Der französische Regierungsberater Louis Gallois empfiehlt eine Schocktherapie, um die derzeit schwache Wirtschaft des Landes wettbewerbsfähiger zu machen. "Ich schlage 22 Maßnahmen vor, um die Rutschpartie zu stoppen", sagte der ehemalige Chef des Luft- und Raumfahrtunternehmens EADS nach der Übergabe seines 65-seitigen Dossiers an Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault. Es sei ein "Wettbewerbsschock" nötig, um die verlorene Industriebasis wieder aufzubauen. Vor allem geht es Gallois um eine deutliche Senkung der Arbeitskosten: Er will die Arbeitgeber um 20 Millionen Euro und die Arbeitnehmer um zehn Milliarden Euro an Sozialabgaben entlasten.

Diese Summe soll durch Ausgabenkürzungen und höhere Mehrwertsteuern finanziert werden. Gallois schlägt auch eine Ökosteuer auf Diesel vor sowie höhere Abgaben auf Mieteinnahmen. Die Mehrwertsteuer soll von 19,6 auf 20 Prozent steigen. Außerdem ist eine Erhöhung der von allen Bürgern zu zahlenden Sozialsteuer CSG im Gespräch. Dazu käme nach Gallois' Vorstellungen ein Abbau der Bürokratie, um dem Mittelstand zu helfen.

Jugendliche sollen ermutigt werden, wissenschaftliche oder technische Berufe zu ergreifen; duale Ausbildungsplätze in Betrieb und Berufsschule sollen verdoppelt werden. Zudem will Gallois den Forschungshaushalt in den kommenden fünf Jahren nicht angetastet wissen. Außerdem soll die Regierung prüfen, ob in Frankreich Schiefergas abgebaut werden kann. Die mit den Sozialisten regierenden Grünen lehnen den umweltbelastenden Abbau des Gases ab, mit dem teure Gasimporte verringert werden könnten.

Das Anfang Juli von Premierminister Ayrault in Auftrag gegebene Gutachten umfasst auch detaillierte Empfehlungen für Exporthilfen, Bürokratieabbau sowie Forschungs- und Innovationsförderung. Das Kabinett will am Dienstag über Gallois' Bericht beraten und erste Maßnahmen beschließen. Präsident François Hollande kündigte auf seiner Asienreise an, dass Schlüsse daraus gezogen würden: "Alles wird für den Arbeitsmarkt getan."

In der linken Regierung, die das Haushaltsdefizit mit einem Sparhaushalt 2013 wieder unter drei Prozent drücken will, stoßen die Vorschläge auf Vorbehalte. Die Reformvorschläge überforderten das Land in der jetzigen Lage, hieß es in Regierungskreisen in Paris : "Wir können nicht die Finanzen in Ordnung bringen und zugleich einen Wettbewerbsschock verabreichen."

Mehr als drei Millionen Arbeitslose

Frankreich hatte 2011 ein Außenhandelsdefizit von fast 70 Milliarden Euro ausgewiesen. In den vergangenen Jahren brachen Hunderttausende Industriejobs weg. Allein der Autobauer PSA Peugeot Citroën kündigte den Abbau von 8.000 Stellen an. Die Arbeitslosigkeit stieg Ende September über die Drei-Millionen-Marke und ist damit so hoch wie seit 13 Jahren nicht mehr.

Der Internationale Währungsfonds ( IWF ) nannte den Bericht von Gallois eine einmalige Gelegenheit für umfassende Reformen: "Der deutliche Verlust an Wettbewerbsfähigkeit verdüstert die Wachstumsaussichten." Der Fonds sieht die Gefahr, dass Frankreich ohne Reformen den Anschluss an seine europäischen Nachbarn verpassen könnte. Die Ursachen der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit reichten zwar in die Zeit vor der jetzigen Krise zurück. "Doch es besteht die Gefahr, dass sich die Lage verschlimmert, wenn sich Frankreich nicht im selben Tempo bewegt wie seine Handelspartner in Europa , insbesondere Italien und Spanien ", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde , die unter Präsident Nicolas Sarkozy Frankreichs Finanzministerin war.