Es war gerade seine unkonventionelle und unerschrockene Art als Hauptsekretär im Innenministerium , die Boiko Borissow zur populärsten Person des öffentlichen Lebens in Bulgarien machte. Sie eröffnete ihm eine sagenhafte politische Karriere, machte ihn 2005 zum Bürgermeister Sofias und vier Jahre später zum Regierungschef des Balkanlandes. Heute wäre er sicherlich Staatspräsident, hätte er sich im Oktober 2011 zur Wahl gestellt. Nun aber haben ihn die Schattenseiten seiner Vergangenheit als Bulgariens oberster Verbrechensbekämpfer eingeholt; am 6. November 2012 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg (EGMR) Bulgarien verurteilt, weil Borissow im Dezember 2003 mit Kanonen auf Spatzen schoss.

Operation Handschellen lautete der Codename der konzertierten Polizeiaktion, die binnen drei Tagen alle rechtskräftig verurteilten, aber frei herumlaufenden Straftäter hinter Gitter bringen sollte. Auch der 48-jährige Kleinkriminelle Todor Dimow Todorow alias Tschakera gehörte dazu. Er war wegen Diebstahls und Förderung der Prostitution zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, hatte sich am 10. Dezember aber seiner Festnahme entzogen.

Todorow verbarrikadierte sich in seinem Haus im südostbulgarischen Harmanli und feuerte mit einer Kalaschnikow nach draußen. Es begann eine 20-stündige Belagerung, in deren Verlauf mehr als 100 Polizeibeamte eingesetzt wurden, darunter fünf Scharfschützen und 30 Spezialbeamte einer Anti-Terroreinheit.

"Tut nichts, bevor General Borissow vor Ort ist", wies Innenminister Georgi Petkanow die mit ihren Bemühungen erfolglosen Polizisten an. Als Borissow eintraf, befahl er, das Haus mit Granatwerfern zu beschießen, um die Hauswand zu durchlöchern. Als die Polizeibeamten am Morgen des 11. Dezember schließlich in das halb abgebrannte Haus eindrangen, fanden sie Todorows Körper zerfetzt und leblos vor.

Anwalt fordert neue Ermittlungen

Er habe sich durch eine Handgranate selbst getötet, stellte eine gerichtsmedizinische Untersuchung fest. Er wurde durch den Granatenbeschuss getötet, glauben seine Angehörigen. Der von "General B. B." geführte Polizeieinsatz sei unangemessen gewesen und habe Todorows Menschenrecht auf Leben verletzt, hat der Straßburger Gerichtshof entschieden und den bulgarischen Staat zur Zahlung einer Entschädigung von 50.000 Euro an die Hinterbliebenen verurteilt.

"Meiner Ansicht nach haben wir absolut richtig gehandelt, und wenn sich wieder so eine Situation ergibt, werden wir wieder so handeln. Wenn es einen Schuldigen gibt, dann bin ich das", hatte Borissow unmittelbar nach dem fatalen Polizeieinsatz selbstbewusst gesagt. Nein, er fühle sich für Todorows Tod nicht verantwortlich, erstens habe sich dieser selbst umgebracht, und zweitens habe er auf Polizisten geschossen, kommentierte nun ein sichtlich genervter Ministerpräsident Borissow das Urteil.

Der Anwalt Michail Ekimtschiew fordert: "Wenn es in Bulgarien eine Staatsanwaltschaft gibt, muss sie die Ermittlungen zu dem Fall unverzüglich wieder aufnehmen und dabei vor allem das Handeln des damaligen Hauptsekretärs Borissow untersuchen." Ekimtschiew hat Todorows Witwe vor Gericht vertreten, ist Vorsitzender der Assoziation europäischer Integration und Menschenrechte – er ist zudem der Anwalt, der in Straßburg die meisten Prozesse gegen den bulgarischen Staat gewonnen hat.