SyrienVergiftet vom Krieg nebenan
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Angriffe auf Souvenirläden

Bei manchen Themen gibt es geradezu eine Symmetrie der Gerüchte: Burak, ein junger alawitischer Kurde, erzählt, wie syrische Männer mit langen Vollbärten einmal gegen seine Tasche getreten hätten, weil ihnen sein moderner, modischer Bartwuchs nicht gefiel. "Mitten in der Stadt!", ruft er. Und die andere Seite erzählt genau die gleiche Geschichte. Der Flüchtling Omar weiß zu berichten, einer seiner sunnitischen Freunde sei von türkischen Alawiten geschlagen worden, "nur, weil er einen Vollbart hatte!" Auch Omar verlässt das Haus, das er mit seiner Familie gemietet hat, so gut wie nie, weil er sich auf den Straßen unsicher fühlt.

Auch andere syrische Flüchtlinge klagen: In den Lagern bekomme man nicht einmal genug Essen und Trinken von der türkischen Regierung, geschweige denn eine vernünftige Unterkunft oder gar Waffen für den Kampf gegen Assad. Die Alawiten in Hatay wiederum wollen das Gegenteil wissen. Der türkische Staat tue alles für diese Ausländer, sagen sie. Von 400 türkischen Lira pro Flüchtling und Monat erzählen sie, von nächtlichen Waffenlieferungen für die Rebellen, von Krankenhäusern, die keine Türken mehr aufnehmen, weil sie mit Syrern belegt sind. Solche Dinge. Überprüfen lässt sich das Meiste nicht – auch, weil die Regierung fast niemanden in die Flüchtlingscamps lässt.

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Hatay ist längst ein Opfer des Krieges

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan warnt immer wieder davor, die Spaltung in religiöse oder ethnische Gruppen sei die größte Gefahr für den mittleren Osten.

Ganz im Süden seines eigenen Landes sind die Anzeichen dieser Spaltung längst zu erkennen. Im Ausflugsort Harbiye hängten Alawiten trotzig Assad-Portraits vor ihre Souvenirläden – die dann wiederum von wütenden Sunniten zerstört wurden.

Noch sind diese Zwischenfälle an einer Hand abzuzählen, noch sind es nicht mehr als Gerüchte, die der Krieg nach Hatay gebracht hat. Noch geht Burak, der junge kurdische Alawit, am Abend mit seinen Freunden auf ein großes Popkonzert. Und Omar, der fast gleichalte syrische Sunnit, zu seiner Familie am Stadtrand, um mit seiner Verlobten in Syrien zu skypen. An der Oberfläche ist noch alles in Ordnung.

"Es ist nicht die Realität, die uns zu schaffen macht, sondern das, was so erzählt wird", sagt der Menschenrechtsaktivist Mithat Can.

Darum geht es in diesen Monaten in Hatay: Was bedeutet es, wenn direkt nebenan alte Konflikte zu Gewalt eskalieren und aus einem labilen Frieden ein erbitterter Bürgerkrieg wird? Wie lange kann man sich als Nachbar dem Gift des Krieges widersetzen, wie groß ist die Ansteckungsgefahr, wie gut sind die Abwehrkräfte? "Solange es dort Probleme gibt, haben auch wir hier Probleme", sagt Can.

Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Doch Hatay, diese schöne, friedliche, lebendigen Region zwischen Mittelmeer und Gebirge ist längst ein Opfer des Krieges.

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Leserkommentare
  1. erkenne ich das die religiös motivierten Auseinandersetzungen im Nahen Osten weder durch Logig noch durch Güte zu erklären sind.

    Der Schlüssel für eine andere Sichtweise ist nur eine so gut als möglich verbreitete Bildung.

    Allerdings ist mir persönlich völlig Schnuppe wie die Leute in der Türkei denken und handeln, da uß ja alles in Ordnung sein sonst würden wir ja keine Waffensysteme dort stationieren wollen, lieber hätte ich die Mitteilung das die Bevölkerung Syriens wieder Frieden hat oder der Weg dahin irgendwie realistisch erkennbar wäre, zum Beispiel mit nachvollziehbarer Hilfe des türkischen Ministerpräsidenten.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und polemische Behauptungen. Äußern Sie sich sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/au.

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    Ihre ach so demokratischen Sunniten haben in Sivas 35 intelektuelle Aleviten im Jahre 1993 verbrannt. Dabei haben sie Allahu Ekber (allah ist "groß") geschriehen. Es ist der Ministerpräsident der Türkei der die Aleviten durch die sunnitische Mehrheit ausbuhen lässt. Es waren und sind die Sunniten, die bisher eine Demokratisierung der Türkei verhindert haben. Wie ist es zu erklären, dass Parteien wie die BBP (eine nationalistisch - islamistische Organisation) Erdogan für seine "Demokratisierungsbemühungen" unterstützt und gleichzeitig in Istanbul ein Klavierkonzert als westliche Propaganda bezeichnet und die Teilnehmer angreift (so geschehen beim Konzert von Idil Bret). Entspricht es Ihrem Demokratieverständnis wenn sunnitische Politiker die Aleviten Zwangsislamisieren und ihre Dörfer gegen deren Willen Moscheen bauen? Wenn Assad ein Alawitischer Diktator ist, dann sollten Sie verstehen, dass er der einzige mit dieser Konfesion als Diktator ist. Hier einige vermutlich aus Ihrer Sicht demokratische Machthaber die sunnitische Wurzeln haben: Gaddafi, Saddam, Saudi-Arabien, Katar, Dubai, Yemen, Ägypten, Bahrein etc. In Saudi Arabien ist lt. Radikalgazetesi das Anbringen von Chips an den Kleidern der Frauen vorgesehen, damit man(n) weiss wo sie sich befinden. Die seit Jahrhunderten unterdrücketen Aleviten als Antidemokratisch zu bezeichnen zeigt nur wie unwissend Sie in dieser Sache sind.

    • Clairy
    • 23. November 2012 16:19 Uhr

    Fern von den Bühnen der Politik, schildert der Autor mit großem Einfühlungsvermögen das Leben der einfachen Menschen die an der Grenze zum syrischen Kriegsgebiet leben.
    Wertungsfrei.
    Es zeigt sich, dass Fundamentalismus egal welcher Couleur immer den Verlust von Freiheit nach sich zieht.
    Den betroffenen Menschen ein Gesicht zu geben, Ihre Ängste und Sorgen zu personalisieren macht guter Journalismus aus.
    Habe Ihre Reportage sehr gerne gelesen und wünsche mir mehr davon!

    Eine Leserempfehlung
  3. seit Tagen dringt keine Meldung mehr durch über den Bürgerkrieg, die Bemühungen um einen Dialog, das Sterben vieler Syrer.

    Die täglichen Bombenattentate sind keine Meldung wert, genau so wenig, dass ein Teil der syrische Opposition mit syrischen Regierungsvertretern einer Anregung Russlands folgend im Iran zusammengekommen ist und sich unter dem Slogan "violance no, democracy yes" auf einen Dialog geeinigt hat.

    Auch Russland hat die Opposition nach Moskau eingeladen.

    Die Kämpfe gehen weiter, und keiner bemerkt es. Unterdessen läuft in Deutschland eine Debatte, die sich durch Verschleierung von Informationen auszeichnet: der Einsatz von Patriot- Abwehrsystemen und AWACS.

    Und offensichtlich hat keiner der Medien und der Politiker gemerkt, dass das Bundesverfassungsgericht den im Zuge des Irakkrieges vergleichbaren Einsatz von Kampfmitteln und AWACS als verfassungswidrig eingestuft hat.

    "Urteil: AWACS-Einsatzbefehl über der Türkei war verfassungswidrig"

    http://de.wikinews.org/wiki/Urteil:_AWACS-Einsatzbefehl_%C3%BCber_der_T%...

  4. Ihre ach so demokratischen Sunniten haben in Sivas 35 intelektuelle Aleviten im Jahre 1993 verbrannt. Dabei haben sie Allahu Ekber (allah ist "groß") geschriehen. Es ist der Ministerpräsident der Türkei der die Aleviten durch die sunnitische Mehrheit ausbuhen lässt. Es waren und sind die Sunniten, die bisher eine Demokratisierung der Türkei verhindert haben. Wie ist es zu erklären, dass Parteien wie die BBP (eine nationalistisch - islamistische Organisation) Erdogan für seine "Demokratisierungsbemühungen" unterstützt und gleichzeitig in Istanbul ein Klavierkonzert als westliche Propaganda bezeichnet und die Teilnehmer angreift (so geschehen beim Konzert von Idil Bret). Entspricht es Ihrem Demokratieverständnis wenn sunnitische Politiker die Aleviten Zwangsislamisieren und ihre Dörfer gegen deren Willen Moscheen bauen? Wenn Assad ein Alawitischer Diktator ist, dann sollten Sie verstehen, dass er der einzige mit dieser Konfesion als Diktator ist. Hier einige vermutlich aus Ihrer Sicht demokratische Machthaber die sunnitische Wurzeln haben: Gaddafi, Saddam, Saudi-Arabien, Katar, Dubai, Yemen, Ägypten, Bahrein etc. In Saudi Arabien ist lt. Radikalgazetesi das Anbringen von Chips an den Kleidern der Frauen vorgesehen, damit man(n) weiss wo sie sich befinden. Die seit Jahrhunderten unterdrücketen Aleviten als Antidemokratisch zu bezeichnen zeigt nur wie unwissend Sie in dieser Sache sind.

    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/au.

    • mussec
    • 23. November 2012 16:42 Uhr

    Alawiten und Aleviten sind allerdins nicht das Gleiche.
    Oder sehen die türkischen Aleviten sich auch als Schiiten wie die im Iran?

    Der Fehler bei vielen Aleviten in der Türkei ist aber auch nicht erkennen zu können, dass sie sich selbst ihrer Religion komplett unterordnen.
    Das was die Aleviten häufig machen ist ein dogmatischer Streit der Religionen.
    "Unsere Religion ist die bessere und ihr unterdrückt sie" Dass die Aleviten in der Türkei unterdrückt werden ist vermutlich Fakt. Auch wenn es natürlich überspitzt wird. Zu vergleichen mit echter Unterdrückung in anderen Ländern ist es nun einmal nicht.
    Aber Aleviten begehen eben den selben Fehler wie Sunniten.

    Sie denken in Lagern. Sie können genauso wenig dafür, Aleviten zu sein, wie die meisten Sunniten was für ihre Religion können. (Oder auch Christen etc.) Das bestimmt das Elternhaus. Und dann geht es ab wie auf dem Fußballplatz. Man verteidigt und lobt ständig nur seine Mannschaft und redet die andere schlecht und meint, die Schiris wären auf der anderen Seite.

    Wieso nichtmal Areligiösität wagen und dann argumentieren.
    Wenn man sich selbst einer Ideologie unterordnet und eine andere Ideologie kritisiert, kommt es genau zu dieser Denke aus dem Text und genau zu diesen Kriegen überall auf der Welt. Solange Menschen ihre Ideologie als absolut anerkennen, wird der Krieg niemals enden. Und die, die den Krieg beginnen, werden sich IMMER im Recht sehen.

    wird niemals die arabische Mentalität erfassen, außer er begibt sich für ein paar Jahre in ein arabisches Land und lebt nur mit den Einheimischen zusammen und lernt die Sprache. Drum wird auch nie ein Journalist nachvollziehen können, was sich in der Region abspielt. Er wird das, was er sieht, immer mit den Augen eines Menschen aus dem westlichen Kulturbereich sehen. Drum entstehen auch dauernd Mißverständnisse. Ich war in meinem Leben sehr oft in Syrien und weiß, daß Assad kein Demokrat ist, daß es viel Geheimpolizei in Damaskus gab und die Gefängnisse voll mit politischen Gefangenen waren. Von den Greueltaten des Vaters ganz zu schweigen. Aber Junior hat sein Land in den letzten 30 Jahren in die Moderne geführt. Und ich fürchte, daß das, was an Opposition jetzt nachkommt, schlimmer wird, als das, was war. Aber der Westen begreift das nicht.
    In einem hat der Schreiber des Artikels aber Recht. Antakya ist eine Idylle. Ich habe früher Autos von Deutschl. nach Libanon gefahren. Oft waren es Unfallwagen, die ich dann in einer der vielen Garagen im Norden Antakyas reparieren lies. So mußte ich immer mal eine Woche warten, bis der Wagen fertig war und ich konnte mir immer diese wundervolle Stadt anschauen und habe mich in sie verliebt. Jetzt bricht es mir das Herz, wenn ich das lese. Edirne und Antakya sind für mich die zwei schönsten Städte in der Türkei.

    • scoty
    • 23. November 2012 16:33 Uhr

    die Krankenhäuser hätten Sie doch zumindestens überprüfen können.

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/au.

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    Zitat aus obigen Bericht:
    ... Im Ausflugsort Harbiye hängten Alawiten trotzig Assad-Portraits vor ihre Souvenirläden ...

    Normalerweise hängt in türkischen Geschäften ein Bild von Atatürk - Dem Gründer der Republik Türkei der mit dem nach ihm benannten Kemalismus die Türkei in die Moderne und in die Ausrichtung nach dem Westen geführt hat.

    Wenn nun türkische Alawiten statt dessen Bilder des syrischen Diktators Assad in Ihre Auslagen hängen, ist doch klar, welches politische System Sie bejubeln, die der syrischen Diktatur - Und nicht der türkischen Demokratie.

    Ergo: Die im Bericht beschriebenen Alawiten huldigen Assad und seiner Dikatur und widersprechen damit grundlegend dem Werten des Kemalismus.

    Folglich stehen diese Alawiten diametral der Mehrheit der Türken gegenüber, die sich Atatürk als Vorbild genommen haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Krieg | Syrien | Flüchtling | Minarett | Region | Türkei
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