Nach dem langen, erbitterten Wahlkampf, der scharfen politischen Spaltung der USA und den Attacken gegen einen demokratischen Präsidenten, den so manche Republikaner für einen in Kenia geborenen Muslim halten, hat das neue Lieblingsthema der USA eindeutig humoristische Qualität. New York Times -Kolumnistin Maureen Dowd verglich die "Seifenoper" ( CNN ) gar mit der Reality-TV-Familie Kardashian, eine Art Trash-Version von Paris Hilton: Es geht um General David Petraeus , General John Allen und zwei, wenn nicht drei Frauen, mit denen die beiden führenden Militärs in unschöne Schlagzeilen geraten sind.

Petraeus, CIA-Chef und vorheriger Oberkommandierender im Irak und in Afghanistan , musste zurücktreten, weil er eine außereheliche Affäre mit seiner Biografin Paula Broadwell eingeräumt hatte. Laut Washington Post hatte Broadwell auch vertrauliche Dokumente auf ihrem Computer . Derweil ist Allen, der jetzige Oberkommandierende in Afghanistan und frühere Stellvertreter von Petraeus in der Kritik, weil er mit einer Frau namens Jill Kelley einen "unangemessenen" E-Mail-Austausch hatte; von 20.000 bis 30.000 Seiten ist die Rede, darunter auch geheime Dokumente.

Kelley, eine Salonlöwin aus Tampa, Florida, ist mit Allen und auch mit Petraeus befreundet. Nun liegt Allens geplante Beförderung zum Nato-Oberkommandierenden und zum obersten Befehlshaber der US-Truppen in Europa erst mal auf Eis. Allen erklärte, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen, seine Beziehung zu Kelley sei platonisch. Nicht ganz so platonisch scheint die Beziehung zwischen Kelley und dem ermittelnden FBI-Agenten zu sein: Der mailte der Frau ein Porträtfoto mit nacktem Oberkörper zu.

Was der Affäre eine politische Note verleiht, ist der Zeitpunkt: Petraeus trat direkt nach der Wahl zurück. Es ist fraglich, ob er nun noch für Auskünfte zur Verfügung steht, was die Attacke auf die US-Botschaft im libyschen Bengasi betrifft, die den Botschafter und drei weitere Amerikaner das Leben gekostet hat.

Geheimdienstausschuss erfuhr von der Affäre aus der Zeitung

Es war Jill Kelley, die den Skandal ins Rollen gebracht hat. Sie hatte sich an den fraglichen FBI-Agenten gewandt, weil Broadwell ihr drohende E-Mails geschickt und sie aufgefordert habe, die Finger von Petraeus zu lassen. Aber der Agent beschränkte sich nicht aufs Ermitteln: Als er den Eindruck bekam, das FBI verfolge den Skandal nicht hinreichend, wandte er sich an Eric Cantor, den republikanischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus. Und Cantor hakte bei FBI-Chef Robert Mueller nach.

Bald gelang es dem FBI, an die E-Mails zu kommen, die Broadwell und Petraeus ausgetauscht, oder eher in eine Gmail-Dropbox gestellt hatten. Nicht zu unrecht bekrittelt nun das Wall Street Journal , dass auch jeder einigermaßen belesene Al-Kaida-Terrorist sich Zugang zu dem Account des CIA-Chefs hätte verschaffen können. So flog die Affäre letztlich auf.

Zwar ist Ehebruch in den USA nicht strafbar, aber ein hochrangiger Geheimdienstmann macht sich so erpressbar. Zudem verletzt er den Ehrenkodex den Militärs. Allerdings bestreitet Petraeus, dass die Affäre schon begonnen habe, als er noch General war.

Die Seifenoper mit Hollywood-Niveau wird heiß diskutiert. Viele Senatoren und Abgeordnete sind verschnupft, weil sie erst spät von der Affäre erfahren haben. Nicht nur Republikaner übrigens, auch die Demokratin Dianne Feinstein, die dem Geheimdienstausschuss des Senats vorsteht, erfuhr davon erst aus der Zeitung. Aber auch das Weiße Haus wurde offenbar reichlich spät informiert. Vom FBI hieß es, da es keinen Geheimnisverrat gegeben hatte, habe man dies nicht für nötig gehalten.

"Den Amerikanern sind diese Kriege inzwischen egal"

Der Zeitpunkt ist aber gerade den Republikanern wichtig, denn die versuchen immer noch, aus Bengasi politisches Kapital zu schlagen. So meint der frühere Bush-Redenschreiber David Frum, Obama habe fälschlicherweise behauptet, der Anlass des Anschlags sei der antimuslimische Film eines koptischen Filmemachers aus Los Angeles, tatsächlich aber sei der Anschlag lange geplant gewesen.

Das Wall Street Journal schlägt in die gleiche Kerbe: Man müsse herausfinden, ob Petraeus' persönliche Probleme das beeinflusst hätten, was er dem Kongress bisher über Bengasi erzählt habe . Er hatte dort bestritten, dass die CIA beim Schutz der Botschaft versagt habe. Aber vielleicht, meint das Wall Street Journal , sei das nur eine Gefälligkeitsaussage für Obama gewesen. Der Präsident, so spinnen Leserkommentare die Idee weiter, habe Petraeus erpresst: Wenn der die Wahrheit über Bengasi zurückhalte, werde Obama dessen Affäre unter der Decke halten.

Dahinter steckt der zähe Glaube, ein Fokus auf Bengasi hätte Mitt Romney einen Wahlsieg bescheren können. Der New Yorker Kolumnist Frank Rich hält das für Unsinn. " Den Amerikanern sind diese Kriege inzwischen egal , ob das nun Afghanistan ist, der arabische Frühling, Iran, Libyen, Syrien , Ägypten, was auch immer."

Dazu kommt, dass die Republikaner dann auch Petraeus kritisieren müssten. Der aber ist gar kein Demokrat, er wurde ursprünglich von George W. Bush berufen, um den Surge , den Einsatz zusätzlicher Truppen im Irak zu leiten. Dessen Effekt ist zwar umstritten, aber Fox News nannte Petraeus einen der "am meisten respektierten Generäle unserer Generation".

Ghostwriter schrieb die Biografie

Broadwell wiederum behauptet auf einem schon etwas länger kursierenden Video, der eigentliche Grund für die Attacke sei ein geheimes CIA-Gefängnis auf dem Botschaftsgelände gewesen. Die CIA, wenig verwunderlich, bestreitet das.

Rich fragt sich darüber hinaus, warum die Petraeus-Biografie gar nicht von Broadwell, sondern von einem Ghostwriter verfasst wurde, dem Washington-Post -Redakteur Vernon Loeb. Was genau hat dann Broadwell die ganze Zeit getan?

Aber der Fall hat durchaus noch mehr pikante Aspekte. Jill Kelley, ihr Mann Scott und ihre Zwillingsschwester Natalie Khawam waren bekannt für ihre ausschweifenden Partys – eine davon unter dem Motto "Piraten", wie die New York Times berichtete –, zu denen auch die Militärs der MacDill Air Force Base in Tampa eingeladen waren. Das Paar war aber hochverschuldet und in Prozesse um Geld verwickelt. Manche Verschwörungstheoretiker glauben nun, Kelley sei eine Agentin der Demokraten, die beiden Generälen eine Falle gestellt habe. Andere verdächtigen die Tochter eines libanesischen Immigranten, Al-Kaida-Spitzel zu sein.

Liberale interessieren sich hingegen für ganz andere Fragen: Warum musste Petraeus überhaupt zurücktreten? Nur im puritanischen Amerika werde Ehebruch derart tabuisiert. Und: Warum haben so viele gut aussehende Frauen eine Schwäche für hochrangige Männer (und umgekehrt), man lese aber nie von Frauen in hohen Positionen, die Affären haben?

Machtkampf zwischen FBI und CIA?

Bürgerrechtler wiederum sehen den Fall als einen unzulässigen Eingriff des Spitzelstaates. Es sei ironisch, dass es ausgerechnet den obersten Schlapphut traf. "Nicht des persönlichen Verhaltens von General Petraeus und General Allen wegen sollte ermittelt werden, sondern eher, um festzustellen, was das FBI für eine Macht hat, eine solche Überwachung durchzuführen", meinte Anthony Romero, der Direktor der American Civil Liberties Union , zur New York Times . Noch problematischer sei es, wenn die National Security Agency (NSA) ermittele, die ohne richterlichen Beschluss innerhalb von Amerika elektronisch bespitzeln darf.

Für Insider wiederum sieht die Affäre eher wie ein Machtkampf zwischen dem FBI und der CIA aus, zwei lange miteinander verfeindete Organisationen, die sich schon zu Zeiten von J. Edgar Hoover und Allen W. Dulles beharkt haben. Robert Baer, ein früherer CIA-Agent im Mittleren Osten, meinte auf CNN, der ermittelnde FBI-Agent habe sich unangemessen verhalten: Ein Agent dürfe nicht mit einer Quelle befreundet sein, und schon gar nicht dürfe er sich an eine politische Partei wenden. Baer vermutet, der Agent habe auf eigene Faust die Wahl beeinflussen wollen.