Syrien-KriegChina, der Westen und die Russen tragen Mitschuld am Elend

Ob durch aktive oder passive Beteiligung: Die internationale Gemeinschaft trägt Mitverantwortung am syrischen Bürgerkrieg, schreibt der Aleppiner Salam Kawakibi. von Salam Kawakibi

Altstadt von Aleppo

Kämpfer der Freien Syrischen Armee in der Altstadt von Aleppo, 16. Oktober 2012   |  © REUTERS/Asmaa Waguih

Es ist seit jeher konfliktbeladen, das Verhältnis der syrischen Machthaber zu den urbanen Zentren des Landes. Die massive Bombardierung der großen Städte – jüngst von Aleppo – machen dies auf brutale Weise deutlich. Aleppos historische Stadtviertel, sie zählen zum Weltkulturerbe, sind bevorzugte Ziele für die Angriffe des Regimes.

Salam Kawakibi

ist stellvertretender Direktor der Arab Reform Initiative und Honorarprofessor an der Universität Paris. Aus einer bekannten Aleppiner Familie stammend, engagiert er sich für die syrische Opposition. Salam Kawakibis Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.

Schon immer kam die Verdorbenheit des Systems, einer der Gründe für den Ausbruch der syrischen Revolution, auch in der Verachtung für das gemeinsame kulturelle Erbe zum Ausdruck. Die Zerstörung eines der ältesten Basare der Welt ist nur ein besonders extremer Auswuchs davon. Der Kampf um Aleppo steht für die allgemeine Lage in Syrien. Und er zeugt von dem begrenzten Handlungsspielraum des Regimes ebenso wie der Opposition.

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Syrien steht vor einer immensen Herausforderung: ein Krieg gegen Zivilisten, der sich allmählich zu einem offenen Bürgerkrieg wandelt. Das Assad-Regime hat alle Voraussetzungen hierfür geschaffen – mit aktiver oder passiver Beteiligung der internationalen Gemeinschaft. Und niemand weiß, wie es in Syrien jetzt weitergeht.

Stachel im Gewissen

Dennoch: Engagierte Intellektuelle, sensibilisierte Technokraten und Aktivisten können Zeichen der Hoffnung in einer finsteren Zeit setzen. Das beweisen Projekte wie The Day After, die Szenarien für die Zeit nach Assad und Ideen für die Transitionssphase entwickeln. In der Zeit des Übergangs wird es vor allem auf eine funktionierende Justiz ankommen. Sogenannte Wahrheitskommissionen können dazu beitragen, geschehenes Unrecht aufzuarbeiten, den Geschädigten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – und revanchistischen Tendenzen Einhalt zu gebieten.

Die katastrophale humanitäre Situation in Syrien sollte ein Stachel im Gewissen der internationalen Gemeinschaft sein. Erklärungen und gute Absichten machen die Hungernden nicht satt und gewähren den Flüchtlingen keinen Schutz. Die verhängnisvollen Auswirkungen dieser Lage sind nicht nur in Syrien, sondern auch in den Nachbarländern zu spüren. Und was passiert nach dem Konflikt? Syrien wird mit den Folgen einer verheerenden Wirtschaftskrise zu kämpfen haben – mit unabsehbaren gesellschaftlichen Folgen. Abhilfe schaffen kann ein Marshall-Plan, der in erster Linie von den Auslandssyrern und internationalen Gebern gespeist werden sollte.

Der Übergang zur Demokratie ist ein langwieriger Prozess. Fünf Jahrzehnte ohne politische Praxis hinter sich zu lassen und eine Kultur der Angst durch bürgerschaftliches Engagement zu ersetzen, funktioniert nicht über Nacht. Entscheidend wird nicht sein, ob, sondern wie die Syrer die Diktatur überwinden. Davon werden die Entwicklungen der kommenden Jahre maßgeblich abhängen.

Leserkommentare
  1. ...gefragt." Deutschland fällt wohl NICHT MEHR unter wohlhabendes Land (nach Kaufkraftpariät) - zumindest nicht unter die ersten 10 (Zehn) der wohlhabendsten Länder!

    Quelle: http://de.wikipedia.org/w...

  2. ist zum Sprachrohr der der MB mutiert.
    Asiem El-Difraouis Artikel in http://www.zeit.de/gesell... ist nur bedingt richtig und entspricht nicht der aktuellen Situation.
    Das ist aktuell: https://www.google.de/sea...

    2 Leserempfehlungen
  3. Sie schreiben: "China, der Westen und die Russen tragen Mitschuld am Elend
    Ob durch aktive oder passive Beteiligung: Die internationale Gemeinschaft trägt Mitverantwortung am syrischen Bürgerkrieg."

    In dieser Aussage steckt selbstverständlich ein Körnchen Wahrheit.
    Allerdings vertrete ich eine ganz andere Sichtweise:
    Die wahren Feinde Syriens... sind al Qaida treue Jihadisten, Wahhabies, salafistische Gotteskrieger und - vor Allem - die im Exil lebenden syrischen Muslimbrüder und deren Sympathisanten!

    3 Leserempfehlungen
    • echolon
    • 10. November 2012 11:28 Uhr

    Ob Napoleon, Stalin oder Hitler: Alle wurden finanziert. Letztere sogar von denselben Leuten. Ohne Finanzierung gäbe es keine Kriege, und auch keinen Konflikt in Syrien. Es ist ja bezeichnend dass die 'oppositionellen Treffen' in Katar stattfinden. Hier irgendwelche Nationen an den Pranger zu stellen - im Westen natürlich immer wieder Russen und Chinesen- ist pure Ablenkung. Die Medien sollten sich vom Kapital emanzipieren, und sich anderfalls raushalten.

    3 Leserempfehlungen
  4. Es gibt 'Alawiten' und 'Alewiten'. Assad ist ein Alawit.

    Antwort auf "Das ist naiv"
    • sibeur
    • 10. November 2012 11:52 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/ls

  5. Es ist immer wieder schön zu beobachten, wie Assad-Anhänger ihrerseits ihre Propaganda zu streuen versuchen.

    Am Anfang hieß es, es gibt gar keine großen Demonstrationen gegen Bashar al-Assad, das sind nur ganz wenige und eigentlich sind das alles nur "Terroristen".Das in Ägypten auch so. Dort haben Medien berichtet, esgehen nur ein paar hundert Menschen auf die Straße,dabei waren es Hunderttausende wenn nicht Millionen:

    http://www.youtube.com/wa... (Anmerkung: Anfangs verwendete die syrische Opposition die meist die rot-weiß-schwarze Fahne, bei 0:27 sieht man aber schon die grün-weiß-schwarze Flagge)

    http://www.youtube.com/wa...

    Hier fordern die Demonstranten explizit den Sturz des Regimes(arab.ash-shaab yurid isqat an-nizam): http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    Auch die Leugnung von Brutalität gegenüber Andersdenkenden in Syrien entbehrt jeder Glaubwürdigkeit. Schon unter Hafez gab es sie!

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    Es ist wahr,dass sich salafistische Milizen unter die Opposition gemischt haben. Aber eine Revolte, die nicht über einen so starken Rückhalt in der Bevölkerung verfügt, würde niemals so lange dauern!

  6. "Salam Kawakibis Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht."

    Bitte mehr berichten, und weniger think-tanken!

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  • Schlagworte Syrien | Bürgerkrieg | Diktatur | Flüchtling | Hoffnung | Justiz
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