USA-Bild : Das Amerika Obamas wollen wir lieben

Unbewusst besetzen die Deutschen Obama weiter mit der Magie, die er 2008 entfachte. In der Wahlnacht atmeten sie kollektiv auf: Wir dürfen ihn behalten.
Gäste bei der Wahlparty am 6. November in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Es stimmt, der Kulteffekt ist abgeklungen. Als Barack Obama, damals zum ersten Mal Präsidentschaftskandidat , an der Berliner Siegessäule zu einem Publikum vor Hunderttausenden sprach, schien nicht nur Deutschland, sondern halb Europa ein besonderes Groupie-Feeling erfasst zu haben. Oh, Offenbarung Obama ! Es fehlte nicht viel im Sommer 2008, und Fans wären wie beim Popkonzert in Ohnmacht gefallen.

Im Amt mutierte Obama zum pragmatischen Politiker mit Grenzen und Widersachern, weder außerirdischer Superman noch gloriose Kombination aus Mahatma Gandhi , Albert Einstein und Martin Luther King. Dass der erste nicht-weiße Präsident Amerikas während der vier anstrengenden Jahre seiner Administration dennoch viel bewegte, wurde unter "immerhin" abgelegt.

Europa, schien es, hätte lieber einen US-Präsidenten gesehen, der alle halbe Jahr eine "I-have-a-dream"-Rede hält, als einen, der sich mit störrischen Republikanern über Medicare streitet und der nicht einmal der Waffenlobby im Land ihre Fetische abspenstig machen kann.

Allerdings blieb unter der Oberfläche der Gewöhnung an Obama auf unserer Seite des Atlantiks die Verheißung, mit der wir ihn besetzt hatten, latent weiter am Werk. Spätestens als im Wahlkampf republikanische Gegenkandidaten auftraten, wurde es beunruhigend. Von einem wie Romney wollte man sich Obama nun auch nicht nehmen lassen. Bis zum 6. November setzte ein Bangen und Zittern ein, als könnte nach Obama nur die Nacht kommen, Desaster, neue Kriege, Sektiererei. Der komische Aspekt einer Umfrage unter Deutschen, ob sie Obama wählen würden – 91 Prozent bejahten das – glimmt erst auf, wenn man sich vorstellt, von Los Angeles bis Philadelphia würde eine Erhebung die Wählergunst für Angela Merkel sondieren. Spürbar war in der Wahlnacht das kollektive Aufatmen: Wir dürfen ihn behalten!

Europa will Amerika lieben

Wir wollen Amerika lieben. Die Europäer, die Deutschen zumal, wollen, das ist der eindeutige Befund dieser affektiv hoch aufgeladenen Dynamik, dieses aktuelle Amerika positiv besetzen können, dürfen. Verblüffend, da auch hierzulande eine der größten Schnittmengen aus Ressentiments – bei Rechten wie Linken sowie im Mainstream – noch immer eine gehörige Portion Amerikafeindlichkeit ist, auf die sich Zeitgenossen bequem (und ohne Scheu, wie etwa beim Antisemitismus) einigen können. Je nach politischer Couleur gilt Amerika in diesem Diskurs als arrogant, naiv, unkultiviert, rücksichtslos, imperialistisch. Oft genug haben Soziologen oder Zeithistoriker als Genese dieses spezifischen Ressentiments ein Gebräu aus Neid und Minderwertigkeitsempfinden ausgemacht.

Angesichts von Barack Obama scheint all das wie von Zauberhand fortzufallen. Diesen Amerikaner wollen wir. 91 Prozent Zustimmung, also Zustimmung quer durch Milieus, Alterskohorten und ideologische Orientierungen, offenbaren unsere massive Sehnsucht nach einem anderen Amerikabild. Gewünscht wird, mit Obama, offenbar ein Amerika, das seine Rolle als Führungsmacht und Schutzgarant der demokratischen Welt vorbildhaft ausfüllt, das nicht Neider, sondern Freunde und Nachahmer auf den Plan ruft. Dieses Amerika zu imaginieren, fällt leichter angesichts eines Politikers, der sichtbar nicht zur traditionellen US-Elite zählt, die Deutschland vor zwei, drei Generationen besiegt, besetzt und umgebaut hat. Schwarze Leibeigene, darauf wies eine Kommentatorin zur Wahl hin, haben das Weiße Haus für diese Elite gebaut. Jetzt wird es bewohnt von einer schwarzen Familie, die Repräsentation amerikanischer Macht scheint umgekehrt – "wir" können uns identifizieren mit denen, die vermeintlich von außen ins Herz der Macht vorgedrungen sind. Doch das ist nur ein Aspekt der Sehnsucht.

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Weniger dramatisch,

es ist eher die Freude über das kleinere Übel und darüber, daß die USA in den nächsten vier Jahren nicht von einem wissenschaftsfeindlichen religiösen Fanatiker angeführt wird.

Dennoch läßt das nicht den weiteren Abbau an Bürgerrechten unter Obama vergessen, oder die weitergeführte Folter in Guantanamo, die vom Friedensnobelpreisträger weitergeführt wurde.

Aber Demokratie heißt ja heute - wie Trey Parker es mal so schön formuliert hat - nur die Wahl zwischen "a giant douche and a turd-sandwich".

Ein bisschen mehr politischen Sachverstand...

...würde ich mir von ihnen wünschen. Den Fortbestand von Guantanamo und das Misslingen der Rücknahme von Bush-Gesetzen ist nicht damit zu begründen, dass Obama es nicht ändern will, sondern damit, dass er die nötige Mehrheit im Repräsentantenhaus nicht hat.
Er kann ohne Zustimmung einiger Republikaner Gesetze nicht so einfach durchbringen, das sehen wir auch heute noch, bei der Haushaltsdebatte für das nächste Jahr.

Aber man kann ja alles auf den Präsidenten schieben, obwohl die meisten nicht wissen, dass er weniger Macht hat, als man denken könnte, nicht zuletzt auch dadurch, dass die Bundesstaaten vieles selbst entscheiden können.

Vor Hochmut triefend

"Dieses Land", erklärte er, "ist wohlhabender als jede andere Nation, aber es ist nicht das, was uns reich macht. Wir verfügten über die mächtigsten Streitkräfte der Geschichte, aber nicht das macht uns stark. Unsere Universitäten, unsere Kultur wecken den Neid der ganzen Welt, aber das ist es nicht, weshalb alle Welt an unsere Küsten drängt." Nein: "Was Amerika so außergewöhnlich macht, sind die Bande, die die vielfältigste Nation auf Erden zusammenhalten."

Und eben aufgrund jenen Mangels an Demut empfinde ich keine besondere Sympathie für die USA. Sie interessieren mich einfach nicht und sollten uns nicht als Vorbild dienen.

Unsinn

Die Deutschen haben Obama sicherlich nicht mit Magie benetzt, sie haben (im Gegensatz zu einem guten Tei der Amerikaner) lediglich erkannt, was für Luftschlösser Romney verspricht und was für Kriege er entfachen wird. Kein geistig gesunder Mensch auf der ganzen Welt kann sich Krieg wünschen - egal gegen wen oder warum. Krieg darf keine Option sein, die man zieht, sondern eine, in die man ungewollt hineingerissen wird. Für kein Volk auf der ganzen Welt ist Krieg aber eine so offensichtliche Option wie für die Vereinigten Staaten von Amerika.
Und bevor jetzt die Redaktion verlangt, ich solle das doch bitte mit Quellen belegen: Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak, demnächst Syrien und Iran. Kein Land war öfter in Krieg verwickelt als die USA. Im Übrigen nicht mal die Sowjetunion.

Eher ein Aufatmen darüber

dass sich am Ende vielleicht doch wieder die Vernunft in Amerika durchsetzt. Kaum zu glauben - aber die Daten haben doch 'Recht behalten'.

Und plötzlich wird auf konservativen Blogs drüber sinniert, wie es wohl passieren konnte, dass man das nicht kommen sah. Immerhin stellt man sich mal die Frage, bei der Analyse fällt man aber noch auf den Bauch - es war der Hurricane, der Kandidat war nicht konservativ genug etc. pp. - bloß dass man belogen werden wollte, das haben sie noch nicht auf der Rechnung. Deswegen merkt man auch nicht die Ironie, wenn sie sich über das komplett fehlgeschlagene ORCA-Programm zur Wählermobilisierung aufregen ("...a consultant con job"), dass dahinter halt die Ideologie der persönlichen Bereicherung steckt, die man so anbetet.

Kurz: Die Konservativen sind ihrer eigenen Ideologie der Realitätsverleugnung und Bereicherung ins Messer gelaufen - und das Problem ist 'plötzlich' für alle zu sehen. Und vielleicht lässt sich das Rad an der konservativen Propagandafront ja doch wieder zurückdrehen.

Wie gesagt. Vielleicht steckt auch das hinter der Erleichterung über den Wahlausgang.