China : Peking macht Reisepässe zur politischen Waffe

Chinas neuer Reisepass birgt eine brisante Landkarte: Sie verzeichnet umstrittene Territorien als chinesisch. Pekings Nachbarn sind verstört.
Auf der Landkarte in den chinesischen Reisepässen sind zahlreiche umstrittene Gebiete der Volksrepublik zugeschlagen worden. © Darley Shen/Reuters

Die Woche begann für die Sprecherin des US-Außenministeriums mit einer ungewöhnlichen Frage: "Wenn Mexiko einen neuen Reisepass herausgeben würde mit einer Karte seiner Landesgrenzen, in denen auch Texas und New Mexico verzeichnet wären – wäre das kein Problem?", fragte ein Journalist. Im allgemeinen Gelächter antwortete Victoria Nuland: "Das ist eine hypothetische Frage, mit der wir hoffentlich nicht konfrontiert werden." Für Indien , Vietnam , Taiwan und die Philippinen ist diese Frage allerdings ganz real. Und gar nicht lustig.

China hat einen neuen elektronisch lesbaren Reisepass herausgegeben, dessen Seite acht mindestens vier Länder stark verärgert hat. Auf jener Seite befindet sich eine Landkarte, auf der zahlreiche umstrittene Gebiete der Volksrepublik China zugeschlagen worden sind. Die von Indien verwaltete Region Arunachal Pradesh und die von Indien beanspruchte Region Aksai Chin gehören auf dieser Karte ebenso zu China wie mehr als 90 Prozent des südchinesischen Meeres.

Teile davon werden allerdings auch von Vietnam, Malaysia, Brunei , den Philippinen und Taiwan beansprucht. Nur die Diaoyu-Inseln im ostchinesischen Meer, um die sich China im September mit Japan und Taiwan stritt , sind in dem neuen Dokument nicht verzeichnet. Sie sind offenbar zu klein. Der neue Ausweis wird seit Mitte Mai ausgeliefert, die Landkarte fiel aber erst in den letzten Wochen auf.

Indien druckt jetzt Karten in chinesische Pässe

Die Philippinen weigern sich seit Mittwoch, diesen Pass abzustempeln. Visa für einreisende chinesische Staatsbürger werden nun auf einem gesonderten Formular ausgegeben. Vietnam handhabt das ebenso. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtete, erklärte das Außenministerium der Philippinen, dass das Abstempeln des neuen chinesischen Passes als "Legalisierung" der Ansprüche angesehen werden könnte. Ähnliche Bedenken hatten auch Vietnam und Indien geäußert. Indiens Botschaft in Peking prägt nun chinesischen Reisenden die Umrisse der indischen Landkarte in den Pass – inklusive der beiden umstrittenen Gebiete.

"Ich weiß nicht, warum China beschlossen hat, das zu tun", sagte Niu Jun, Professor für Internationale Beziehungen an der Peking-Universität dem Christian Science Monitor , "das löst keinen Disput mit unseren Nachbarn und wir müssen mit einer Reaktion der anderen Länder rechnen." Die Landkarten sind offenbar ein weiterer von vielen kleineren und größeren Schritten, mit denen China gegenwärtig seine Territorialansprüche unterstreicht . Dazu zählt auch die Wettervorhersage für die umstrittenen Inselgruppen im südchinesischen Meer.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Beliebige Karten in Reisepässe drucken

steht auf meiner Bedrohungsskala irgendwie weit unter Dingen wie Napalmbomben auf Bauern, oder kolonialistisches dahinraffen 6-7 Stelliger Menschenmassen...es erscheint mir unbegreiflich, wie man sich in Vietnam oder auf den Philippinen ruhigen Gewissens bei soetwas auf die USA bauen will...

"gerade diese zwei Staaten sollten das eigentlich wissen"

es erscheint mir unbegreiflich, wie man sich in Vietnam oder auf den Philippinen ruhigen Gewissens bei soetwas auf die USA bauen will...

Das mag ja für einen Deutschen nicht nachvollziehbar sein - aber sie müssen nur einige Polen oder erst recht einige Russen fragen, wie wichtig denen ihre Souveränität ist. Bis nach Vietnam müssen Sie dafür gar nicht reisen, Shi Kewei.

Außerdem, und bei aller Verachtung für die amerikanische Kriegsführung in Vietnam: die letzten uneingeladenen Truppen dort waren Chinesen. Deng Xiaoping hatte Jimmy Carter in Washington erklärt, warum die Vietnamesen "eine Lektion" bräuchten.

Das erzählte er ausgerechnet den Amerikanern! Deng Xiaoping hätte das doch eigentlich wissen sollen! (Oder so ähnlich.)

Ich habe auch mit keinem Ton verlauten lassen

man solle sich an China ausrichten!?
Hier: "es erscheint mir unbegreiflich, wie man sich in Vietnam oder auf den Philippinen ruhigen Gewissens bei soetwas auf die USA bauen will"
Den Vergleich hatte ich nicht begonnen, ich wollte ihn lediglich richtig stellen - für die VR ist dann mit Vietnam und Korea ist die Liste auch schon voll, bleiben sonst die letzten 100 Jahre noch einige Bürgerkriege und die Verteidigung gegen Japan. Da muss man doch nicht ernsthaft mit den USA vergleichen, die im Schnitt ungefähr alle 6-8 Jahre in einen neuen Krieg "verwickelt" werden.

Na dann lesen sie mal die Abläufe im Koreakrieg nach,

auch wenn ich bezweifle, dass es da auf irgendeiner Seite Quellen gibt die die volle Wahrheit widergeben, der späte Zeitpunkt, ab dem sich China einmischt, die Bewegungen der US-Truppen zu diesem Zeitpunkt, und auch der Grund warum der US General MacArthur später entlassen wurde lassen vorsichtig formuliert auch ganz andere Deutungen zu...
Bleibt in diesem Zusammenhang noch erwähnenswert, dass die VR zu diesem Zeitpunkt von der UN nicht als Staat anerkannt war, was eine nicht ganz unwichtige Rolle gespielt haben könnte.

Erinnern Sie sich an mein Yang-Jiechi-Zitat, Kewei?

Als Antwort auf den Kommentar über die heutige Realität taugt das Argument nur, wenn Sie Amerika einen weiteren Krieg in und gegen Vietnam zutrauen, Shi Kewei. Vietnam tut das offenbar nicht. Auf See sind die USA Hanoi offenbar ganz recht.

Chinas Umgang mit der Geschichte unterscheidet sich von der früherer Dynastien nur graduell - wenn es passt, werden jetzt auch die früheren Herrscher als Beglaubigung für die eigene Friedlichkeit bemüht. Allerdings scheinen die alten Quellen selbst mitunter eine andere Sprache zu sprechen.

Chinas Nachbarn kennen andere Seiten der Geschichte als wir. Sie werfen Beijing das ebenfalls nicht ins Gesicht (das wäre ja beleidigend). Aber man tut gut daran, seine eigene Sicht Chinas gelegentlich daraufhin zu überprüfen, auf wessen Quellen man eigentlich verlässt.

Und wer die Kriege Amerikas aufzählt, sollte das militärische Gewicht in diesem Zusammenhang genauso berücksichtigen wie in schmeichelhaften Vergleichen chinesischer und amerikanischer Rüstungszahlen an sich. Dass Amerika weltweit involvierter ist, hat auch etwas mit dem 2. Weltkrieg zu tun. Und welche Kriege anteilig "recht" bzw. "unrecht" waren (auf beiden Seiten), diskutiere ich ein andermal. Wenn Interesse besteht.

"Genügend andere"

Das "Stockholm-Syndrom" bezieht sich meines Wissens auf eine Tendenz von Geiseln, sich mit den Geiselnehmern zu identifizieren. Im Zusammenhang mit diesem Artikel (und Thread) liest sich "Stockholm" so, als begäben sich unschuldige kleine Dummstaaten in die amerikanische Reichweite, und die Yankees klemmten sie sich unter den Arm und verschleppen sie - wohin auch immer.

Tun sie aber gar nicht. Sie sind nur in der unerfreulichen Lage, zwei Mächte gegeneinander ausbalancieren zu müssen, und eine der beiden ist ihnen lieber, weil ferner. Ich finde ja, Vietnam, die Philippinen, aber auch andere Nachbarstaaten wären ziemlich dumm, wenn sie es anders machen würden.

Und Amerika wäre dumm, wenn es das militärische Gegengewicht alleine bilden würde, ohne das Chinas Nachbarn auch selbst an ihren militärischen Kapazitäten arbeiten. Im Idealfall kommt es auch zwischen China und seinen Nachbarn zu einem Ausgleich, und der Bedarf nach einem US-Gegengewicht lässt nach. Aber im Moment sehe ich das noch nicht.

in der Gegend gibt es genügend andere, mit denen sich China so schnell nicht ernsthaft anlegen wird
Sie meinen, genügend andere, die diese Rolle für Vietnam oder die Philippinen übernehmen könnten? Wen denn?