US-WahlkampfEuropa hat in Amerika ausgedient

Obama und Romney sind sich einig: Der alte Kontinent ist mit Selbstfindung beschäftigt und spielt außenpolitisch keine Rolle. Christoph von Marschall kommentiert. von 

Barack Obama und Mitt Romney während des dritten TV-Duells

Barack Obama und Mitt Romney während des dritten TV-Duells  |  © JEWEL SAMAD/AFP/Getty Images

Es ging 90 Minuten um Außenpolitik , Europa kam jedoch so gut wie gar nicht vor. Von Amerika aus betrachtet sieht die Welt anders aus als von Berlin oder Brüssel . Das hat eine erfreuliche und eine weniger gute Seite. Europa steht schon lange nicht mehr im Zentrum möglicher Kriegsszenarien. Seine Teilung ist Geschichte. Im Fokus der US-Sicherheitspolitik liegen heute die Terrorabwehr, der ungewisse Ausgang der Umbrüche in Arabien, die Gefahren durch das iranische Atomprogramm , der Dauerkonfliktherd Palästina und die langfristige Krisenprävention in Asien wegen Chinas Aufstieg.

Europa ist nicht mehr das Problem, darauf dürfen seine Bewohner ein bisschen stolz sein. Bemerkenswert ist das nicht nur historisch, sondern auch ganz aktuell. Vor ein paar Monaten hätte der Euro bei der Aufzählung der Schreckensszenarien nicht gefehlt. Momentan scheinen die Maßnahmen zur Stabilisierung zu greifen. Und Amerika muss sich eingestehen, dass es ebenfalls ein Überschuldungsproblem hat, das in den nächsten Monaten vielleicht mehr Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen wird als der Euro.

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Romney und Obama sind Pragmatiker

Europa wird aber auch nicht als Teil der Lösung betrachtet. Amerika traut den Europäern nicht zu, dass sie Bedeutendes zur Befriedung der Gefahrenherde von heute beitragen. Deshalb war in der dritten Fernsehdebatte zwischen Präsident Obama und Mitt Romney kaum die Rede von den Verbündeten. Im besten Fall erwarten beide, dass die Europäer ohne Murren bei der US-Politik mitmachen. Mit Blick auf die Sanktionen gegen den Iran führte Romney ein unglückliches Beispiel dafür an, das einmal mehr belegt, wie viel Wissen sich ein Präsidentschaftskandidat erst noch aneignen muss. Zur Verschärfung des Embargos schlug er vor, Amerikas und Europas Häfen für iranische Öltanker zu schließen. Die USA beziehen schon seit Ewigkeiten kein iranisches Öl mehr.

Ansonsten bot der Republikaner eine angenehme Überraschung nach der anderen. Er verzichtete auf die martialische Sprache, die man in seiner Partei so gerne hört. In Syrien will er nicht eingreifen. Den Konflikt mit dem Iran möchte er friedlich lösen, militärische Intervention sei das allerletzte Mittel. Pakistan dürfe man nicht abschreiben. Und China sei ein Partner, kein Gegner. Hat da ein Wolf Kreide gefressen, um seine Wahlaussichten zu verbessern? Oder kommt hier der wahre Romney zum Vorschein? Romney ist, ähnlich wie Obama, ein pragmatischer Managertyp ohne tiefe ideologische Überzeugung. Er tut, was nach seiner Analyse in Amerikas Interesse liegt.

Die Außenpolitik ist nicht das Feld der großen Gegensätze zwischen den beiden; das liegt in der Steuer- und Finanzpolitik. Sie verbindet ein weitgehender Konsens über Amerikas Rolle in der Welt. Die aufgeheizte Wahlkampfrhetorik hatte das lange verdeckt. Zu diesem Konsens gehört freilich auch ihr Bild von Europa: Der alte Kontinent ist mit der Selbstfindung beschäftigt und wird auf absehbare Zeit wenig Energie, Geld und Neigung haben, eine ebenso aktive Rolle bei der Ordnung der Welt zu spielen wie die USA.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • ST_T
    • 24. Oktober 2012 14:27 Uhr

    Wie soll Amerika die spielen können bei der größten historischen Verschuldung überhaupt?
    Amerika ist BANKROTT und hat dementsprechend nicht die Ressourcen um z.B. Israels Spiegelfechtereien noch weiter zu unterstützen.

    Aber die Debatte zeigt die Egozentrität und vor allem die Ignoranz der amerikanischen Führung. Wenn, dann verliert Amerika in der Welt an Bedeutung, und zwar drastisch. Und das letzte Jahrzehnt hat wohl auch dafür gesorgt, dass ein drastischer Ansehensverlust hinzukommt.

    Dahingehend ist die Debatte über Europas Platz höchst fehl und soll wohl von eigenen Verfehlungen ablenken.

    11 Leserempfehlungen
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    • Hoplon
    • 24. Oktober 2012 15:15 Uhr

    "Wie soll Amerika die spielen können bei der größten historischen Verschuldung überhaupt?
    Amerika ist BANKROTT und hat dementsprechend nicht die Ressourcen um z.B. Israels Spiegelfechtereien noch weiter zu unterstützen."

    Sie haben vollkommen Recht.
    Amerika verliert zunehmend an Boden und wird auch weitehrin verlieren. Dennoch sind die US Amerikaner gerade im Vergleich zu Europa immernoch ein politisches Schwergewicht. Und ich gebe Obama und Romney ausnahmsweise Recht wenn sie von der zunehmenden Bedeutungslosigkeit Europas sprechen.

    Besonders deutlich wird das, wenn man diese Frage im historischen Kontext bewertet. Das britische Empire hatte einst die gesamte Welt beherrscht und im Zeitalter des Imperialismus fochten ausschließlich europäische Mächte um ihre Vormachtstellung in der Welt (die Bewertung dieser Epoche sei mal ausgeklammert). Aber spätestens nach dem 2. Weltkrieg aber hatte Europa deutlich an Boden verloren.

    Europäer und Amerikaner sind gleichermaßen unfähig ihr Spiegelbild zu erkennen.

    • fse69
    • 24. Oktober 2012 15:57 Uhr

    ... dass die Amerikaner natürlich zugenüge eigene Probleme haben, ist die stetige Marginalisierung Europas eine logische Konsequenz des Umstandes, dass der "alte Kontinent" vom Zentrum in die Peripherie des weltpolitischen Geschehens seit dem Ende des Kalten Krieges gerückt ist, ohne dass man diesem Prozess beizeiten wirksam entgegengetreten ist, bspw. durch eine zukunftsorientierte strategische Erweiterung der EU-Geografie um ein Land wie die Türkei. Stattdessen vergeudet man seit Mitte der neunziger Jahre unglaubliche Energien auf abstrakten und nichtssagenden Dünkel in Form von kulturalistischen Identitäts- und Ausgrenzungsdebatten. Wenn die EU sich nicht als eurasischer Akteuer begreifen will, darf sie sich aber auch nicht pikiert und in ihrer Eitelkeit gekränkt darüber gerieren, dass Ihre selbstverliebte Nabelschau in den Machtzentren der Welt mit Gleichgültigkeit quittiert wird.

  1. Auch die USA haben wenig Geld und Energie, um sich mit den Problemen der Welt zu beschäftigen, sie haben allerdings mehr Neigung dazu, mancher wird sogar sagen, zuviel Neigung. Die USA und Europa unterscheiden sich hier im Wesentlichen durch das Selbst- und Sendungsbewusstsein. Die USA zweifeln keine Sekunde daran, dass sie der demokratischte, stärkste und beste Staat der Welt sind, das eher besonnene Europa hat hier erhebliche Zweifel, und zwar nicht nur, was Europa angeht, sondern auch die USA. In den USA ist es eher Konsens, dass man das beste System aller Zeiten auch in anderen Ländern verbreiten sollte, zu deren Wohl. Europa sieht diese Mission für sich nicht. Die USA leben in der Vorstellung, sie könnten aufgrund wirtschaftlicher udn militärische Stärke tatsächlich die Welt verbessern, Europa glaubt nicht an die eigene Stärke - und häufig auch nicht an die ausreichende Stärke der USA. Wahrscheinlich liegt der Unterschied hauptsächlich darin: die USA neigen zur Über- und Europa zur Unterschätzung.

    24 Leserempfehlungen
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    Ich glaube, was man in den USA erlebt, ist das letzte Aufbäumen der stolzen, weißen Amerikaner, die zwar nicht zugeben wollen, aber sehr deutlich spüren, dass die Zustände sich geändert haben und sie nicht mehr die unangefochtenen Herrscher sind - weder im eigenen Land noch in der Welt. Man geht davon aus, dass dies die letzte Wahl sein wird, die die weiße Mehrheit noch entscheiden kann.

    Die Nähe zu Europa wurde den Demokraten in der Vergangenheit als Verrat an den amerikanischen Werten und der amerikanischen Kultur ausgelegt(soccer Moms, Latte- und Wein trinkende, Käse essende Akademiker) und daraus eine unpatriotische Haltung abgeleitet. Wie praktisch immer bei entscheidenden Themen, findet eine über Schlagworte hinaus gehende Diskussion leider nicht statt.

  2. Ich fände es eigentlich ganz erfreulich, wenn die USA es künftig auch unterlassen würden, eine "ordnende Rolle" (allein zu dieser netten kleinen Selbstbeweihräucherung könnte einem viel Polemisches einfallen...) in der Welt einzunehmen. Aber wie der Artikel ja bereits bemerkt: nach der Euro-Krise steht wohl jetzt erst einmal die Dollarkrise auf dem Plan. Dadurch könnten die USA auch eine gute Weile innenpolitisch beschäftigt sein.

    6 Leserempfehlungen
  3. Na das sagen die Richtigen. Wer kann denn keinen Kompromiss finden und beutelt sich gegenseitig fast bis zum Staatsbankrott? Republikaner und Demokraten in den USA. Warum geht es bei den Aussenpolitikdebatten der Präsidentschaftskandidaten vor allem um Innenpolitik? Weil die USA nicht mit sich selbst beschäftigt sind?

    Zumal das alles ja auch ein bißchen hämisch ist. Der letzte großartige Export aus den USA war die Lehmann-Pleite und da Europa da auch mit drin hing und hängt hat man eben jetzt auf beiden Seiten große Geldprobleme und hat zuhause zu tun und dann soll man sich noch Sprüche anhören? Thanks, but no thanks.

    Von den USA braucht Europa nur den Konsum, da Google und Co aber wahrscheinlich nicht 300 Millionen Amerikaner beschäftigen können ist auch für Europa China viel wichtiger als die langsam dahin siechenden USA.

    Die Zeiten haben sich wirklich geändert.

    3 Leserempfehlungen
  4. Schön wärs, wenn Europa für Amerika keine Rolle mehr spielt. Ich denke in den meisten europäischen Ländern wären die Leute froh, wenn die USA sich andere Regionen suchen, in denen sie Einfluss ausüben können.

    Vielleicht können wir uns dann andere Partner suchen, mit denen die Zusammenarbeit etwas "fruchtbarer" verläuft.

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  5. nicht im Fokus amerikanischer Interessenlagen zu stehen!
    Und ja doch, die Neigung zu internationaler Krisenintervention ist bei uns möglicherweise aus bekannten Gründen weniger ausgeprägt.
    Dafür schäm ich mich jetzt aber nicht!

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  6. die verbalen Schaumschlägereien dienen doch dem dummen Wähler etwas vorzugaukeln. Diesbezüglich lohnt es sich auch nicht mehr auf einzelne Punkte einzugehen.

    4 Leserempfehlungen
    • Beebo
    • 24. Oktober 2012 14:45 Uhr

    Wer Pro EU ist auch gleichzeitig immer Pro USA. Die EU Lobbyisten halten die EU stramm auf USA Kurs. Irgendwelche Reformen, die wirken sind nicht mal in Sicht. Eher früher als später wird einer der ungedeckten Schecks platzen. Wenn es ans bezahlen geht, fliegt das EU Konstrukt schneller auseinander, wie man glaubt. Dann bilden sich ganz neue Machtverhältnisse in Europa. Da reicht es nicht mehr Brüssel auf seiner Seite zu ziehen, sondern muss die Länder einzeln bearbeiten. Ein zerbrechen der EU bedeutet für die USA ein mächtigen Machtverlust in der Welt.

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  • Schlagworte USA | Europa | Barack Obama | USA | Atomprogramm | Außenpolitik
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