-Republikaner und Ex-Gouverneur von New Mexico und Kandidat der Libertarian Party. Er will den Militärhaushalt kürzen, die USA aus Kriegen im Ausland raushalten, Homeland Security zurückschrauben und die Homo-Ehe einführen. Man sieht, die Liberalen in den USA haben andere Prioritäten als die Liberalen in Deutschland.

Auch die anderen Parteien haben wichtige Botschaften: Die Constitution Party verlangt striktere Einwanderungsgesetze, die Party for Socialism and Liberation hat etwas entdeckt, was sie "Marxismus" nennen. Und die American Third Position Party fordert endlich mehr Rechte für Weiße.

Ich persönlich neige zu der Peace and Freedom Party. Deren diesjährige Präsidentschaftskandidatin ist die von mir sehr verehrte Komikerin Roseanne Barr aus der populären Achtziger-Sitcom Roseanne. Frau Barr verspricht, Frieden und Freiheit nach Amerika zu bringen, und das traue ich ihr zu.

Allerdings sagt mir auch die Politik der Grassroots Party zu, die als erstes Marihuana legalisieren will, und als zweites … naja, will sie erstmal diesen großen politischen Sieg ausgiebig feiern, dann sehen wir weiter.

Mickey Mouse schafft es jedes Mal auf den Wahlzettel

Wir wollen auch den uralten und verehrungswürdigen Grundsatz der write-ins nicht vergessen: Amerikaner dürfen nämlich auf den Wahlzettel, falls ihnen die Namen darauf nicht zusagen, irgendeinen x-beliebigen anderen Namen schreiben. So kommt es, dass Mickey Mouse an mehr Wahlen teilgenommen hat als jeder lebende Kandidat. Bislang leider erfolglos. Trotzdem bleibt er mein Kandidat.

Man spricht gern von Amerikas "Zweiparteiensystem", aber offiziell dürfen so viele Parteien um das Weiße Haus kämpfen, wie es in Amerika Verrückte gibt, die dazu bereit sind. Von Zeit zu Zeit ist eine "dritte Partei" tatsächlich erfolgreich: Im 19. Jahrhundert gewann die nagelneue Partei der "Republikaner" mit ihrem Anti-Sklaverei-Programm auf Anhieb die Präsidentschaft. Die bis dahin populäre Whig Party verschwand sang- und klanglos.

Dass Amerikaner nur die eine oder andere Partei wählen, hat etwas mit dem Winner-takes-all-System zu tun. Dem System, das dem Gewinner alle Macht gibt (na ja, "alle Macht" ist übertrieben, denn jeder Präsident muss auch am Kongress vorbei, und dort hat vielleicht die andere Partei etwas zu sagen).

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Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Manichaeismus

Die Vorliebe von Europaeern fuer Konsens und von Amerikanern fuer starke Maenner ist sicher ein Grund. Fuer wichtiger halte ich aber das von den radikal religoesen Gruendern der USA uebernommene manichaeische Weltbild: Es gibt nur gut oder boese, nichts dazwischen. Wir oder die. Pepsi oder Coke. Freiheit oder Tod/Sozialismus. Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schaedel ein. Either you're with us, or you're with the terrorists.

Savvy?

Schon lange vor der Staatsgruendung!

Die gesellschaftliche Praegung der USA begann nicht mit der Staatsgruendung, sondern mit den ersten Siedlern, den Pilgrim Fathers. Wie diese kamen alle moeglichen, mehr oder weniger radikalen, mehr oder weniger in Europa unterdrueckten, religioesen Minderheiten nach Amerika, in der Hoffnung, dort eine ihren Vorstellungen entsprechende Gesellschaft aufbauen zu koennen.

Darum gibt es dort ja auch grosse Gemeinschaften von Methodisten, Baptisten, Mormonen usw., von denen man in Europa nicht einmal genau weiss, was sie eigentlich glauben. Darum steht auf jeder Banknote "In God We Trust" und endet (fast) jede Ansprache eines Praesidenten mit "god bless you all and god bless America".

der letzte Absatz sagt ja bereits alles

"Der wahre Unterschied liegt im Gemüt: Die Deutschen, so scheint mir, haben einfach einen Hang zur Konsenskultur, in der möglichst viele Meinungen zusammengemengt werden zu einem allgemein akzeptierten, flauschigen Kompromiss. Wir Amis dagegen pflegen seit jeher eine Streitkultur, in der so lange gekämpft wird, bis eine Meinung alle anderen plattmacht. Erst dann gibt es einen Gewinner, und nur so einen echten Kerl können wir auch als Obermacker akzeptieren."

na dann....

Redaktions-Empfehlung

die Redaktion empfiehlt einen Kommentar, der zu 90% Zitat aus dem Artikel ist und sonst nur Beiwerk-Wörter?
na dann... ;)

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man kann nur froh sein, dass in Deutschland das Wahlsystem anders ist, kleine Parteien würden komplett weggefegt werden, die aktuelle Überhang-Mandat-Diskussion geht auch in die Richtung

zum Glück gibt es in den USA überhaupt zwei große Parteien,
wie sich das über die Jahrhunderte gehalten hat ist schon bemerkenswert,

irgendwie spüren die Leute dass es Gegengewicht braucht,
eine durchgesetze Partei, selbst die Demokraten statt der Republikaner, wäre ein GAU,
wahrscheinlich würde sich dann diese Partei spalten in linke und rechte Demokraten..

aber der Aufstieg neuer Parteien, Grüne, Piraten usw. ist dort ganz unmöglich,
ich kenne jetzt nicht die Details dort, erzähle bestimmt falsches,
aber 2.8 Mio. Stimmen für Green Party im Jahr 2000, in einer Art Gründungshype, gegenüber 160.000 2008 kann man wohl als Scheitern betrachten

das ist keine Demokratie

Anmerkung: Fehler passieren – die von Ihnen bemerkte Empfehlung haben wir soeben zurückgenommen. Vielen Dank für den Hinweis, die Redaktion/ds

Parteien- vs. Personendemokratie

In Europa sind Parteien DIE zentralen Akteure der Politik. In Deutschland dominieren sie den politischen Prozess geradezu. Kann man z.B. daran sehen, das Parteivorsitzende im (übrigens streng genommen total inoffiziellen) Koalitionsausschuss alle wichtigen Fragen "klären", während Bundeskabinett und Bundestag diese Beschlüsse nur noch exekutieren.

In den USA wählt man eigentlich gar keine Parteien, sondern...Personen! Die Verfassungsväter haben den Gedanken an Parteien gehasst. Deswegen waren sie nicht vorgesehen. Im Gegensatz zum GG werden Parteien in der US-Verfassung daher auch an keiner Stelle erwähnt und das Wahlrecht kennt sie eigentlich auch nicht. Es stehen Personen zur Wahl - egal ob für das Präsidentenamt, einen Sitz im Senat, dem Repräsentantenhaus oder einen kleinen lokalen Statdrat.

Im Endeffekt haben sich Parteien trotzdem gebildet, weil das so übersichtlicher war und sich die ideologischen Strömungen besser bündeln ließen.

Trotzdem sind sie mehr grobe Sammlungsbecken als Machtapparate im europäischen Sinn und die einzelnen gewählten Amts- und Mandatsträger sind in den USA i.d.R. viel stärker als in Deutschland. Sie haben sich schließlich zumeist in einem Vorwahlprozess durchgesetzt, auf den die normalen Bürger ungleich stärker Einfluss nehmen konnten als sie es in Deutschland auf die Aufstellung der Parteilisten können, die die personelle Zusammensetzung der parlamente bestimmen.

Ist unser Parteienstaat also wirklich die so viel bessere Demokratie?

Personen

die Wahl der Personen ist begrenzt wie man es bei der Präsidentenwahl sieht, Obama oder nichts, sollte ein Demokrat gar Romney, die für ihn schlechtestmögliche Variante als Alternative wählen?
genauso könnte man in Deutschland zwischen SPD- und CDU-Spitzenkandiat hin und her springen, das tut sich nichts,

Vorwahlen innerhalb der Parteien usw. wären natürlich absolut zu begrüßen, das steht nicht im Widerspruch zum Verhältnis-Wahlrecht,

die Politik und aufgestellte Kandidaten werden auch in den USA von den Parteien bestimmt, da braucht man nicht viel träumen,

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die Frage ist ob man z.B. 2009 ein Drittel des Bundestags mit Kleinparteien befüllen will, oder allein zwischen CDU und SPD aufteilen + (noch) 3% sonstige Direktkandidaten,

das zieht sich durch alle Landesparlamente und sonstigen Regionalveranstaltungen, tausende Ämter und Gehälter und politische Präsenz, offizielle Redezeit,
die entweder allein an CDU + SPD gingen, oder an viele Parteien

DAS ist ein Unterschied, als wären FDP & Co. keine für Wahlen zugelassene Parteien sondern reine Privatclubs

US-Bürger haben mehr personelle Auswahl als Deutsche

"die Wahl der Personen ist begrenzt wie man es bei der Präsidentenwahl sieht, Obama oder nichts, sollte ein Demokrat gar Romney, die für ihn schlechtestmögliche Variante als Alternative wählen?"

Naja, Obama ist nun einmal der amtierende Präsident. Da ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass er von seiner Partei nicht nominiert wird (was aber durchaus auch schon in der US-Geschichte vorgekommen ist). Bei seiner ersten Wahl 2008 musste er sich dennoch gegen viele andere Demokraten unterschiedlichster Ausrichtung durchsetzen und in den meisten Bundesstaaten haben alle Bürger die Möglichkeit an den Vorwahlen teilzunehmen (und nicht nur die Parteimitglieder!). Das Gleiche gilt heute für die Auswahl von Romney als GOP-Kandidat.
Hinzu kommt, das es wie im Artikel beschrieben durchaus Kandidaten gibt, die nicht von den großen 2 Parteien kommen (nicht nur für das Präsidentenamt). Insofern gibt es "FDP & Co" in den USA schon als zugelassene Parteien. Nur will die kaum jemand wählen.

Dennoch: Ich will keine Werbung für das reine Mehrheitswahlrecht machen - das natürlich der wichtigste Faktor für das 2-Parteien-System ist. Mir wäre es am Liebsten, wenn wir das Verhätniswahrecht im Wesentlichen beibehielten aber dem Bürger am Wahltag die Möglichkeit gäben, seinen Wunschkandidaten auf der Parteiliste anzukreuzen, statt die Liste so hinnehmen zu müssen, wie es die Landesdeligierten der Parteien für gut befunden haben.

Präsident oder Looser

Selbst einem selbsternannten All-America-Versteher wie unserem Eric T Hansen sollte doch die Chance zur eigenen Reflektion eingeräumt werden. Die uramerikanischen, echten Kerls, die offensichtlich allgemein als konsensfähig eingeschätzt werden, können sich gegen ihren jeweiligen Wettbewerber lediglich unter Einsatz etlicher hundert Millionen selbstverständlich „beinflussungsfrei“ gespendete Dollars durchsetzen. In der Polarisierung ihrer oft genug vollkommen sinnfrei, irrsinnigen Polemik überschreiten sie nicht nur jede Realität, sondern selbstverständlich auch gerne mal jede Stil- oder Anstandsgrenze. Die Kontrahenten sind in der Regel reine Objekte ihrer Spendenklientel und somit ziemlich frei von intellektueller, objektiver oder gar demokratischer Sachlichkeit. Da Vernunft, Einsicht, oder Nachhaltigkeit leider keine, sich allzu oft wirtschaftlich durchsetzende Größen darstellen, fehlen diese Elemente bei der Spendengala der Einflußnehmer und lassen einen amerikanischen Wahlkampf zu armseligen „panem et circenses“-Darbietungen der skrupellosesten „beati possidentes“-Vertreter degenerieren. So etwas unreflektiert zu bejubeln ist nicht nur peinlich, sondern wird schon mittelfristig die Chancenlosigkeit dieses Mikey-Mouse-Systems zementieren !

Bitte mit Ketchup genießen

Zu Kommentar 4:

Mannomann:

Erstens ist Mr. Hansen kein "Amerika-Versteher", er ist US-Amerikaner. Der in Berlin lebt. Weil er dort eine Freundin hat oder umgekehrt.

Und zweitens hat er als US-Amerikaner die Fähigkeit mit der Muttermilch eingesogen, "tongue-in-cheek" zu schreiben, in diesem Fall mit Humor, der in der Überspitzung liegt. Ich lese seine Darstellungen also einerseits als eine Art Interpretation der USA für die unwissenden Deutschen, andererseits aber auch sehr häufig als eine verstecke (manchmal auch nicht so versteckte) Kritik sowohl an den USA als auch an Deutschland, eher gerichtet an die wissenden Deutschen.

Kurz und gut: Man sollte zwischen den Zeilen lesen, das Gesagte "mit einem Salzkorn" zu sich nehmen oder in diesem Fall villeicht noch besser mit Ketchup. Guten Appetit!