SyrienVergiftet vom Krieg nebenan

Das türkische Hatay liegt direkt an der syrischen Grenze. Mehr als unter Granaten und Flüchtlingen leidet man hier unter Gerüchten und Vorurteilen. von 

Ein verwundeter Syrer im Flüchtlingslager Yayladagi an der türkisch-syrischen Grenze

Ein verwundeter Syrer im Flüchtlingslager Yayladagi an der türkisch-syrischen Grenze  |  © Umit Bektas/Reuters

Selten, am Tag vielleicht fünf Mal, ist der Krieg ein lautes Heulen in Antakya. Ein grelles blaues Licht, das durch die engen orientalischen Gassen der türkischen Stadt rast. Notarztwagen mit Opfern der Kämpfe, unterwegs von der syrischen Grenze dort oben in den Bergen in eines der längst überlasteten Krankenhäuser hier unten im Tal. Die Menschen springen dann zur Seite und schauen auf von ihren Teegläsern und Markständen, unterbrechen die Gespräche kurz. Nach wenigen Sekunden ist es vorbei. Dann ist der Krieg wieder ein untergründiges Rauschen und Flüstern in der Stadt.

Keine 20 Kilometer ist Antakya, die Hauptstadt der Provinz Hatay im südlichsten Zipfel der Türkei zwischen Mittelmeer und Syrien , von der Grenze entfernt. Direkt auf der anderen Seite liegt eine der am härtesten umkämpften Regionen im syrischen Bürgerkrieg. Manchmal fliegen Granaten herüber, mehr als 60.000 Flüchtlinge haben hier Zuflucht gesucht. Längst hat die türkische Regierung große Teile ihres Militärs an die Grenze verlegt.

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Doch man kann eine Woche in dieser Region verbringen, ohne ein einziges Militärfahrzeug, geschweige denn einen Panzer, zu sehen. Das Leben hier ist kein ständiger Ausnahmezustand. Der Unterricht an Schulen und Universitäten geht weiter, die Geschäfte, Märkte, Cafés und Straßen sind so voll wie immer. Es ist nicht gefährlich hier; ein Krisengebiet ist es trotzdem.

"Syrien das demokratischste arabische Land"

In Hatay leben verschiedene ethnische und religiöse Gruppen eng zusammen. Die beiden größten: sunnitische Muslime und alawitische Muslime, teilweise mit türkischen, teilweise mit arabischen Wurzeln; dazu kommen Armenier, Juden, Christen. Der Apostel Paulus hat von hier aus das Christentum in die Welt getragen, seine Höhlenkriche thront am Hang über den Minaretten der Stadt. Die Bewohner hier halten sich viel auf ihr Miteinander zugute: "Wir sind eine Region des Friedens", sagen sie.

Straßenszene in Antakya: In der Provinzhaupt geht das Leben vom Krieg unbeeindruckt weiter – zumindest auf den ersten Blick.

Straßenszene in Antakya: In der Provinzhaupt geht das Leben vom Krieg unbeeindruckt weiter – zumindest auf den ersten Blick.  |  © AFP/Getty Images

Aber sie selbst sind es, die jetzt dazu beitragen, dieses fragile, über Jahrzehnte ausbalancierte Miteinander zu gefährden.

In einem Vorort von Antakya dreht sich Hakan in einem imposanten Bürostuhl im Hinterzimmer seines Computergeschäfts und sagt: "Das sind alles Terroristen, das sind Mörder, das ist die Al-Kaida!" Er meint die syrischen Rebellen, die Gegner des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Der ist Alawit wie Hakan, dessen Großvater einst aus Syrien kam, deshalb fühlt er sich mit ihm verbunden. "Syrien ist das demokratischste arabische Land überhaupt", sagt er, die Berichte über Gräueltaten des Regimes wischt er mit einer unwirschen Handbewegung weg, er glaubt kein Wort davon. "Es sind die anderen, die den Menschen die Köpfe abschneiden."

Leserkommentare
  1. Hasan Turkmani - Verteidigungsminister - Sunnit
    http://en.wikipedia.org/wiki/Hasan_Turkmani
    Dawoud Rajiha - Verteidigungsminister - Christ
    http://en.wikipedia.org/wiki/Dawoud_Rajiha
    Farouk al-Sharaa - Außenminister - Sunnit
    http://en.wikipedia.org/wiki/Farouk_al-Sharaa
    Abdul Halim Khaddam - Außenminister - Sunnit
    http://en.wikipedia.org/wiki/Abdul-Halim_Khaddam
    Najah al-Attar - Landwirtschafts Minister - Sunnit (1976 - 2000)
    http://en.wikipedia.org/wiki/Najah_al-Attar

    Es wäre schön, wenn der ein oder andere Kommentator sich mit der Materie beschäftigen würde, bevor die Behauptung aufgestellt wird, dass die Sunniten "unterdrückt" werden oder wurden. Jahrzehntelang haben sich Sunniten, Christen und Alawiten die höchsten Positionen in der Regierung geteilt. Diejenigen, die nun nach Bestechungsgeldern "geflohen" haben Jahrzehntelang wie die Made im Speck gelebt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-europa-bezahlt-assad-vertra...

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  • Schlagworte Krieg | Syrien | Flüchtling | Minarett | Region | Türkei
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