Anders als London wissen Berlin, Den Haag und die skandinavischen Staaten, dass am Ende ein Kompromiss rauskommen wird und muss. Den Weg hat sich Cameron verbaut; politisch ist er in einer hoffnungslosen Situation, eingekeilt zwischen seinen Hinterbänklern, die nur eine Reduzierung des EU-Budgets zufriedenstellen würde. Ansonsten erwarten sie, dass Cameron ein Veto einlegt. Wie schon im vergangenen Jahr. Das aber würden die anderen EU-Staaten als feindseligen Akt deuten, wenn nicht als Beginn des Endes britischer Zugehörigkeit zum europäischen Club.

Vielen Tories wäre das recht. Sie wollen endlich das europäische Joch abschütteln und damit zugleich die Konkurrenz von UKIP loswerden, jener Partei, die den Austritt aus der EU fordert und deren Popularität die Wiederwahl vieler konservativer Abgeordneter gefährdet.

56 Prozent der Briten wollen raus aus der EU

Nicht nur über 60 Prozent der konservativen Wähler würde bei einem Referendum über die EU für den Austritt stimmen, auch die Mehrheit der Labour-Wähler. Insgesamt 56 Prozent der Briten wollen raus aus der EU. Das ist die traurige Wahrheit. Doch Premier Cameron will eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zur EU unter allen Umständen vermeiden. Das Risiko wäre zu groß, die Briten könnten für den Austritt stimmen. Ein Exit aber läge nicht im Interesse Großbritanniens. Darin weiß sich der Premier einig mit Labour-Chef Ed Miliband

Vieles deutet auf Scheidung hin, so sehr sie Cameron verhindern will. Seine Absicht, die Konditionen für die britische Mitgliedschaft neu auszuhandeln und die "Repatriierung" bestimmter Rechte zu erreichen, die bei Brüssel liegen, dürfte den Abschied noch beschleunigen. Warum sollte die EU bereit sein, ausgerechnet dem ewigen Nörgler noch eine Extrawurst zu braten? Der Eindruck verdichtet sich bei vielen EU-Partnern, dass Großbritanniens Abgang nicht mehr aufzuhalten ist. In diversen Staatskanzleien auf dem Kontinent wird dieses Szenario bereits ernsthaft durchgespielt. Nicht zuletzt in Berlin, wo seit geraumer Zeit viele gereizte Stimmen über die Briten zu vernehmen sind. Angela Merkel beschwor bei ihrer jüngsten Londoner Visite,  Großbritannien möge der Europäischen Union nicht den Rücken kehren. Ein Europa ohne Großbritannien könne sie sich einfach nicht vorstellen.

Es bedarf fast eines politischen Wunders, die verhängnisvolle politisch-psychologische Automatik, die auf den Austritt hindeutet, noch zu stoppen. Das "deutsche Problem" bleibt Europa so oder so erhalten, auch wenn sich Großbritannien aus dem Club verabschieden sollte. Sie bleibt Angelpunkt bei der Suche nach einer neuen europäischen Architektur, wie Margaret Thatcher in ihren Erinnerungen bemerkte, auch wenn "wohlerzogene Politiker dies als zu heikles Thema betrachten, als dass sie darüber reden würden".