Nun hat Europa auch David Cameron eingeholt. Der Premier wird mit dem ewigen Dilemma Großbritanniens konfrontiert , das seinen konservativen Vorgänger am Ende den Job kostete. Das Dilemma: Einerseits die Abneigung gegen unrealistische, utopische Konzepte kontinentaleuropäischer Eliten, andererseits das Wissen um die Notwendigkeit einer engeren Kooperation.

Eng verknüpft ist das europäische Dilemma Großbritanniens mit dem sogenannten German problem . In den Nachkriegsjahrzehnten schien noch eine dauerhafte Lösung dafür gefunden: Deutschland geteilt, eingebunden in antagonistische Militärbündnisse. Mit dem Ende des Kommunismus, dem Fall der Mauer und der Wiederherstellung der deutschen Einheit, brach diese Konstellation weg, zum Leidwesen vieler europäischer Nationen, wenngleich nirgendwo die Sorge vor der Wiederkehr eines aggressiven deutschen Nationalismus so unverblümt ausgesprochen wurde wie in Großbritannien.

Dort sahen viele in der Währungsunion und dem Integrationsprojekt der ever closer Union einen "deutschen Trick", so Nicolas Ridley, Minister des Thatcher-Kabinetts, um mit wirtschaftlichen Mitteln zu erreichen, was Hitler mit militärischen Mitteln versagt blieb. Ridley musste zurücktreten, die Angst vor Deutschland aber trug entscheidend dazu bei, die Tories, bis dahin im Gegensatz zu Labour die proeuropäische Kraft britischer Politik, in eine europaskeptische Partei zu verwandeln. Die Sorge vor einem übermächtigen Deutschland verebbte während der 1990er Jahre – die Bundesrepublik hatte mit ihren eigenen wirtschaftlichen Problemen zu tun.

Deutschland wird argwöhnisch beobachtet

Doch heute, angesichts von Euro-Krise und deutscher Stärke, ist das German problem zurück. Die Nationen Europas, allen voran die Briten, schauen argwöhnisch, wie Deutschland agiert. Sie nahmen besorgt die peinliche Rolle Berlins im Libyen-Konflikt wahr, kritisieren den "unwilligen europäischen Hegemon" und glauben, eine beunruhigende deutsche Neigung ausmachen zu können, einen Sonderweg einzuschlagen, Beispiel Energiewende und Atomausstieg. Andererseits erwarten sie aber von Berlin ganz selbstverständlich die Bereitschaft, die mediterranen Länder vor selbst verschuldetem Bankrott und Euro-Ausstieg zu bewahren.

Vor diesem Hintergrund läuft die weitere Episode im Dauerdrama "Großbritannien und Europa", in dem Premier David Cameron sich in einer hoffnungslosen Situation wiederfindet. Er weiß, dass der bittere Zwist der Tories über Europa bereits Margaret Thatcher zum Verhängnis wurde; sie fiel einer Kabale proeuropäischer Minister zum Opfer. Als junger Politiker erlebte er mit, wie der letzte konservative Premier John Major aufgerieben wurde im Streit mit den hartleibigen Europagegnern.

Die Rebellion von mehr als 50 Tories im Unterhaus vor zwei Wochen war ein böses Omen. Sie signalisiert die Entschlossenheit vieler konservativer Abgeordneter, sich nicht länger hinhalten zu lassen. Sie pfeifen auf Camerons verzweifelten Versuch, mittels hektischer Reisediplomatie durch die Hauptstädte der EU die Isolierung zu vermeiden und doch noch Bündnispartner zu finden für die Verhandlungen über das EU-Budget. Die Tories haben die Nase voll von "faulen Kompromissen", die ihnen selbst dann abverlangt würden, sollte Camerons Verhandlungsstrategie, die ein Einfrieren des Budgets vorsieht, Erfolg haben. Was mehr als fraglich scheint, auch wenn einige EU-Staaten, darunter Berlin und Stockholm , durchaus den britischen Widerwillen gegen mehr Geld für Brüssel teilen.

 In Europas Staatskanzleien wird der Abgang durchgespielt

Anders als London wissen Berlin, Den Haag und die skandinavischen Staaten, dass am Ende ein Kompromiss rauskommen wird und muss. Den Weg hat sich Cameron verbaut; politisch ist er in einer hoffnungslosen Situation, eingekeilt zwischen seinen Hinterbänklern, die nur eine Reduzierung des EU-Budgets zufriedenstellen würde. Ansonsten erwarten sie, dass Cameron ein Veto einlegt. Wie schon im vergangenen Jahr. Das aber würden die anderen EU-Staaten als feindseligen Akt deuten, wenn nicht als Beginn des Endes britischer Zugehörigkeit zum europäischen Club.

Vielen Tories wäre das recht. Sie wollen endlich das europäische Joch abschütteln und damit zugleich die Konkurrenz von UKIP loswerden, jener Partei, die den Austritt aus der EU fordert und deren Popularität die Wiederwahl vieler konservativer Abgeordneter gefährdet.

56 Prozent der Briten wollen raus aus der EU

Nicht nur über 60 Prozent der konservativen Wähler würde bei einem Referendum über die EU für den Austritt stimmen, auch die Mehrheit der Labour-Wähler. Insgesamt 56 Prozent der Briten wollen raus aus der EU. Das ist die traurige Wahrheit. Doch Premier Cameron will eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zur EU unter allen Umständen vermeiden. Das Risiko wäre zu groß, die Briten könnten für den Austritt stimmen. Ein Exit aber läge nicht im Interesse Großbritanniens. Darin weiß sich der Premier einig mit Labour-Chef Ed Miliband

Vieles deutet auf Scheidung hin, so sehr sie Cameron verhindern will. Seine Absicht, die Konditionen für die britische Mitgliedschaft neu auszuhandeln und die "Repatriierung" bestimmter Rechte zu erreichen, die bei Brüssel liegen, dürfte den Abschied noch beschleunigen. Warum sollte die EU bereit sein, ausgerechnet dem ewigen Nörgler noch eine Extrawurst zu braten? Der Eindruck verdichtet sich bei vielen EU-Partnern, dass Großbritanniens Abgang nicht mehr aufzuhalten ist. In diversen Staatskanzleien auf dem Kontinent wird dieses Szenario bereits ernsthaft durchgespielt. Nicht zuletzt in Berlin, wo seit geraumer Zeit viele gereizte Stimmen über die Briten zu vernehmen sind. Angela Merkel beschwor bei ihrer jüngsten Londoner Visite,  Großbritannien möge der Europäischen Union nicht den Rücken kehren. Ein Europa ohne Großbritannien könne sie sich einfach nicht vorstellen.

Es bedarf fast eines politischen Wunders, die verhängnisvolle politisch-psychologische Automatik, die auf den Austritt hindeutet, noch zu stoppen. Das "deutsche Problem" bleibt Europa so oder so erhalten, auch wenn sich Großbritannien aus dem Club verabschieden sollte. Sie bleibt Angelpunkt bei der Suche nach einer neuen europäischen Architektur, wie Margaret Thatcher in ihren Erinnerungen bemerkte, auch wenn "wohlerzogene Politiker dies als zu heikles Thema betrachten, als dass sie darüber reden würden".