Vitali KlitschkoDas Märchen vom Boxer, der Politik macht

Vitali Klitschko steht in der Ukraine vor einem Erfolg bei den Parlamentswahlen. Wie aus dem Schwergewichtler ein erfolgreicher Politiker wurde. Von Steffen Dobbert, Kiew von 

Ein Wahl-Plakat von Vitali Klitschkos Partei in Kiews Innenstadt

Ein Wahl-Plakat von Vitali Klitschkos Partei in Kiews Innenstadt  |  © Steffen Dobbert

Neben Vitali Klitschkos Schreibtisch steht ein einziges Buch im Regal: Die 100 schönsten Reiseziele der Ukraine . Es ist ein deutsches Buch. Vielleicht hat er mal reingeschaut, bevor vor Wochen seine Ochsentour in Kiew begann: Raus aus dem Arbeitszimmer, rein in die ruppigsten Ecken der Ukraine .

Sein Bus der UDAR-Partei ("SCHLAG") bretterte mit ihm und seinem Team fast durchs ganze Land. Hunderte Auftritte, Autogramme, Interviews, Fotos, Shakehands. Es ist Wahlkampf in der Ukraine. Und mit Kampf kennt sich Vitali Klitschko aus.

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Der als Boxer berühmt gewordene Mann versucht sich als ernsthafter Politiker. Klitschko hat fast mehr als vier Millionen Euro seines Geldes ausgegeben. Und kurz vor der Parlamentswahl am Sonntag scheint das Märchen wahr zu werden: Die Partei des Boxers könnte aus dem Nichts zur stärksten Oppositionspartei wachsen – wenn diese Wahl denn eine faire wird.

In den Umfragen liegt UDAR mit bis zu 20 Prozent der Stimmen gleichauf mit der "Vereinigten Opposition", dem Parteienverbund der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julija Timoschenko . Doch was nützen Hochrechnungen, wenn am Ende Stimmen gekauft, vertauscht, vergessen werden?

Für eine Wählerstimme bieten in der Ukraine Strohmänner mehrerer Parteien zwischen einen und fünf Euro. Wahlbeobachter der OSZE kritisieren , der Druck auf die wenigen noch übrigen unabhängigen Medien habe sich in den Wochen vor der Wahl erhöht. In den vergangenen drei Monaten wurden laut Reporter ohne Grenzen mindestens 25 Journalisten an ihrer Arbeit gehindert, einer von ihnen wurde getreten und durch simuliertes Ertränken gefoltert; ein anderer starb an seinen Verletzungen.

Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

"Diese Wahlen werden ein wichtiger Wegweiser für das Land", schreibt Hillary Clinton in einem Kommentar in der New York Times und verweist auf die Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren. Für viele Beobachter war es die fairste und freieste Abstimmung in der ukrainischen Geschichte.

Damals holte Viktor Janukowitsch 35 Prozent im ersten Wahlgang und siegte in der Stichwahl gegen Julija Timoschenko äußerst knapp. Seitdem hat der Präsident mit seiner "Partei der Regionen" die junge Demokratie des Landes in eine "gelenkte Demokratie" verwandelt, wie Kritiker es nennen. Janukowitsch und seine Familie lenken verdeckt Polizei, Justiz, Korruption und Vetternwirtschaft – zum eigenen finanziellen Vorteil und zum Machterhalt.

Laut Umfragen hat Janukowitschs Partei der Regionen aktuell zwar Zuspruch verloren, führt aber weiterhin in den Umfragen, besonders im östlichen Teil des Landes. Die politische Landkarte der Ukraine zeigt eine geteilte Nation. Seit sie vor 21 Jahren ihre Unabhängigkeit feierte, ist das Land zerrissen: Ost oder West, Richtung Europa oder doch wieder Russland ? Wohin die Reise geht, das kann sich bei dieser Parlamentswahl wieder einmal neu entscheiden.

Russland lockt die ukrainischen Machthaber mit einem gelenkten Gaspreis und bietet eine Zollunion mit Weißrussland und Kasachstan. Die Europäische Union hat ein seit Langem geplantes Assoziierungsabkommen in der Schublade. Wird es unterschrieben, wären die EU-Märkte für ukrainische Firmen offen – ein Segen für die schwächliche Wirtschaft des Landes. Bedingung ist jedoch europäische Rechtsstaatlichkeit und somit auch die Freilassung der politischen Gefangenen wie den ehemaligen Innenminister Jurij Luzenko und Julija Timoschenko.

Leserkommentare
    • mrto
    • 27. Oktober 2012 12:52 Uhr

    "Vielleicht braucht es jetzt einen, der noch kein politisches Versprechen einlösen musste."

    ... das dachten die Piraten in Deutschland auch.

    Bisher erfolglos.

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    • Otto2
    • 27. Oktober 2012 16:35 Uhr

    ob er wirklich eine große politische Rolle spielen wird. Käme ein hoch angesehener Fußballer in D. auf eine solche Idee, hätte das wohl auch eher geringere Auswirkungen auf das politische Kräfteverhältnis. Leider sind die Angaben über politische Ziele (auch bei Berücksichtigung der Info-Box) dürftig und sehr allgemein. Ich vermute, dass diese nicht wesentlich konkreter sein werden als dort angedeutet.
    Die Piraten in D. haben ein ähnlichen Ansatz. Ein exotischer Name, der ein bisschen wie Robin Hood und Klaus Störtebecker klingt, ein Programm, dass eher ein Nicht-Programm ist. Klitschko hat (so die Angabe im Artikel stimmt) 4 Mio. in seinen Wahlkampf investiert. Das ist beachtlich. Wer aber steht hinter ihm? Alle Unzufriedenen?
    Wenn das so ist, wird er viele Stimmen bekommen. Aber: Nach dem Sieg ist vor der Spaltung - jedenfalls dann, wenn nicht mehr eint als der gemeinsame Gegner.

  1. Und wofür steht Klitschko programmatisch? Das wäre auch interessant zu erfahren.

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    Redaktion

    Lieber Herr Ernst, haben Sie die Infobox im Text entdeckt, dort habe ich einen ganz kurzen Auszug aufgeführt. Wenn Sie alles wissen wollen, kann ich Ihnen auch das komplette Programm der UDAR-Partei zuschicken - per Mail?

    Gruß aus Kiew

  2. Redaktion

    Lieber Herr Ernst, haben Sie die Infobox im Text entdeckt, dort habe ich einen ganz kurzen Auszug aufgeführt. Wenn Sie alles wissen wollen, kann ich Ihnen auch das komplette Programm der UDAR-Partei zuschicken - per Mail?

    Gruß aus Kiew

    Antwort auf "Frage an Herrn Dobbert"
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    Es wäre schön, wenn Infoboxen grundsätzlich am Ende der Artikel stehen. Ich übergehe (oder übersehe) diese Boxen eigentlich fast immer, weil ich ja den Artikel weiterlesen möchte. Am Ende dann aber für interessierte noch so eine Box zu haben wäre durchaus gut.

    Warum denn sowas?
    Sie könnten es ja in dem Artikel über ihn auch gleich erläutern.

    Danke für den Hinweis auf die Info-Box. Das ist allerdings recht knapp; da 6 Leser offenbar mit der Empfehlung ausdrücken wollen, daß sie ebenfalls etwas mehr zum Programm wissen möchten, könnten Sie es hier in der Zeitung etwas vertiefen?

    Freundliche Grüße

    Ihre Leser wünschen mehr und detaillierte Informationen in der Zeitung zu lesen. Bitte nehmen Sie das ernst.

    Die Ukraine ist ein Land, von welchem auch gebildete, interessierte Menschen zu wenig wissen. Da interessieren doch Interviews, Berichte der Wahlbeobachter, Artikel, welche einen Überblick verschaffen. Man kann sich der Wirklichkeit nähern mittels Statistiken, regionaler Differenzierung etc.

    Also bitte keine Angebote von emails. Besser wären Links auf deutschsprachige Quellen. Viele Ihrer Leser sind bereit, sich ihre Meinung durch Lesen diverser Quellen selbst zu bilden. Ihre Aufgabe als Journalist dabei ist, die Quellen zu suchen und verlässliche Quellen auszuwählen. Sie müssen nicht stundenlang Artikel schreiben. Wenn Sie uns die aufwändige Recherche abnehmen, haben Sie uns schon sehr geholfen.

    Herzlichen Dank für Ihre Bemühungen.

    • Conte
    • 27. Oktober 2012 13:31 Uhr

    Falsch zu glauben, dass ein Mensch, der seine wichtigste Zeit im üppigen Schlaraffenland zubrachte nun wie ein Franziskaner sein Land von den Plagen befreien möchte, die nur die Zeit und die Menschen, die dort ihr Dasein fristen mit Tränen und Schmerzen in eine gerechtere Dimension hieven können. Besagter Sportler hat stets davon profitiert, dass Journalisten sehr gnädig mit ihm waren. Wie im übrigen in Ihrem Fall Herr Dobbert, auch wenn Sie sicher nicht beabsichtigen Herrn Klitschko zu durch Ihren Beitrag zu fördern.

    In Deutschland und in den USA hat man aus den Brüdern ein Mythos gemacht. Auch der Doktortitel, der stets benützt wurde, sollte vom schäbigen Bild des Schlägers für Geld ablenken und Boxen im Ersten und sonstwo salon- und verkaufsfähig machen. Daraus dachte, der nicht unkluge Herr Klitschko weiter Kapital zu schlagen. Das Ganze ist wie immer eine unschöne und für die Menschen, die vor Ort leiden und auf eine gerechtere Zeit hoffen, gewiss nicht vonnutzen.

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    ...dass Jemand, der es im Ausland zu Ruhm und Geld gebracht hat, aus Liebe zu seiner Heimat dort ernsthaft für Verbesserungen kämpfen will?

    • Panic
    • 27. Oktober 2012 14:38 Uhr

    Wiki:
    "Der Faustkampf wurde erstmals im Jahre 688 v. Chr. in Griechenland bei den 23. Olympischen Spielen der Antike ausgetragen."

    Auch wenn Boxen nicht gerade mein sportlicher Favorit ist, beinhaltet dieser Sport wohl doch ein bisschen mehr als ihr "bezahlte Schläger-These". Das sich Boxen im Laufe der Jahre zu einem Massenspektakel entwickelt hat, das liegt nun mal an unserer Zeit. Damit müssen Sie leben. Davon abgesehen war Boxen schon immer salonfähig. Englische Aristokraten liebten das "aufeinander-herum-schlagen". Ob Herr Klitschko jetzt Boxer ist oder filigraner Uhrenmechaniker tut erst ein mal nichts zur Sache. Erst einmal ist er Ukrainer, und war nie etwas anderes. Geld verdienen ist auch erst mal nichts Verwerfliches. Er ist ein toller Boxer und daraus Profit zu schlagen sollte erlaubt sein.

    Herr Klitschko ist für viele Ukrainer ein Idol, und das nicht zu Unrecht. Er ist ein hervorragender Sportler, gebildet und sehr sympathisch. Warum sollte so jemand nicht in der Lage sein politisch etwas zu verändern. Das Boxen spielt in diesem Zusammenhang auch überhaupt gar keine Rolle. Er ist glaubwürdig, weil er nie seine Herkunft in Frage gestellt hat. Sie reden in Ihrem Kommentar ausschließlich vom Boxen und das reduziert sich auf "das Ganze". Warum "das Ganze" Klitschko's für die Menschen in der Ukraine "unschön" sein soll, erschließt sich mir nicht. Ich denke, seine Fangemeinde ist besonders dort sehr groß. Ich sehe seinen Ambitionen sehr positiv entgegen.

    cheers

    • hairy
    • 27. Oktober 2012 14:59 Uhr

    aber ich wuerde dennoch abwarten, was er denn praktisch bewegen kann.

    ...vorstellen, dass Klitschko nicht primär auf Profit aus ist, sondern die Situation in seinem Land verbessern will. Warum sonst sollte ein finanziell unabhängiger Sportler, der sportlich alles erreicht hat, in die Politik gehen und mit der Gefahr dort zu scheitern, wenn er nicht Ideale besitzt, die er in die Tat umsetzen will.
    Nunja, abwarten, wie es sich entwickelt, wenn er an die Macht kommen sollte...

    • cb81
    • 27. Oktober 2012 17:18 Uhr

    Was für ein Motiv hat denn ein Boxer, der -wie sie es beschreiben - im Schlaraffenland lebt, sich den spiessrutenlauf des Wahlkampfes oder ruppigen Umgangs im Parlament anzutun? Oder die Korruption zu bekämpfen? Ich nehme den klitschkos ihre heimatverbundenheit und ihre Absichten ab. Man kann zu ihnen als Saubermänner im Boxsport sicher eine kritische Meinung haben, aber sie haben sich den Status, den sie heute genießen können, hart erarbeitet.
    Den Punkt mit der Betonung des Doktortitels finde ich allerdings auch sehr albern, das wird bei dr. Christine Theiss zudem wieder probiert. Aber Boxen ist auch Show!

    • A-RAP
    • 27. Oktober 2012 13:45 Uhr

    Der Promi-Bonus ist doch was feines ;-)

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  3. ...dass Jemand, der es im Ausland zu Ruhm und Geld gebracht hat, aus Liebe zu seiner Heimat dort ernsthaft für Verbesserungen kämpfen will?

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    sonst hätten beide Brüder anfangen können die Steuern in der Ukraine zu zahlen...wäre das nicht eine Hilfe genug für das Land?

    Doppelmoral bist zum geht nicht mehr...

  4. Da sind die Politiker so unter aller Sau, dass inzwischen nur noch ein Boxer eine annehmbare Alternative darstellt. Nur einem Boxer trauen die Leute da noch zu ordentliche Politik durchzusetzen.

    • Conte
    • 27. Oktober 2012 14:18 Uhr

    Der Gedanke hat sich auch bei mir aufgedrängt, ich könnte den Filz und die Starre der Gemeinde aus der ich stamme als Bürgermeister ein für alle mal ins Grab der Geschichte verbannen. Das Zeug hätte ich und sicher eine ganze Menge mehr als meine zurück gebliebenen (nicht missdeuten) Mitbürger. Aber es ist ihr Leben und ihr Land nicht im dramatischen Sinne, sondern ganz praktisch und pragmatisch gesehen. Ich kann jederzeit meine Freunde, die sich um das Wohl Aenaria sorgen mit Ratschlägen beistehen. Alles andere wäre obtuse und hochtrabende Tuerei, die nur einem unzufriedenen und nicht reif gewordenen Gemüt entsprängen. Also unser Kandidat, Herr Klitschko, hätte reihenweise Projekte zur Förderung der ukrainischen gesellschaftspolitischen Entwicklung fördern können. Aller Wahrscheinlichkeit nach weniger durch seine Rhethorik, vielmehr durch seine Millionen. Was er sucht ist, nach meiner Auffassung einen Platz in der Geschichte und nicht nur eine Erwähnung im Sportlexikon als Box-Weltmeister, der mit seinen Beratern, weltmeisterlich seine Herausforderer auszuwählen wusste.

    Hier ein Spruch, wenn ich mich recht entsinne aus der Bibel, der mit gebührendem Scharfsinn auf die vorliegende Lage bezogen werden kann:

    Der Gerechte isst bis er satt ist.
    Der Bauch der Frevler aber hat zu wenig.

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