Europäische UnionWarum Großbritannien die EU verlassen wird

Die EU war für die Briten schon immer "somehow nasty". Jetzt deutet vieles auf einen Austritt hin. Das liegt auch an Deutschland, analysiert Jürgen Krönig, London. von 

David Cameron

David Cameron  |  © Andrew Winning/Reuters

Nun hat Europa auch David Cameron eingeholt. Der Premier wird mit dem ewigen Dilemma Großbritanniens konfrontiert , das seinen konservativen Vorgänger am Ende den Job kostete. Das Dilemma: Einerseits die Abneigung gegen unrealistische, utopische Konzepte kontinentaleuropäischer Eliten, andererseits das Wissen um die Notwendigkeit einer engeren Kooperation.

Eng verknüpft ist das europäische Dilemma Großbritanniens mit dem sogenannten German problem . In den Nachkriegsjahrzehnten schien noch eine dauerhafte Lösung dafür gefunden: Deutschland geteilt, eingebunden in antagonistische Militärbündnisse. Mit dem Ende des Kommunismus, dem Fall der Mauer und der Wiederherstellung der deutschen Einheit, brach diese Konstellation weg, zum Leidwesen vieler europäischer Nationen, wenngleich nirgendwo die Sorge vor der Wiederkehr eines aggressiven deutschen Nationalismus so unverblümt ausgesprochen wurde wie in Großbritannien.

Anzeige

Dort sahen viele in der Währungsunion und dem Integrationsprojekt der ever closer Union einen "deutschen Trick", so Nicolas Ridley, Minister des Thatcher-Kabinetts, um mit wirtschaftlichen Mitteln zu erreichen, was Hitler mit militärischen Mitteln versagt blieb. Ridley musste zurücktreten, die Angst vor Deutschland aber trug entscheidend dazu bei, die Tories, bis dahin im Gegensatz zu Labour die proeuropäische Kraft britischer Politik, in eine europaskeptische Partei zu verwandeln. Die Sorge vor einem übermächtigen Deutschland verebbte während der 1990er Jahre – die Bundesrepublik hatte mit ihren eigenen wirtschaftlichen Problemen zu tun.

Deutschland wird argwöhnisch beobachtet

Doch heute, angesichts von Euro-Krise und deutscher Stärke, ist das German problem zurück. Die Nationen Europas, allen voran die Briten, schauen argwöhnisch, wie Deutschland agiert. Sie nahmen besorgt die peinliche Rolle Berlins im Libyen-Konflikt wahr, kritisieren den "unwilligen europäischen Hegemon" und glauben, eine beunruhigende deutsche Neigung ausmachen zu können, einen Sonderweg einzuschlagen, Beispiel Energiewende und Atomausstieg. Andererseits erwarten sie aber von Berlin ganz selbstverständlich die Bereitschaft, die mediterranen Länder vor selbst verschuldetem Bankrott und Euro-Ausstieg zu bewahren.

Vor diesem Hintergrund läuft die weitere Episode im Dauerdrama "Großbritannien und Europa", in dem Premier David Cameron sich in einer hoffnungslosen Situation wiederfindet. Er weiß, dass der bittere Zwist der Tories über Europa bereits Margaret Thatcher zum Verhängnis wurde; sie fiel einer Kabale proeuropäischer Minister zum Opfer. Als junger Politiker erlebte er mit, wie der letzte konservative Premier John Major aufgerieben wurde im Streit mit den hartleibigen Europagegnern.

Die Rebellion von mehr als 50 Tories im Unterhaus vor zwei Wochen war ein böses Omen. Sie signalisiert die Entschlossenheit vieler konservativer Abgeordneter, sich nicht länger hinhalten zu lassen. Sie pfeifen auf Camerons verzweifelten Versuch, mittels hektischer Reisediplomatie durch die Hauptstädte der EU die Isolierung zu vermeiden und doch noch Bündnispartner zu finden für die Verhandlungen über das EU-Budget. Die Tories haben die Nase voll von "faulen Kompromissen", die ihnen selbst dann abverlangt würden, sollte Camerons Verhandlungsstrategie, die ein Einfrieren des Budgets vorsieht, Erfolg haben. Was mehr als fraglich scheint, auch wenn einige EU-Staaten, darunter Berlin und Stockholm , durchaus den britischen Widerwillen gegen mehr Geld für Brüssel teilen.

Leserkommentare
  1. durch Politiker, die nicht die EU wollten sondern nur einen relativ kurzfristigen Vorteil. Dem entsprechend lückenhaft wurden die Verträge gestaltet. Im übrigen wurden wir vom Kohl und Waigel nach strich und Faden belogen. Der Euro war nicht sicher, auch wenn heute von einigen so getan wird, als sei er es gewesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und argumentieren Sie differenziert. Danke, die Redaktion/jp

    • Moika
    • 21. November 2012 16:18 Uhr

    Wie heißt es ganz richtig: Reisende soll man nicht aufhalten.

    Um es kurz zu machen: Was die Erzkonservativen vor allem treibt ist eine regelrechte Wut darüber, daß ihr Land trotz Atom-Ubooten, Flugzeugträgern usw. in Europa mehr und mehr nur noch die zweite Geige spielt. Sie können es einfach nicht vertragen, daß das Dominion längst Geschichte ist und Träume darüber nichts anderes noch als Schäume.

    England hat praktisch seine gesamten produktiven Industrien eingestampft und für eine Welt aus Dienstleistungen eingetauscht. Wie fragil die aber sind - da sie fast keine Mehrwertschöpfungen ermöglichen, erleben sie heute. Man ist dem Wohl und Wehe praktisch eines einzigen Wirtschaftsbereichs ausgeliefert: der Finanzindustrie.

    Bekommt die das Flattern, flattert gleich das gesamte Land. In dieser Konstellation, da mache ich mit nichts vor, ist England ein Staat auf einem absterbendem Ast - und das Wissen die Konservativen nur zu gut.

    So müssen sie zusehen, daß Deutschland den Einfluß gewinnt, den sie selbst in den letzten Jahrzehnten durch eigenes Verhalten und durch eigene Schuld verloren haben. Das schmerzt - und wie. Ich kenne einige von ihnen...

    Antwort auf "sie wollten auch"
  2. ...'erwarten sie andererseits von berlin ganz selbstverstaendlich die bereitschaft, die mediterranen laender vor selbst verschuldetem bankrott und euro-austritt zu bewahren'?

    wir haben 'keinen' EURO!!! und wenn dieser massgeblich mitverantwortlich fuer den 'selbstverschuldeten' bankrott der suedlaender ist, WARUM sollten wir 'helfen'???

    zudem ist wieder eines nicht verstanden worden und es wird mit 'thatcherisums' polemisiert ->

    a. eine 'wirtschaftsunion' ist vollkommen ok!!!

    b. eine 'politische union' mit ausuferndem 'nanny-state' gelenkt aus bruessel ist 'nicht' (!!!) erwuenscht, geschweige denn erstrebenswert.

    wir sind damals einer wirtschaftsunion beigetreten und nicht einer politischen union -> leider wird der buerger hierueber in der gesamten union zuwenig aufgeklaert und demnaechst essen wir alle eine marmelade und fahren alle golf...

    cheers

    p.s. welchen zweck hat der artikel? angst etwa vor zahlungsausfaellen aus gb als geberstaat?

  3. Im Artikel wie den Kommentaren klingt irgendwie an, dass Großbritannien sich aus Europa entfernen möchte, gleichsam, dass die Insel in den nächsten Wochen in den Atlantik schwimmt oder gleich nach China.

    Dabei ist die Skepsis und Müdigkeit der Briten zu der Europäischen Union auch in Deutschland und vielen anderen EU-Staaten spürbar und wird stets größer, da sich immer mehr zeigt, dass dieses merkwürdige Halb-Gebilde EU nicht krisenfest ist, und zur Zeit wenig spürbare Vorteile mit sich bringt - im Gegenteil: Die Türken wollen gar nicht mehr in die EU, die USA "vergessen" sie, und auch Russland orientiert sich nach China etc. um. Daran sind die EU-Bürokraten selbst schuld.

    Was aber bleiben wird, ist doch der Europäische Gedanke, der viel größer ist, als Brüssel, viel wichtiger als die Frage, wer wieviel Geld von wem erhält oder wer welche Kompetenzen an nicht gewählte Instanzen abgeben muss.

    Somit geht GB vielleicht den klügeren Weg. Von dem undurchsichtigen und unsympathischen Gerangel hin zu einem Neustart in europäischer Nachbarschaftspolitik.

    • y5rx
    • 21. November 2012 16:23 Uhr

    Das wird nicht nur der Austritt GB aus der EU, sondern der Anfang vom Ende GBs selbst. Die Schotten werden 2014 entscheiden, ob sie bleiben oder gehen. In Wales gibt es ähnliche Bestrebungen. In Nordirland geht das ja schon seit Jahrzehnten um...
    Das Empire ist dahin, der große Bruder USA liegt auch siech darnieder. Das trifft halt hart.
    Es wird Änderungen in der EU geben. Euro-Land wird als Kern bestehen und sich weiter integrieren. Die Aufgabe ist, daß das demokratischer abläuft, als die EU früher funktionierte.

    • Moika
    • 21. November 2012 16:23 Uhr

    Klar, Frau Merkel ist an allem Schuld, selbst wenn in China ein Sack Reis platzt.

    Für Ihren Urlaub kann ich Ihnen z.B. unser schönes Land empfehlen, das taugt selbst für Anspruchsvolle Gäste!

  4. doch nur daran das in Europa mehr und mehr ein Konsens entstanden ist, das die Finanzmärkte gezügelt werden müssen. Die Probleme der EU wurden immerhin von den Finanzmärkten und einer britischen Goldman Sachs Mitarbeiterin hauptsächlich mit verursacht indem die griechischen Bilanzen gefälscht wurden!! Ist das etwa OK? Oder ist etwa der nächste logische Schritt ala Goldman Sachs das die EU die sich immer noch bemüht die Finanzmärkte mit ins Boot zu holen kollabieren zu lassen und deshalb will England aussteigen um die Geschichte zu wiederholen? Vorsicht, irgendwann lässt sich auch ewig grüßt das Murmeltier nicht wiederholen!! Ich fände es nicht gut wenn die Briten die EU verlassen würden an sich könnten die Briten auch mal testweise der EU entgegenkommen und wenns nix wird denken wir uns in der EU neue Wege aus und folgen dann testweise mal den britischen Ideen. Letztendlich wollen wir doch alle das Europa überlebt und das schaffen wir nicht mit entfesselten betrügerischen Finanzmärkten und einem Kapitalismus der wirklich jede gesellschaftliche Infrastruktur zerstört. Ich bin mir sicher die britischen Arbeitnehmer und Normalos denken genauso. Ich davon überzeugt das die britischen Arbeitnehmer auch sehr darunter leiden das ihre so genannten Eliten das Land völlig deindustrialisiert haben und nur noch auf Spekulanten setzen.

  5. und nicht Deutschland.

    Ich bin die letzten Jahre öfters auf der Insel gewesen, auch dieses Jahr.

    Spätestens nach dem dritten Pint war ich mit meinen Gastgebern einig darüber, dass die Politiker und die Politik das Problem sind, nicht die Deutschen, nicht die Engländer, Schotten, Iren usw.

    Ich bin mit Cameron, Sohn eines Börsenmaklers und Schutzpatron der Zocker, genauso wenig einverstanden wie mit Merkel, einem Außenminister der unsichtbar ist, oder einem Leichtmatrosen als Wirtschaftsminister.

    Deshalb eine Bitte: Nicht von Politikern, oder Medien gegeneinander Aufhetzen lassen!

    Prost, Cheers, Sláinte!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service