Diese Sicht der Dinge ist nicht abwegig. Die Hohen Gerichte Ägyptens, in denen immer noch viele Mubarak-Anhänger sitzen, haben in entscheidenden Prozessen gegen die Muslimbrüder votiert. Sie haben schon das Parlament unter absolut fadenscheinigen Gründen aufgelöst. Bei Unregelmäßigkeiten in einigen Wahlkreisen hätte man dort einfach nachwählen müssen. Die Parlamentsauflösung aber war ein Akt juristischer Willkür. Jetzt streiken die Richter . Den Kampf einer Justiz des alten Regimes gegen vom Volk gewählte konservative Regierungen kennt man auch aus anderen Ländern, etwa der Türkei .

Doch dieser Weg richtet sich meistens gegen die alten Eliten. Die Juristen haben das Gegenteil erreicht: Mit der Auflösung des Parlamentes im Sommer schafften sie erst die vollkommene Macht des Präsidenten, der kein Gegengewicht mehr hatte. Die drohende Auflösung der verfassunggebenden Versammlung beantworteten die Muslimbrüder nun mit der beschleunigten Verabschiedung des Grundgesetzes. Die Richter berauben so die Linken und Liberalen ihres Einflusses.

Die große Frage ist nun, ob die Muslimbrüder und Präsident Mursi die Klugheit besitzen, die Macht zu teilen. Mit vollendeten Tatsachen und Alleingängen werden sie niemanden im Oppositionslager überzeugen. Die Proteste werden weitergehen, Gewalt ist bereits an der Tagesordnung. Das Land steht vor der Spaltung. Das von den Muslimbrüdern gern beschworene Mehrheitsprinzip ist nur eine der Grundlagen der Demokratie. Erst mit Proporz- und Minderheitenrechten gibt es inneren Frieden.