USA-Bild : Das Amerika Obamas wollen wir lieben
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Die Vereinigten Staaten sind eine postnationale Nation

Verstörend und provozierend wirkt auf Europa, wie auf weite Teile der übrigen Welt, gerade diese Option der Überwindung tradierter Parameter von Klasse, Rasse und Nation. Im Kern fußt das antiamerikanische Ressentiment weitaus weniger auf Amerikas angenommener Macht oder vermeintlicher Hybris als vielmehr auf Amerikas tatsächlicher Hybridität, es fußt auf der paradoxen Tatsache, dass die Vereinigten Staaten eine postnationale Nation darstellen. In seiner Rede unmittelbar nach dem Wahlsieg hob Barack Obama genau diese Hybridität als Hauptmerkmal Amerikas hervor. "Dieses Land", erklärte er, "ist wohlhabender als jede andere Nation, aber es ist nicht das, was uns reich macht. Wir verfügten über die mächtigsten Streitkräfte der Geschichte, aber nicht das macht uns stark. Unsere Universitäten, unsere Kultur wecken den Neid der ganzen Welt, aber das ist es nicht, weshalb alle Welt an unsere Küsten drängt." Nein: "Was Amerika so außergewöhnlich macht, sind die Bande, die die vielfältigste Nation auf Erden zusammenhalten."

Darauf kommt es an. Denn dass sich Staat machen lässt ohne jenes im 19. Jahrhundert entstandene Fantasma eines biologistisch begründeten Nationalismus, das leben die USA vor. In einem Essay über das "transnationale Amerika" hatte der Autor Randolph Bourne schon 1916 von den Vereinigten Staaten als einer "Föderation der Kulturen" gesprochen, die nicht allein von Angelsachsen, sondern von sämtlichen Immigrantengruppen bestimmt und mitgeprägt werde.

Abschied von der klassischen Nation

Eine derart heterogene Bevölkerung, zusammengewandert aus allen Kontinenten und Konfessionen, bedeutet permanente Provokation für jede traditionelle Vorstellung von "Kultur" und "Nation". Wenngleich schon Bourne das Konzept des "melting pot", des Schmelztiegels, aussprach, und auch inzwischen oft lieber die "salad bowl", die "Salatschüssel", beschworen wird, wenn es um das normative, gesellschaftliche Paradigma der USA geht – die zentrale Sache bleibt dieselbe. Ob Tiegel oder Schüssel, gemeint ist ein transnationaler Rahmen, der dem Staat seine Fassung und Verfassung verleiht. Gemeint ist der Abschied von der klassischen Nation.

Nicht nur das Europa, aus dessen Zwängen, Gewalt und Einhegungen unsere couragiertesten Vorfahren ausgebrochen und aufgebrochen sind in jenes Amerika, sieht sich heute mit der Provokation konfrontiert, die von der "globalen Salatschüssel" ausgeht. Weltweit wird ausgewandert und eingewandert, aus tausenderlei Gründen. Wachsende Demokratisierung und Freizügigkeit, also die freie Wahl des Aufenthaltsortes, lassen das Konstrukt der biologistisch determinierten Nation so obsolet werden, wie es das in Amerika längst anerkanntermaßen ist.

Mit Barack Hussein Obama, mehr wohl als mit jedem Vorgänger, wird das wegweisende Gesellschaftsmodell der Vereinigten Staaten für den Rest der Welt akzeptabler, es gewinnt an Flair, Vorstellbarkeit und Attraktivität. Die Eltern des Politikers kamen aus dem US-Bundesstaat Kansas und aus Kenia , aufgewachsen ist er unter anderem in Hawaii und Indonesien , er war in Chicago Sozialarbeiter und wurde in Harvard Jurist, hält brillante Reden, wirkt diszipliniert und elegant. Er ist cool. Einer wie Obama verkörpert das Gelingen des hybriden Modells einer postnationalen Gesellschaft. Genau darum, so scheint es, ist die Sehnsucht so groß, Obamas Amerika zu lieben. Weil der Rest der Welt, trotz oder wegen der tribalistischen und sezessionistischen Rückschläge, ahnt oder weiß, dass er ein solches Modell einmal in die Arme schließen werden muss. Weil daran, vermutlich zuallererst in Europa, über kurz oder lang weltweit kein politischer Weg mehr vorbeiführt.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Weniger dramatisch,

es ist eher die Freude über das kleinere Übel und darüber, daß die USA in den nächsten vier Jahren nicht von einem wissenschaftsfeindlichen religiösen Fanatiker angeführt wird.

Dennoch läßt das nicht den weiteren Abbau an Bürgerrechten unter Obama vergessen, oder die weitergeführte Folter in Guantanamo, die vom Friedensnobelpreisträger weitergeführt wurde.

Aber Demokratie heißt ja heute - wie Trey Parker es mal so schön formuliert hat - nur die Wahl zwischen "a giant douche and a turd-sandwich".

Ein bisschen mehr politischen Sachverstand...

...würde ich mir von ihnen wünschen. Den Fortbestand von Guantanamo und das Misslingen der Rücknahme von Bush-Gesetzen ist nicht damit zu begründen, dass Obama es nicht ändern will, sondern damit, dass er die nötige Mehrheit im Repräsentantenhaus nicht hat.
Er kann ohne Zustimmung einiger Republikaner Gesetze nicht so einfach durchbringen, das sehen wir auch heute noch, bei der Haushaltsdebatte für das nächste Jahr.

Aber man kann ja alles auf den Präsidenten schieben, obwohl die meisten nicht wissen, dass er weniger Macht hat, als man denken könnte, nicht zuletzt auch dadurch, dass die Bundesstaaten vieles selbst entscheiden können.

Vor Hochmut triefend

"Dieses Land", erklärte er, "ist wohlhabender als jede andere Nation, aber es ist nicht das, was uns reich macht. Wir verfügten über die mächtigsten Streitkräfte der Geschichte, aber nicht das macht uns stark. Unsere Universitäten, unsere Kultur wecken den Neid der ganzen Welt, aber das ist es nicht, weshalb alle Welt an unsere Küsten drängt." Nein: "Was Amerika so außergewöhnlich macht, sind die Bande, die die vielfältigste Nation auf Erden zusammenhalten."

Und eben aufgrund jenen Mangels an Demut empfinde ich keine besondere Sympathie für die USA. Sie interessieren mich einfach nicht und sollten uns nicht als Vorbild dienen.

Unsinn

Die Deutschen haben Obama sicherlich nicht mit Magie benetzt, sie haben (im Gegensatz zu einem guten Tei der Amerikaner) lediglich erkannt, was für Luftschlösser Romney verspricht und was für Kriege er entfachen wird. Kein geistig gesunder Mensch auf der ganzen Welt kann sich Krieg wünschen - egal gegen wen oder warum. Krieg darf keine Option sein, die man zieht, sondern eine, in die man ungewollt hineingerissen wird. Für kein Volk auf der ganzen Welt ist Krieg aber eine so offensichtliche Option wie für die Vereinigten Staaten von Amerika.
Und bevor jetzt die Redaktion verlangt, ich solle das doch bitte mit Quellen belegen: Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak, demnächst Syrien und Iran. Kein Land war öfter in Krieg verwickelt als die USA. Im Übrigen nicht mal die Sowjetunion.

Eher ein Aufatmen darüber

dass sich am Ende vielleicht doch wieder die Vernunft in Amerika durchsetzt. Kaum zu glauben - aber die Daten haben doch 'Recht behalten'.

Und plötzlich wird auf konservativen Blogs drüber sinniert, wie es wohl passieren konnte, dass man das nicht kommen sah. Immerhin stellt man sich mal die Frage, bei der Analyse fällt man aber noch auf den Bauch - es war der Hurricane, der Kandidat war nicht konservativ genug etc. pp. - bloß dass man belogen werden wollte, das haben sie noch nicht auf der Rechnung. Deswegen merkt man auch nicht die Ironie, wenn sie sich über das komplett fehlgeschlagene ORCA-Programm zur Wählermobilisierung aufregen ("...a consultant con job"), dass dahinter halt die Ideologie der persönlichen Bereicherung steckt, die man so anbetet.

Kurz: Die Konservativen sind ihrer eigenen Ideologie der Realitätsverleugnung und Bereicherung ins Messer gelaufen - und das Problem ist 'plötzlich' für alle zu sehen. Und vielleicht lässt sich das Rad an der konservativen Propagandafront ja doch wieder zurückdrehen.

Wie gesagt. Vielleicht steckt auch das hinter der Erleichterung über den Wahlausgang.