Er war Immobilienmakler in Idlib, einer Stadt im Nordwesten Syriens, nur rund 40 Kilometer von hier entfernt. Dann begannen die Kämpfe. "Am Anfang wollte ich mich nur verteidigen", sagt er. Dann aber habe er gesehen, wie die Soldaten von Bashar al-Assad Frauen und Kinder töteten, wie sie folterten und stahlen. So zumindest berichtet er es, überprüfbar ist das nicht. Zuletzt kommandierte al-Khalid ungefähr 220 Männer, teilweise noch Jungen, im Kampf gegen das Regime. Sie lieferten sich mit den Anhängern des Regimes Gefechte um Stadtteile, haben die Kontrollpunkte der Armee überfallen, und ihre Versorgungsrouten angegriffen.

Dann, vor ungefähr zwei Monaten, zerstörten Splitter einer Bombe Teile von al-Khalids linkem Unterarm. Er floh über die Grenze und landete schließlich hier in diesem kleinen Zimmer mit den bunten Wänden. Seinen eingegipsten Arm hält er hoch und dicht am Oberkörper. Immer wieder sieht er ihn an, berührt ihn vorsichtig. Er kann mit dieser Verletzung nicht mehr richtig kämpfen. Einerseits. Andererseits sitzt er jetzt sicher auf seinem Metallbett in der Türkei, statt im syrischen Kriegsgebiet in Lebensgefahr zu schweben.

Als ehemaliger Kommandeur ist er auch hier im Krankenhaus ein einflussreicher, wichtiger Mann, die Jüngeren scharen sich um ihn. Er doziert über die Versorgungsprobleme der Rebellen und Zivilisten. "Die meisten Leute fliehen nicht, weil sie Angst haben, sondern weil sie nichts zu Essen haben", sagt er. Al-Khalid erzählt auch von den Dörfern auf dem flachen Land, in denen die Häuser keine Keller haben und keine Höhlen Schutz bieten, wenn al-Assads Flugzeuge kommen. "Die Bomben fallen den Menschen einfach auf den Kopf", sagt al-Khalid. "Wir brauchen nur eines vom Westen: Luftabwehrgeschütze, damit wir die Menschen dort beschützen können."

Für ein paar Stunden über die Grenze

Dann dringt plötzlich ein halb unterdrückter Schmerzensschrei über den Flur des Krankenhauses, und erst jetzt fällt einem auf, wie still es hier ist trotz all der üblen Wunden und Verletzungen, der mangelhaften Ausstattung. Es ist nicht so, dass die Patienten ihre Schmerzen nicht zeigen wollen. Sie spüren sie erst gar nicht, haben ihr Schmerzempfinden verloren. Sie sind so betäubt vom Krieg, von den Kämpfen, der ständigen Gefahr, dem allgegenwärtigen Tod, dem Adrenalin und nicht zuletzt ihrer eigenen Mission, dem Sturz des Regimes, dass der simple, körperliche Schmerz nicht mehr in ihr Bewusstsein durchdringen kann. Die Körper haben sich an den ständigen Ausnahmezustand angepasst, die Nervenbahnen und das Gehirn könnten den ständigen Schmerz nicht aushalten.

Auch Wunden, die bis auf die Knochen reichen, werden hier ohne Betäubung behandelt. Die Medikamente sind knapp, und einen echten Anästhesisten gibt es sowieso nicht. "Das mangelnde Schmerzempfinden ist ein Problem", erklärt eine der Krankenschwestern, "weil die Männer dann nicht spüren, wenn sich beispielsweise eine Wunde entzündet".

Al-Khalids Arm verheilt gut. Zwei Wochen noch, schätzt er, bis er seine Hand wieder bewegen kann. Dann will er zurück, weiterkämpfen. Zu seinen zwei Brüdern. Die haben beide ein Bein verloren und sind trotzdem schon wieder Syrien.

Manchmal geht al-Khalid schon jetzt für ein paar Stunden über die Grenze nach Harim, einer kaum zwei Kilometer entfernten Kleinstadt. Er bringt den Kämpfern dann ein Paar Medikamente und etwas Essen mit. Abends kehrt er zurück zu seinem Etagenbett, über das er DIN-A4-Zettel gehängt hat mit Suren aus dem Koran. Eine handelt vom Zugang zum Paradies und den Opfern, die man dafür bringen müsse.

Was denkt er, der syrische Rebellenkommandeur im türkischen Krankenhaus-Exil, wie es nun weitergeht in seinem vom Bürgerkrieg geplagten Heimatland? Da blickt einen al-Khalid fest und ruhig an und gibt eine Antwort, die keine ist, und doch die einzige: "Nur Gott kann uns helfen. Wir können jetzt nicht mehr zurück."