Es ging 90 Minuten um Außenpolitik , Europa kam jedoch so gut wie gar nicht vor. Von Amerika aus betrachtet sieht die Welt anders aus als von Berlin oder Brüssel . Das hat eine erfreuliche und eine weniger gute Seite. Europa steht schon lange nicht mehr im Zentrum möglicher Kriegsszenarien. Seine Teilung ist Geschichte. Im Fokus der US-Sicherheitspolitik liegen heute die Terrorabwehr, der ungewisse Ausgang der Umbrüche in Arabien, die Gefahren durch das iranische Atomprogramm , der Dauerkonfliktherd Palästina und die langfristige Krisenprävention in Asien wegen Chinas Aufstieg.

Europa ist nicht mehr das Problem, darauf dürfen seine Bewohner ein bisschen stolz sein. Bemerkenswert ist das nicht nur historisch, sondern auch ganz aktuell. Vor ein paar Monaten hätte der Euro bei der Aufzählung der Schreckensszenarien nicht gefehlt. Momentan scheinen die Maßnahmen zur Stabilisierung zu greifen. Und Amerika muss sich eingestehen, dass es ebenfalls ein Überschuldungsproblem hat, das in den nächsten Monaten vielleicht mehr Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen wird als der Euro.

Romney und Obama sind Pragmatiker

Europa wird aber auch nicht als Teil der Lösung betrachtet. Amerika traut den Europäern nicht zu, dass sie Bedeutendes zur Befriedung der Gefahrenherde von heute beitragen. Deshalb war in der dritten Fernsehdebatte zwischen Präsident Obama und Mitt Romney kaum die Rede von den Verbündeten. Im besten Fall erwarten beide, dass die Europäer ohne Murren bei der US-Politik mitmachen. Mit Blick auf die Sanktionen gegen den Iran führte Romney ein unglückliches Beispiel dafür an, das einmal mehr belegt, wie viel Wissen sich ein Präsidentschaftskandidat erst noch aneignen muss. Zur Verschärfung des Embargos schlug er vor, Amerikas und Europas Häfen für iranische Öltanker zu schließen. Die USA beziehen schon seit Ewigkeiten kein iranisches Öl mehr.

Ansonsten bot der Republikaner eine angenehme Überraschung nach der anderen. Er verzichtete auf die martialische Sprache, die man in seiner Partei so gerne hört. In Syrien will er nicht eingreifen. Den Konflikt mit dem Iran möchte er friedlich lösen, militärische Intervention sei das allerletzte Mittel. Pakistan dürfe man nicht abschreiben. Und China sei ein Partner, kein Gegner. Hat da ein Wolf Kreide gefressen, um seine Wahlaussichten zu verbessern? Oder kommt hier der wahre Romney zum Vorschein? Romney ist, ähnlich wie Obama, ein pragmatischer Managertyp ohne tiefe ideologische Überzeugung. Er tut, was nach seiner Analyse in Amerikas Interesse liegt.

Die Außenpolitik ist nicht das Feld der großen Gegensätze zwischen den beiden; das liegt in der Steuer- und Finanzpolitik. Sie verbindet ein weitgehender Konsens über Amerikas Rolle in der Welt. Die aufgeheizte Wahlkampfrhetorik hatte das lange verdeckt. Zu diesem Konsens gehört freilich auch ihr Bild von Europa: Der alte Kontinent ist mit der Selbstfindung beschäftigt und wird auf absehbare Zeit wenig Energie, Geld und Neigung haben, eine ebenso aktive Rolle bei der Ordnung der Welt zu spielen wie die USA.

Erschienen im Tagesspiegel