Gary Johnson kämpft mit der Libertarian Party um Wählerstimmen. © Scott Olson/Getty Images

Als ich vor ein paar Wochen zufällig meinen Wahlzettel als PDF-Datei im Spam-Ordner meines E-Mail-Programms fand und öffnete, stutzte ich. Wer zum Teufel sind Gary Johnson und Jill Stein. Und was haben sie auf meinem Stimmzettel zur Präsidentenwahl zu suchen?

Ich wollte ihn gerade wieder in den Spam-Ordner schieben, als ich bemerkte, dass auch die Namen Barack Obama und Mitt Romney darauf standen. Das machte die Sache etwas komplizierter. Ich hatte damit gerechnet, nur zwei Optionen zu haben, nun hatte ich vier.

Insgesamt wollen etwas mehr als 20 Kandidaten ins Weiße Haus. Die meisten Deutschen haben nie etwas von diesen sogenannten "dritten Parteien" gehört – und die meisten Amerikaner auch nicht. Trotzdem tun diese Leute ihr Bestes.

Sie haben sogar ihre eigenen TV-Duelle: Dieses Jahr wurden sie von Larry King moderiert, und die kleinen Kandidaten kritisierten die beiden großen Kandidaten für den Krieg gegen Drogen, Homeland Security, den Drohnenkrieg und die (fehlende) Finanzreform. Die Gewinnerin der Debatten war meines Erachtens Jill Stein, Kandidatin der Greens – der amerikanischen Grünen. Weil sie das fertigbrachte, was Romney sich nicht traute: Obamas Terrorismuspolitik als "die eines Diktators" zu bezeichnen.

Ihr wichtigster Gegner ist Gary Johnson, Ex-Republikaner und Ex-Gouverneur von New Mexico und Kandidat der Libertarian Party. Er will den Militärhaushalt kürzen, die USA aus Kriegen im Ausland raushalten, Homeland Security zurückschrauben und die Homo-Ehe einführen. Man sieht, die Liberalen in den USA haben andere Prioritäten als die Liberalen in Deutschland.

Auch die anderen Parteien haben wichtige Botschaften: Die Constitution Party verlangt striktere Einwanderungsgesetze, die Party for Socialism and Liberation hat etwas entdeckt, was sie "Marxismus" nennen. Und die American Third Position Party fordert endlich mehr Rechte für Weiße.

Ich persönlich neige zu der Peace and Freedom Party. Deren diesjährige Präsidentschaftskandidatin ist die von mir sehr verehrte Komikerin Roseanne Barr aus der populären Achtziger-Sitcom Roseanne. Frau Barr verspricht, Frieden und Freiheit nach Amerika zu bringen, und das traue ich ihr zu.

Allerdings sagt mir auch die Politik der Grassroots Party zu, die als erstes Marihuana legalisieren will, und als zweites … naja, will sie erstmal diesen großen politischen Sieg ausgiebig feiern, dann sehen wir weiter.

Mickey Mouse schafft es jedes Mal auf den Wahlzettel

Wir wollen auch den uralten und verehrungswürdigen Grundsatz der write-ins nicht vergessen: Amerikaner dürfen nämlich auf den Wahlzettel, falls ihnen die Namen darauf nicht zusagen, irgendeinen x-beliebigen anderen Namen schreiben. So kommt es, dass Mickey Mouse an mehr Wahlen teilgenommen hat als jeder lebende Kandidat. Bislang leider erfolglos. Trotzdem bleibt er mein Kandidat.

Man spricht gern von Amerikas "Zweiparteiensystem", aber offiziell dürfen so viele Parteien um das Weiße Haus kämpfen, wie es in Amerika Verrückte gibt, die dazu bereit sind. Von Zeit zu Zeit ist eine "dritte Partei" tatsächlich erfolgreich: Im 19. Jahrhundert gewann die nagelneue Partei der "Republikaner" mit ihrem Anti-Sklaverei-Programm auf Anhieb die Präsidentschaft. Die bis dahin populäre Whig Party verschwand sang- und klanglos.

Dass Amerikaner nur die eine oder andere Partei wählen, hat etwas mit dem Winner-takes-all-System zu tun. Dem System, das dem Gewinner alle Macht gibt (na ja, "alle Macht" ist übertrieben, denn jeder Präsident muss auch am Kongress vorbei, und dort hat vielleicht die andere Partei etwas zu sagen).