An der Straße, dort, wo der Frieden aufhört und der Krieg beginnt, stehen zwei bunte Häuser. Außen blau, innen rosa, türkis, zitronengelb. Darin 80 Männer und Jungen mit weggesprengten Beinen, angeschossenen Armen, Bombensplittern im Rücken. Sie liegen in Stockbetten unter bunten Wolldecken, an den Wänden Gebetsverse aus dem Koran. In den Händen Zigaretten und Gläser mit zuckersüßem Tee, in den Köpfen nur der Gedanke an die Kämpfe in ihrer syrischen Heimat.

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Die bunten Häuser sind ein Krankenhaus, das es eigentlich nicht geben darf. Ein Rückzugsort syrischer Rebellen auf türkischem Boden. Es steht am Rande der Grenzstadt Reyhanli in der Region Hatay, dem südlichsten Zipfel der Türkei zwischen Mittelmeer und Syrien . Die Union syrischer medizinischer Hilfsorganisationen (UOSSM) , ein erst in diesem Jahr aus dem Exil gegründeter Dachverband, hat es vor rund vier Monaten aufgebaut. Drei syrische Ärzte und neun Krankenschwestern behandeln hier, so gut es geht, Verwundete des Bürgerkrieges. "Das meiste können wir selbst machen", sagt Dr. Hamza, einer der Mediziner. "Die schlimmsten Fälle schicken wir in türkische Krankenhäuser zur Operation, danach kommen sie zu uns zurück."

Eigentlich wohnen Studenten der örtlichen Hochschule in den bunten Häusern. Doch der Besitzer war angesichts des Krieges bereit, die Gebäude an die UOSSM zu vermieten. Sie bezahlen dafür, wie jeder andere auch. Insgesamt mindestens 50.000 US-Dollar kostet sie die Einrichtung jeden Monat. Das Geld stammt aus Spenden und von anderen, internationalen Hilfsorganisationen.

Die Behörden schauen weg

Eigentlich verbietet die türkische Regierung ausländischen Hilfsorganisationen, auch syrischen, im Grenzgebiet zu arbeiten. Die Regierung in Ankara will beweisen, dass sie mit der Situation allein zurechtkommt. Doch die Hauptstadt ist weit weg von Reyhanli, und die Behörden hier sehen das pragmatischer. Offiziell genehmigt haben sie das Krankenhaus natürlich nicht, aber sie lassen die Syrer in Ruhe. Solange es keinen Ärger und nicht allzu viel Wirbel gibt – man darf das Gebäude deshalb nicht von außen fotografieren – sehen sie einfach weg.

Die Geschichte des Krankenhauses wirft auch ein Schlaglicht auf die Bedeutung ethnischer und religiöser Zugehörigkeiten in der Grenzregion. Die meisten syrischen Rebellen sind Sunniten. Ihr Feind, Machthaber Bashar al-Assad, ist Alawit.

Nun wollte die UOSSM das Krankenhaus eigentlich in der Provinzhauptstadt Antakya eröffnen. Doch dort leben hauptsächlich Alawiten, die Behörden wollten kein sunnitisches Rebellen-Hospital akzeptieren. In Reyhanli stellen die Sunniten die Bevölkerungsmehrheit, hier duldet man das Krankenhaus, in dem sich die Glaubensbrüder aus Syrien behandeln lassen.

Einer der Patienten ist Mustafa al-Khalid. Im ersten Stock des Krankenhauses sitzt der 32-Jährige rauchend in seinem Zimmer auf seinem Etagenbett. Er trägt einen dunklen, dichten Vollbart und blickt aus ernsten, ruhigen Augen auf den Fernseher, der ganz oben in der Zimmerecke hängt. Ein arabischer Sender läuft, Bilder vom Krieg in seinem Heimatland. "Willkommen im freien Syrien", sagt al-Khalid zur Begrüßung und lächelt.

Der ständige Ausnahmezustand hat ihre Körper verwirrt

Er war Immobilienmakler in Idlib, einer Stadt im Nordwesten Syriens, nur rund 40 Kilometer von hier entfernt. Dann begannen die Kämpfe. "Am Anfang wollte ich mich nur verteidigen", sagt er. Dann aber habe er gesehen, wie die Soldaten von Bashar al-Assad Frauen und Kinder töteten, wie sie folterten und stahlen. So zumindest berichtet er es, überprüfbar ist das nicht. Zuletzt kommandierte al-Khalid ungefähr 220 Männer, teilweise noch Jungen, im Kampf gegen das Regime. Sie lieferten sich mit den Anhängern des Regimes Gefechte um Stadtteile, haben die Kontrollpunkte der Armee überfallen, und ihre Versorgungsrouten angegriffen.

Dann, vor ungefähr zwei Monaten, zerstörten Splitter einer Bombe Teile von al-Khalids linkem Unterarm. Er floh über die Grenze und landete schließlich hier in diesem kleinen Zimmer mit den bunten Wänden. Seinen eingegipsten Arm hält er hoch und dicht am Oberkörper. Immer wieder sieht er ihn an, berührt ihn vorsichtig. Er kann mit dieser Verletzung nicht mehr richtig kämpfen. Einerseits. Andererseits sitzt er jetzt sicher auf seinem Metallbett in der Türkei, statt im syrischen Kriegsgebiet in Lebensgefahr zu schweben.

Als ehemaliger Kommandeur ist er auch hier im Krankenhaus ein einflussreicher, wichtiger Mann, die Jüngeren scharen sich um ihn. Er doziert über die Versorgungsprobleme der Rebellen und Zivilisten. "Die meisten Leute fliehen nicht, weil sie Angst haben, sondern weil sie nichts zu Essen haben", sagt er. Al-Khalid erzählt auch von den Dörfern auf dem flachen Land, in denen die Häuser keine Keller haben und keine Höhlen Schutz bieten, wenn al-Assads Flugzeuge kommen. "Die Bomben fallen den Menschen einfach auf den Kopf", sagt al-Khalid. "Wir brauchen nur eines vom Westen: Luftabwehrgeschütze, damit wir die Menschen dort beschützen können."

Für ein paar Stunden über die Grenze

Dann dringt plötzlich ein halb unterdrückter Schmerzensschrei über den Flur des Krankenhauses, und erst jetzt fällt einem auf, wie still es hier ist trotz all der üblen Wunden und Verletzungen, der mangelhaften Ausstattung. Es ist nicht so, dass die Patienten ihre Schmerzen nicht zeigen wollen. Sie spüren sie erst gar nicht, haben ihr Schmerzempfinden verloren. Sie sind so betäubt vom Krieg, von den Kämpfen, der ständigen Gefahr, dem allgegenwärtigen Tod, dem Adrenalin und nicht zuletzt ihrer eigenen Mission, dem Sturz des Regimes, dass der simple, körperliche Schmerz nicht mehr in ihr Bewusstsein durchdringen kann. Die Körper haben sich an den ständigen Ausnahmezustand angepasst, die Nervenbahnen und das Gehirn könnten den ständigen Schmerz nicht aushalten.

Auch Wunden, die bis auf die Knochen reichen, werden hier ohne Betäubung behandelt. Die Medikamente sind knapp, und einen echten Anästhesisten gibt es sowieso nicht. "Das mangelnde Schmerzempfinden ist ein Problem", erklärt eine der Krankenschwestern, "weil die Männer dann nicht spüren, wenn sich beispielsweise eine Wunde entzündet".

Al-Khalids Arm verheilt gut. Zwei Wochen noch, schätzt er, bis er seine Hand wieder bewegen kann. Dann will er zurück, weiterkämpfen. Zu seinen zwei Brüdern. Die haben beide ein Bein verloren und sind trotzdem schon wieder Syrien.

Manchmal geht al-Khalid schon jetzt für ein paar Stunden über die Grenze nach Harim, einer kaum zwei Kilometer entfernten Kleinstadt. Er bringt den Kämpfern dann ein Paar Medikamente und etwas Essen mit. Abends kehrt er zurück zu seinem Etagenbett, über das er DIN-A4-Zettel gehängt hat mit Suren aus dem Koran. Eine handelt vom Zugang zum Paradies und den Opfern, die man dafür bringen müsse.

Was denkt er, der syrische Rebellenkommandeur im türkischen Krankenhaus-Exil, wie es nun weitergeht in seinem vom Bürgerkrieg geplagten Heimatland? Da blickt einen al-Khalid fest und ruhig an und gibt eine Antwort, die keine ist, und doch die einzige: "Nur Gott kann uns helfen. Wir können jetzt nicht mehr zurück."