Tonio Borg © Sam Kubani/AFP/Getty Images

Bevor Tonio Borg EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz werden kann, muss er noch viele Fragen beantworten. Der Außenminister und Vizepremier von Malta soll in Brüssel seinem Landsmann John Dalli nachfolgen, der wegen Korruptionsvorwürfen in Zusammenhang mit der geplanten EU-Tabakrichtlinie Mitte Oktober zurücktreten musste. An diesem Dienstag stellt sich Borg dem Europäischen Parlament, das bei dieser Personalie ein Mitspracherecht hat, vor. Gelegentlich sind diese Anhörungen bloß Formsache. Doch der 55-Jährige wird es schwer haben, die Abgeordneten zu überzeugen.

Zweifel, ob er der Richtige für das Amt sei, gibt es aus mehreren Gründen. Sie beruhen nicht allein auf seinen oft kritisierten Ansichten zu Homosexualität, Abtreibung, Frauenrechten oder Flüchtlingspolitik. Darüber wird Borg im Parlament ganz sicher sprechen müssen. Viel unangenehmer sind hingegen die Vorwürfe, die zuletzt gegen den Malteser erhoben wurden. Sie drehen sich um den millionenschweren einstigen Schwiegersohn des kasachischen Diktators Nursultan Nasarbajew und früheren Botschafter in Österreich , Rachat Alijew. Der Kasache wird international gesucht. Mord, Folter, Bestechung und Geldwäsche sind nur einige der Verbrechen, derer er verdächtigt wird.

Alijew lebt inzwischen auf Malta – unter dem Namen seiner Frau, einer kasachischen Botschaftsmitarbeiterin mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung auf der Insel war offenbar nicht ganz billig: Auf der Rechnung von Alijews früherem Anwalt war ihre Beschaffung mit 150.000 Euro der größte Posten, begründet mit den "besonderen Schwierigkeiten" wegen der laufenden Ermittlungen gegen Alijew.

Das kam heraus, als man sich nun vor Gericht um Honorare stritt. Die genauen Umstände sind nach wie vor nicht geklärt. Bemerkenswert erscheint jedoch, dass in dem Verfahren unter anderem Borg und sein Ministeriumssprecher als Zeugen für eben diesen Vorgang genannt werden.

Zufluchtsort für gut betuchte Kriminelle?

Allein daraus den unmittelbaren Zusammenhang herzustellen, der Außenminister sei irgendwie behilflich gewesen oder habe sogar Schmiergeld angenommen, ist sicher zu einfach. Beide, Borg wie Alijew, erklären mittlerweile auch, sich nie getroffen zu haben. Andererseits hält sich seit Längerem hartnäckig die Vermutung, Malta zeige sich ungewöhnlich offen für Neubürger mit kriminellem Hintergrund, wenn sie das nötige Kleingeld mitbringen. Dass in einem solchen Zusammenhang der Name des nominierten EU-Kommissars fällt, lässt zumindest aufhorchen.

Gleichzeitig gerät Borg wegen früherer Äußerungen unter Druck, die nach Ansicht seiner Kritiker in Widerspruch zu den Werten und Bürgerrechten der Europäischen Union stehen. Der streng gläubige Katholik gehört dem rechten Flügel der christdemokratischen Partit Nazzjonalista an und ist für eine Reihe ultrakonservativer Ansichten bekannt.

Die interfraktionelle Parlamentsarbeitsgruppe für die Rechte Homo-, Bi- und Transsexueller hat vor der Befragung bereits entsprechende Munition gesammelt: Sie zitiert ihn in einem Vorbereitungspapier für seine Anhörung unter anderem mit abfälligen Bemerkungen über gleichgeschlechtliche Beziehungen: "Das ist genau das, was wir jetzt brauchen: uns auch noch mit Schwulen abfinden zu müssen!" Er habe sich dagegen gewehrt, Homosexuelle bei der Einwanderung gleichzustellen – nur solche Beziehungen sollten anerkannt werden, die "in Maltas nationalem Interesse" seien.