In Kairo haben Zehntausende Demonstranten erneut ihrem Unmut über die selbst erfolgte Machtausweitung des Präsidenten Mohammed Mursi Luft gemacht. Die Menschen sammelten sich am zentralen Tahrir-Platz in der Hauptstadt, wo die Demokratiebewegung im Land ihren Ursprung genommen hatte. 

"Das Volk will den Sturz des Regimes", skandierten die Teilnehmer. Damit griffen sie den Kampfslogan der Revolte gegen den früheren Staatschef Hosni Mubarak wieder auf, der im Februar 2011 gestürzt worden war. Vielstimmig riefen sie dem von der Muslimbruderschaft nominierten Mursi ein "Verschwinde" entgegen. Auf Transparenten hieß es "Die Muslimbruderschaft hat die Revolution gestohlen".

Zu den Demonstrationen hatten liberale, linke und sozialistische Gruppen aufgerufen. Auch viele ägyptische Christen gingen auf die Straße.

Zuvor waren Demonstranten und Polizei aneinandergeraten. Eine Gruppe aus überwiegend Jugendlichen habe in der Nähe des Tahrir-Platzes und der US-Botschaft Angehörige der Ordnungspolizei mit Steinen angegriffen, berichtete das Nachrichtenportal Al-Shorouk. Die Polizei schleuderte daraufhin Tränengas auf die Demonstranten. Ein 52-jähriger Mann starb, nachdem er das Gas eingeatmet hatte. Schon am Sonntag war ein Mitglied der Mursi-treuen Muslimbruderschaft ums Leben gekommen.

Viele Richter erschienen aus Protest gegen die Entmachtung der Justiz am Dienstag den dritten Tag nicht zur Arbeit. Auch viele Anwälte und Journalisten schlossen sich dem Protest in Kairo an. Wegen der Unruhen sagten mehrere Reiseveranstalter Ausflüge in die ägyptische Hauptstadt ab. Auch in anderen Städten wie Alexandria , Al-Arisch, Bani Sueif und Suez gab es Demonstrationen.

Eine erste direkte Machtprobe zwischen beiden großen Lagern blieb aber aus. Die Muslimbruderschaft und andere streng religiös ausgerichteten Gruppen sagten Demonstrationen zur Unterstützung Mursis für Dienstag ab, um Krawall zu verhindern.

Auslöser der Proteste ist ein Dekret Mursis , in dem dieser unter anderem sich selbst Immunität verliehen, den Einfluss der Justiz beschnitten und seine Befugnisse deutlich ausgeweitet hat. Nach ersten Protesten hatte ein Sprecher Mursis abschwächend gesagt, die Immunität beziehe sich nur auf Fragen der Souveränität des Präsidentenamtes. Ein Gespräch des Präsidenten mit Vertretern der Richter war allerdings ohne wirkliche Annäherung zu Ende gegangen.

Furcht vor Rückkehr der Diktatur

Hintergrund des Streits ist die neue Verfassung Ägyptens, die von einer verfassungsgebenden Versammlung ausgearbeitet werden soll. Dort dominieren allerdings die Islamisten, weshalb weltlich ausgerichtete Ägypter fürchten, dass ein islamistischer Staat entstehen könnte. Mursis Machterweiterung sehen sie dafür als ersten Beleg.

Die ägyptische Polizei nahm während der seit einer Woche dauernden Proteste in Kairo nach eigenen Angaben 348 Menschen fest. 109 von ihnen kamen in Untersuchungshaft. Unter den Polizisten gab es demnach seit Montag vergangener Woche mehr als 200 Verletzte. Auch Fahrzeuge der Polizei nahmen Schaden.