Presidential debates im amerikanischen Fernsehen gibt es regelmäßig seit 1976, als die League of Women Voters (Frauenwählervereinigung) die Tradition aus der Taufe hob. Später zog sich die League dann mit der bösen Bemerkung zurück, die beiden Parteien benutzten die Debatten nur dazu, die Wähler hinters Licht zu führen. Da könnte was dran sein – dennoch sind sie heute fester Bestandteil und Höhepunkt des Wahlkampfes. Diesen Mittwoch treffen Obama und Mitt Romney zum ersten Mal aufeinander.

Während die Deutschen oft nur eine Art Show sehen, haben die debates für uns Amis etwas Pubertäres an sich. Das kommt daher, dass wir das Debattieren mit der Schulzeit verbinden: Jede High School und jedes College in Amerika hat neben der Footballmannschaft, dem Science Club und dem Schachteam auch einen Debattierklub, wo lauter brave kleine Streber lernen, fix und eloquent vor einem Publikum eine Stegreif-Rede zu halten und eine ihnen in letzter Sekunde auferlegte Position auf Teufel komm raus gegen einen anderen Streber zu verteidigen.

Die Debattierklubs prägen unser Gefühl für Demokratie mehr, als wir ahnen; die Tradition geht auch viel weiter zurück, als wir glauben zu wissen. Die berühmtesten presidential debates fanden 1858 zwischen Abraham Lincoln und seinem Kontrahenten Stephen Douglas statt. Sie hatten, zumindest  indirekt, verheerende Folgen.

Lincoln wollte auf gar keinen Fall seine Wahlchancen gefährden, indem er sich für ein allgemeines Sklaverei-Verbot aussprach – das würden die Südstaaten nicht mitmachen. Genau das warf ihm aber sein Gegner Douglas immer wieder vor. Lincoln versicherte zwar hoch und heilig, er habe nicht vor, ein allgemeines Sklaverei-Verbot gegen den Willen der Südstaaten durchzusetzen, aber er musste auch immer wieder zugeben, dass er sich die Zukunft des Landes nur ohne Sklaverei vorstellen konnte.

Weil Douglas Lincoln direkt gegenüber stand, konnte er ihn zwingen, Farbe zu bekennen, und die Südstaaten wussten endgültig, woher der Wind wehte. Kaum hatte Lincoln die Wahl gewonnen, ergriffen sie die Flucht nach vorn und erklärten ihre Unabhängigkeit von den Nordstaaten. Es folgte der verheerendste Krieg unserer Geschichte. Und, fast als Nebeneffekt, die Befreiung der Sklaven.

Egal welches Thema

Wie so viele demokratischen Impulse Amerikas , geht auch die Tradition der Debatte auf das England der Aufklärung zurück. In den Londoner Debattiergesellschaften wurden Teams gebildet, wahllos Themen von Korruption in der Politik bis zu intime Beziehungen zwischen den Geschlechtern verteilt, und man musste sein Thema wortgewandt und unter Beachtung strenger Zeit- und Höflichkeitsregeln überzeugend öffentlich vertreten.

Das Wichtigste war damals wie heute: Man konnte sich das Thema nicht selbst aussuchen. Egal wie sehr man persönlich gegen Korruption in der Politik oder intime Beziehungen zwischen den Geschlechtern war, man musste schleunigst gute Argumente dafür finden.