Friedensnobelpreis : Ehemalige Preisträger kritisieren Auszeichnung der EU

Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu und zwei weitere Preisträger halten die EU nicht für auszeichnungswürdig. Zu militaristisch seien die Staaten Europas.

Drei frühere Preisträger haben die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU kritisiert . Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu rief die Stockholmer Nobelstiftung auf, die Dotierung von acht Millionen Kronen (924.500 Euro) an die EU zu verweigern. Tutu hatte den Preis 1984 in Oslo erhalten. Mit ihm unterzeichneten die nordirische Preisträgerin von 1976, Mairead Maguire, und der 1980 ausgezeichnete argentinische Menschenrechtler Adolfo Peréz Esquivel die Forderung.

In ihrem Brief erklärten die drei Preisträger, dass die EU "eindeutig kein Vorkämpfer für den Frieden" sei, wie es der Preisstifter Alfred Nobel in seinem Testament im Sinn gehabt habe. Die Entscheidung des Komitees verfälsche deshalb den Stifterwillen.

"Die EU strebt nicht nach der Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär. Die EU und ihre Mitgliedsländer gründen kollektive Sicherheit weit mehr auf militärischen Zwang und die Durchführung von Kriegen als auf die Notwendigkeit eines alternativen Herangehens", heißt in dem Schreiben weiter.

Nobelkomitee verteidigt Auszeichnung

Der Chef des Nobel-Instituts, Geir Lundestad, reagierte auf die Kritik der drei Preisträger und rechtfertigte die Auszeichnung der EU erneut: "Wir haben den Geist des Testamentes eindeutig erfüllt. Es ist aber unstrittig, dass man nicht alle von Nobel gestellten Bedingungen in einem Jahr vollständig erfüllen muss."

Das Komitee hatte seine Entscheidung im Oktober vor allem mit der Rolle der EU als Friedensbewahrer in Europa über sechs Jahrzehnte begründet . Der Friedensnobelpreis wird am 10. Dezember in Oslo an die EU übergeben.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Desmond Tutu hat völlig Recht

Die Kritik ist mehr als berechtigt...

„Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: […] und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.

Alfred Nobel

Kann mir einer ein Beispiel nennen, in denen sowohl Obama, als auch die EU einen dieser Faktoren erfüllt?

Kann ich.

Mit der EU Begründung: "für über sechs Jahrzehnte, die zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beitrugen" war M.E. weniger die Aussenwirkung als die Wirkung innerhalb Europas gemeint.

Immerhin bekriegt man sich nichtmehr selbt (zumindest nicht mehr so oft). Könnte man das gleiche von der AU oder ASEAN behaupten sollten auch diese den Preis erhalten.

Bei Obama wird es schwieriger, aber durch die Abwahl der Bush Mannschaft hat er viel zum Frieden beigetragen. Zumindest die "Wiedereingliederung" der int. Gemeinschaft in amerikanische Entscheidungsprozesse / Kriege war ein Fortschritt.

Unstrittig, neutral oder gar objektiv waren diese Preise nie.

Den inneren Frieden für Jahrzehnte bewahrt

(mit ein paar Ausnahmen) hat auch der Warschauer Pakt; das also als Begründung anzuführen, ist absolut lächerlich und zeugt von einem geistigen Bankrott des Komitees. Wenn ich mir ansehe, wie hier in Spanien Leute wegen der durch die EU aufgezwungenen Sparmaßnahmen vom Staat zusammengeprügelt werden, dann dreht sich mir der Magen um.

Frieden nach innen heißt noch lange nicht Frieden nach außen - dafür aber sollte der Preis stehen. Die vorherigen Kommentatoren haben bereits genügend Beispiele geliefert, die zeigen, wie wenig diese beiden korrelieren müssen.

Ach ja?

Und was ist der Unterschied zu jetzt? Lediglich ein gradueller. Die EU, genauer gesagt die Eurozone, wird derzeit auch diktatorisch und mit Gewalt zusammengehalten (s. Monti-Regierung, Griechenland, Austeritätsmaßnahmen, etc.). Im Wesen ist das nicht groß anders.

Ansonsten hat auch der Warschauer Pakt Jahrzehnte lang für relativen Frieden im Inneren gesorgt.

Nichtsdestoweniger: Ihnen sollte aufgefallen sein, dass es sich mehr um Sarkasmus handelte. Natürlich gibt es einen Unterschied - nur, wie gesagt, nicht so groß, wie SIE denken. Der Punkt war ja auch eher ein anderer, nämlich dass es nicht auf das Innen-, sondern auf das Außenverhältnis ankommt. Das scheint Ihnen aber vor lauter Empörung über den ach so bösen Vergleich entgangen zu sein.

Für mich geht ferner noch um einen weiteren Punkt: Der Preis (bzw. die Begründung) unterstellt, dass es die EU war, die den Frieden garantiert hat. Nun, ich würde dies als einen post-hoc-ergo-propter-hoc-Irrtum bezeichnen - ein Irrtum, der annimmt, dass etwas für einen Effekt verantwortlich war, nur weil es diesem vorausging. Es ist für mich jedoch fraglich, ob es die EU für den Frieden wirklich brauchte, insbesondere (!) in dieser Form. Kooperation heißt nämlich nicht gleich Zentralisierung.

Strukturelle Macht

Wenn man statt Einzelpersonen, NGOs oder kleinen Gruppen, eben internationale bzw. supranationale Organisationen auszeichnet, muss man damit rechnen, dass diese nicht vollständig Nobels Kriterien entsprechen. Warum? Bei allen relevanten Akteuren der Geopolitik geht es immer um strukturelle Macht, und strukturelle Macht hat ihre schmutzigen Seiten: Wirtschaftsinteressen, Einflusssphären und Militärinterventionen. Man kann sich darüber streiten, ob diese dabei noch preiswürdig sind. Ich finde schon, solange es einen überragenden Daseinszweck dieser Organisationen gibt, der einen menschlichen Fortschritt darstellt. Im Falle der EU ist dies die ökonomische Integration ehemals verfeindeter Staaten, um kriegerische Auseinandersetzungen zwischen diesen unmöglich zu machen. Das ist preiswürdig.

Man könnte auch fragen: Warum hat Henry Kissinger den Friedensnobelpreis erhalten? Oder Obama?

Und es ist nicht nur die Militärdoktrin...

Man schaue sich nur einmal an, wie die EU sich auch in wirtschaftlicher Sicht als zerstörerische Hegemonialmacht erweist:
vom Leerfischen afrikanischer Küstengewässer (und der Zerstörung der Lebensgrundlage der dort ansässigen Fischer, die dann gern mal zu Piraten werden) über den Export subventionierter Agrarüberschüsse in Entwicklungsländer (die dort den einheimischen Markt komplett ruinieren) bis hin zu - bisweilen noch von individuellen EU-Staaten vorangetriebenen - Waffenexporten in Krisenregionen.

Nein, die EU ist in ihrer jetzigen Version als undemokratischer Verband wirtschaftshöriger Technokraten alles andere als nobelpreiswürdig.
Daran kann auch der hehre Traum von einem friedlich geeinten Europa nichts ändern.